Aarau/Schönenwerd

Als Jugendliche wurde sie zur IV-Bezügerin – doch Nicole hat die Chance gepackt

Nicole hat schwierige Zeiten hinter sich. Der Tod ihres Vaters warf sie aus der Bahn, sie wurde IV-Bezügerin. Dann kam die Migros – der orange Riese verhalf ihr zu einem neuen Start.

Janine Gloor
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Nicole Imfeld in ihrem Reich. Dank der Migros konnte sie eine Lehre machen und nach einem Schicksalsschlag ins Lebenzurückfinden. Bruno Kissling

Nicole Imfeld in ihrem Reich. Dank der Migros konnte sie eine Lehre machen und nach einem Schicksalsschlag ins Lebenzurückfinden. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Nicole Imfeld muss lachen, als sie ein Bild von sich sieht, das vor zwei Jahren in der Aargauer Zeitung erschienen ist. «Die Haare sind anders», stellt sie fest. Heute trägt sie sie länger. Doch auch sonst hat sich vieles verändert.

Nicole Imfeld damals in der Molkereiabteilung der Migros-Filiale Igelweid. (Archiv)

Nicole Imfeld damals in der Molkereiabteilung der Migros-Filiale Igelweid. (Archiv)

Josua Bieler

Die Nicole Imfeld, die vor zwei Jahren etwas scheu in die Kamera lächelte, hatte gerade eine Lehrstelle für die zweijährige Grundausbildung zur Detailhandelsassistentin ergattert. Ein grosser Schritt für die damals 19-Jährige. Sie hatte schwierige Zeiten hinter sich. Der Tod ihres Vaters warf sie aus der Bahn, Imfeld wurde IV-Bezügerin. Keine guten Bedingungen für eine junge Frau, die das Leben noch vor sich hat.

Doch dann kam die Migros. Nicole Imfeld erhielt in der Aarauer Migros in der Igelweid einen Ausbildungsplatz für Personen mit Leistungseinschränkungen. «Die zwei Jahre der Lehre sind schnell vorbei», sagt Imfeld.

Heute lächelt sie nicht mehr scheu, sie strahlt. Nach ihrer Lehrzeit in Aarau wurde sie in der Migros Schönenwerd angestellt. Selbstsicher führt sie durch die Filiale, grüsst im Vorbeigehen eine Kundin und zieht im Kühlregal die Quarkbecher nach vorn.

Nicole Imfeld ist stolz auf ihren Abschluss. Die Diplomfeier in der Stadtkirche war ein besonderer Moment. «Alle waren so schön angezogen und nur wegen uns da.» Gleich nach der Arbeit hat sie sich von Schönenwerd aufgemacht in die Stadtkirche Aarau. «Ich hatte nur zwei Stunden zum Umstylen», sagt sie und lächelt wieder, diesmal verschmitzt.

Viele schämen sich sogar

Nicole Imfeld findet es gut, dass nach dem Abschluss ihrer Lehre nochmals über sie berichtet wird. «Die Öffentlichkeit soll wissen, dass es dieses Angebot gibt», sagt sie bestimmt. «Jugendliche mit Lernschwächen oder psychischen Problemen reden nicht darüber oder schämen sich sogar.»

Während ihrer Lehre habe sie sich wie eine normale Lernende fühlen können. «Es braucht einfach die richtige Unterstützung.» Diese hat sie bekommen. Dank den Betreuerinnen und eines verständnisvollen Filialleiters habe sie gelernt, ihre Probleme anzusprechen und damit umzugehen.

Nicht nur schöne Worte

Ihr neuer Filialleiter, Markus Bütikofer, ist zufrieden mit seiner Mitarbeiterin. «Sie ist sehr interessiert und hat sich schnell integriert.» Bütikofer liefert nicht nur schöne Worte. Er möchte, dass Imfeld stellvertretende Chefin der Molkereiabteilung wird. Diese muss die Bestellung für den nächsten Tag machen können.

Imfeld und Bütikofer üben, sie arbeiten sich Produkt für Produkt vor. «Wie viele Schoggi-Joghurts müssen wir für morgen bestellen?», fragt er zum Beispiel. Dass er bei Imfeld etwas mehr Zeit investieren muss, als bei einer anderen Mitarbeiterin, stört ihn nicht. «Ihr Interesse und ihre aufmerksame Art machen alles wett.» Er finde es sensationell, dass die Migros Jugendliche wie Nicole Imfeld ausbildet.

In der «Molki» hat Nicole Imfeld schon während ihrer Lehre in Aarau gern gearbeitet. Hier steht auch ihr momentanes Lieblingsprodukt im Regal – eine Schokoladenmilch. Die Tücken der Molkereibestellung zu bezwingen, ist übrigens nicht das einzige Ziel, das Nicole Imfeld im Moment hat. «Ich werde ständig mit ‹Signora› angesprochen», sagt sie. Die Kundinnen und Kunden seien jeweils sehr enttäuscht, wenn sie nicht antworten könne. Deshalb hat sich Nicole Imfeld vorgenommen, als Nächstes Italienisch zu lernen.