Aarau

Crêpes, Cups und grosse Pläne - «La Crêperie» wird 10 Jahre alt

Eine Erfolgsstory – obwohl der Crêpeur kaum Französisch kann. Wie der damals 26-jährige Schreiner, Junioren-Nati-Schwimmer und semiprofessionelle Skater auf die Idee kam, eine Crêperie zu eröffnen.

Samuel Schumacher
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Philippe Gacond hat vor zehn Jahren die «La Crêperie» eröffnet. Sein persönlicher Favorit auf der Menükarte: die Honig-Ingwer-Crêpe.

Philippe Gacond hat vor zehn Jahren die «La Crêperie» eröffnet. Sein persönlicher Favorit auf der Menükarte: die Honig-Ingwer-Crêpe.

Philippe Gacond kommt 20 Minuten zu früh, entschuldigt sich trotzdem «für die Verspätung», setzt sich ans kleine Tischchen in seiner Crêperie an der Pelzgasse und bestellt ein Orangina. Ein Orangina? Er, der «Filterkaffee-Prophet», der Inhaber des «Home Barista»-
Kaffeeshops an der Bahnhofstrasse, Gründer des «Café Ccino» am Rain, in der jeder Cappuccino daherkommt wie ein kleines Kunstwerk? Dieser Mann also,der von sich sagt, Kaffee sei seine grösste Leidenschaft, dieser Mann bestellt sich in seinem eigenen Café ein Orangina? Er komme gerade von einem 84-jährigen Kunden, der bei ihm eine Kaffeemaschine kaufte, entschuldigt sich Gacond. «Ich habe den Morgen damit verbracht, die Maschine richtig einzustellen und etwa 20 Testtassen probiert.»

20 Tassen Kaffee pro Tag, das ist bei Philippe Gacond keine Seltenheit. Die Tassen austrinken, das tut er aber selten. Ausser eben, der Kaffee wäre ihm perfekt gelungen. Und darüber, was ein perfekter Kaffee ist, könnte der 35-jährige Aarauer stundenlang erzählen: über den Kaffeeanbau, die handgepflückten Bohnen, die Röstung, die Lagerung ... Gacond kommt ins Schwärmen, vom «Cup of Excellence» aus dem kriegsgeplagten Burundi etwa. «Sogar meine Frau, die immer nur gezuckerten Latte macchiato getrunken hatte, war begeistert.» Auf Facebook findet sich ein Eintrag, in dem er sogar Gott für diesen Kaffee dankt. Gläubig? Ja, gläubig sei er schon ein bisschen. Der Glaube tue ihm gut. Der Respekt, die Einsicht, dass man eben doch nicht ganz der Chef sei: «Das ist mir viel Wert.»

Doch eigentlich ist Philippe Gacond nicht gekommen, um über Gott und Kaffee zu sprechen. Eigentlich will er über «La Crêperie» sprechen. Die feiert nämlich heute ihren zehnten Geburtstag. Die Frage drängt sich auf: Wie kommt ein damals knapp 26-jähriger Schreiner, der als einstiger Junioren-Nati-Schwimmer und semiprofessioneller Skater zu den wildesten seiner Art zählte, so urplötzlich auf die Idee, an der Aarauer Pelzgasse eine gemütliche Crêperie zu eröffnen? Das sei eigentlich ganz einfach, sagt Gacond. Er sei damals gerade zurückgekommen von einem Industrie-Design-Praktikum in Nürnberg und habe mit einem Freund in der «Tuchlaube» darüber diskutiert, was in Aarau noch fehle. Und als dann kurz darauf an der Pelzgasse ein kleines Lokal frei wurde, packte Gacond die Chance und setzte alles auf die Crêperie-Karte. Geld hatte er keines, Gastro-Erfahrung auch nicht (bis auf die langen Nächte in seinen Teenager-Jahren, in denen er im KiFF Bier ausschenkte) und von Französisch hatte er zugegebenermassen aucune idée (Bez-Abschlussprüfungsnote 3.5).

Ein «crazy» Plan

Doch Philippe Gacond liess sich nicht aufhalten, auch nicht von den warnenden Worten seiner Eltern. Er lieh sich Geld bei Vater, Onkel und Bruder und baute das leere Lokal in sechs Wochen zu einem kleinen Gourmet-Schuppen um. Bis auf die Elektronik machte der gelernte Bauschreiner mit dem abgeschlossenen Industriedesign-Studium alles selber. Wie man Crêpes macht, das wusste er. «Ich habe meinen Eltern schon im Chindsgi jeden Sonntag Omeletten gekocht», lacht Gacond. «Heute kann ich Crêpes im Schlaf drehen.» Zum Beweis stellt sich Gacond in seiner Crêperie hinter den Herd, erzählt von den Zeiten, als er im Hinterzimmer der Crêperie auch noch ein kleines Designstudio führte und macht dem Journalisten eine Crêpe: drehen, füllen, falten, alles ohne hinzuschauen. Voilà!

Dass das mit der Crêperie wirklich geklappt hat, dass sich hier «Grosis und Hip-Hopper, Teenies und Familien» treffen, das sei schon der Wahnsinn, sagt Gacond. Zwischen damals, als er «wie gstört» jeden Tag an seinem Traum arbeitete und heute, wo er in seinen drei Aarauer Lokalen 22 Angestellte beschäftigt, scheinen Welten zu liegen. Gacond hat zwei Kinder, hat geheiratet und gelernt, dass seine Läden auch laufen, wenn er nicht selber rund um die Uhr hinter dem Tresen steht.

Wirklich zur Ruhe gekommen ist der Aarauer Kaffee-Prophet und Crêpes-Pionier aber noch lange nicht. Bald zieht er mit seinem «Home Barista Shop» aus der alten Apotheke an der Bahnhofstrasse aus und eröffnet vis-à-vis ein neues Lokal. Das werde «crazy», sagt Gacond. Mehr verraten will er noch nicht. Und sowieso: Jetzt will er erst einmal feiern.

«La Crêperie»-Fest heute ab 20 Uhr im KiFF. Konzert der Band La Caravane Passe und frische Crêpes. Eintritt: 25 Franken.