Kaserne Aarau

Auch Aarau will das Militär loswerden – aber bitte nicht zu schnell

Das Militär verlässt eine Stadtkaserne nach der anderen und zieht an den Rand der Agglomerationen. Nur in Aarau soll das Areal direkt neben dem Bahnhof noch Jahrzehnte besetzt bleiben. Doch: Ein überstürzter Auszug wäre ebenfalls ungünstig.

Sabine Kuster
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Kasernenareal Aarau: Der Stadtrat hofft auf den Auszug des Militärs mitten im Zentrum. J. Vurma

Kasernenareal Aarau: Der Stadtrat hofft auf den Auszug des Militärs mitten im Zentrum. J. Vurma

Drei blockierte Hektaren Land direkt neben dem Aarauer Bahnhof. In einer Stadt, in der gerade die letzten freien Quadratmeter bebaut werden und wo Verdichten keine Zukunftsvision ist, sondern pure Notwendigkeit, sind drei Hektaren verlockend viel Platz – auch wenn es sich dabei um die Stadtkaserne handelt.

Plötzlich fällt es der Stadt Aarau leicht, die Militärtradition aufzugeben. Der 63-jährige Aarauer Stadtbaumeister Felix Fuchs sagt: «Das Kasernenareal ist ein Filetstück. Wenn ich dran denke, finde ich es schade, dass ich nicht noch 20 Jahre jünger bin.»

Der Nutzen der Armee für Aarau

Arbeit: Trotz dem Abzug der Infanteristen vom Waffenplatz Aarau würden die 40 Vollzeitstellen erhalten bleiben. Und wie bis anhin würden für die Verpflegung «grundsätzlich immer lokale Lieferanten berücksichtigt», sagt Peter Minder vom Militärdepartement.

Gewerbe: «Pickwick»-Wirt Roland Gubler rechnete aus, dass die Rekruten 20% des Tagesumsatzes ausmachten, wenn sie Ausgang haben. Da dies nur an rund 50 Tagen im Jahr der Fall ist, beträgt der Anteil des Militärs an Gublers Jahresumsatz 3 Prozent. Mit dem Rekrutierungszentrum werden der Bedarf an Lebensmitteln und Restaurantbesuche abnehmen.

Miete und Steuern: Die Armee bezahlt dem Kanton jährlich 3,6 Millionen Franken Miete. Ob diese Einnahmen durch Steuern bei einer privaten Nutzung stark gesteigert werden könnten, ist unsicher: Laut Martin Tränkle vom Kantonalen Steueramt bezahlt die Hälfte aller Firmen nur die Minimalsteuer von 820 Franken pro Jahr. Da kann die Gebäudevermietung einträglicher sein. Tränkle weist jedoch darauf hin, dass nicht nur die Firmen-Steuern eine Rolle spielen: «Wenn Arbeitsplätze geschaffen werden, Neuzuzüger kommen oder Restaurants profitieren, ist das genauso im Interesse einer Stadt.» (kus)

Die Ideen spriessen bereits, wer das Land und den denkmalgeschützten Teil der Kaserne nutzen könnte: Start-up-Firmen, Künstler, Sportler, ein Grossunternehmen, Wirte. Und von einem grossen öffentlichen Platz träumt die Stadt auch. Dabei hat das Schweizer Militär eigentlich gerade erst beschlossen, die Kaserne nicht aufzugeben. Doch statt dass die Diskussion damit beendet wäre, sind in Aarau die Gelüste nach dem Stück Land erst recht erwacht. Eine Petition wurde eingereicht, der Stadtrat bat im Januar den Regierungsrat, sich in Bern gegen den Standort Aarau auszusprechen.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Es gibt nur noch vier weitere Schweizer Städte, in denen die Kaserne im Zentrum militärisch genutzt wird: Thun, Kriens, Herisau, Liestal. In diesen Städten ist das Militär unbestritten. Der Waffenplatz Thun ist so gross, dass ein Abzug für die Stadt tatsächlich ein wirtschaftliches Problem wäre. Nicht direkt im Stadtzentrum, aber eingeklemmt zwischen Kriens und Luzern liegt die Höhere Kaderschule der Armee. Die Gebäude werden auch von privaten Ausbildungsinstitutionen genutzt. Gerne gesehen ist die Armee in Herisau und in Liestal. Die Baselbieter Regierung hatte aktiv für den Standort Liestal lobbyiert. Als der Beschluss der Armee bekannt wurde, sagte dann auch Stadtpräsident Lukas Ott, er freue sich.

In Aarau aber erscheint die Armee wie ein Gast, den man über Jahrzehnte geschätzt hat, der aber nun zu lange sitzen bleiben will. In anderen Schweizer Städten sind das Kasernenareal und die historischen Gebäude mitten im Zentrum längst umgenutzt: In St. Gallen wurde die Kaserne 1980 abgebrochen, heute liegt dort die Autobahnausfahrt. Die ehemalige Militärkantine wird derzeit zu einem Hotel umgebaut. Das restliche Areal ist ein Naherholungsgebiet. In Yverdon wurde die Kaserne erst kürzlich in Büros umgewandelt. In Zürich zog das Militär 1987 aus der Kaserne. Diese wird seither von der Polizei genutzt. Geplant ist, dass sie 2018 auszieht. Die Wiese ist schon frei zugänglich. In Bern war die Kaserne nie ein Thema: Man hat sie bereits um 1875 aus dem Stadtkern an den Rand verlegt. Schon seit 1966 ist die alte Kaserne in Basel ein Kulturzentrum. In Winterthur ist dies seit 1988 so. Nur das Kommando der Brigade 11, welches nicht direkt im Zentrum liegt, will Winterthur jetzt lieber behalten – der 164-jährigen Bezeichnung als Garnisonsstadt wegen.

In jenen Städten, in welchen das Militär die Kasernen gemäss dem neuen Stationierungskonzept verlässt, hat es keine Proteste gegeben: Frauenfeld will in der Stadtkaserne Firmen ansiedeln und ist froh, dass der Waffenplatz Auenfeld ausserhalb dafür stärker genutzt wird. Freiburg hat bereits «grossen Appetit» auf die «höchst strategischen» 4,5 Hektaren Land der Kaserne La Poya, wie sich Regierungsrat Erwin Jutzet gegenüber «Le Temps» ausdrückte. Der Abzug der Armee aus dem Entwicklungsgebiet sei gleichzeitige ein Verlust und eine Chance. Die Politiker hatten sich in der Vergangenheit noch für den Verbleib der Armee starkgemacht, doch jetzt seien die urbanen Perspektiven «verführerisch», schrieb «La Liberté». Ausser den Café-Besitzern werde niemand den Abzug der Armee bedauern. Die einen wollen dort Wohnungen, das lange erwartete Hallenbad oder Büros bauen. Andere möchten, dass die Polizei ein Gefängnis baut und der Zivilschutz einzieht.

In Genf ist das Gelände der Kaserne «des Vernets» bereits verplant als Teil des Quartiers Praille: 1500 Wohnungen sollen gebaut werden. Die Stadt hat die total 110 Hektaren Land vom Bund im Baurecht übernommen. Man rechnet mit 22 Millionen Franken Investitionen, einem Quadratmeterpreis von 688 Franken und einer Rendite zwischen 3,5 und 6% – das sind rund 58 Millionen Franken jährlich.

Doch die Prognose sei mit grösster Vorsicht zu geniessen, schreibt die «Tribune de Genève». Denn sie betreffe ein Quartier, das total umgekrempelt werde, was Jahrzehnte dauern könnte.

Das würde auch für Aarau gelten. Stadtbaumeister Felix Fuchs sagt, ein plötzlicher Abzug der Armee schon im Jahr 2018 wäre sehr ungünstig, denn die Planung für eine Nutzung der Kaserne werde viel Zeit beanspruchen. 2030 läuft der Vertrag für den Waffenplatz aus. «Das wäre wiederum spät. Ein kontinuierlicher Abzug bis in die frühen 2020er-Jahre wäre ideal für eine sorgfältige Planung», so Fuchs.