Aarau

«dinner4more»: Das Wissen geht durch den Magen

Der neue Verein «dinner4more» will nicht nur wildfremde Leute an einen Tisch bringen – man soll auch was lernen beim Essen. Und sich vielleicht sogar verlieben.

Andreas Krebs
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Der Startschuss für ein erstes Mahl von «dinner4more» fand in der Alten Reithalle statt. Künftig kann jeder Gast oder Gastgeber werden.

Der Startschuss für ein erstes Mahl von «dinner4more» fand in der Alten Reithalle statt. Künftig kann jeder Gast oder Gastgeber werden.

Andreas Krebs

«Essen ist kein rein privates Vergnügen. Vielleicht ist gegenwärtig nichts politischer», schreibt Harald Lemke in seinem Buch «Politik des Essens». Die Zukunft der Menschheit hänge ganz entscheidend vom gesellschaftlichen Umgang mit der Nahrungsfrage ab, schreibt auch die UNO. Denn die Ernährung kulminiert viele der dringendsten Probleme: Wasserverschwendung und -verseuchung, Zerstörung des Regenwaldes, Monokulturen, Artensterben, Klimawandel, Tierleid, Hunger, Zivilisationskrankheiten.

Fakten: 1000 Hühner für ein Menschenleben

30 Prozent oder 2 Millionen Tonnen aller Lebensmittel in der Schweiz werden pro Jahr verschwendet.

500 bis 1000 Franken wirft jeder Schweizer Haushalt pro Jahr für Lebensmittel weg.

46 Schweine und 1000 Hühner isst der Schweizer bis zu seinem Tod.

2 Mio. männliche Küken werden nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. Bio hin oder her.

Das ist auch eine gute Nachricht, finden Ka Marti und Christian Senn, die beiden Initiatoren von «dinner4more». «Sie bedeutet, dass viele Probleme auf einen Schlag lösbar wären», sagt Senn. Im Bereich Ernährung sei mit dem geringsten Aufwand die grösste Wirkung zu erzielen: «Jeder von uns kann selber entscheiden, was er essen will. Jeden Tag.»

Essbare Aarauer Glückspilze

«Mit ‹dinner4more› wollen wir die Kompetenz rund um das Thema Essen fördern. Wir zelebrieren die Küche der kurzen Wege.» «Dinner4more» ermögliche soziale Kontakte und fördere den Austausch sowie das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung, sagt Marti.

Die Idee für «dinner4more» entstand im August 2013 als Projekt des Naturamas im Rahmen der Helvetas-Ausstellung «Wir essen die Welt». Damals trafen sich über 120 Gäste an 22 Tischen. «Das Interesse war gross und die Resonanz ausschliesslich positiv», sagt Marti, «deshalb haben wir beschlossen, weiter zu machen.»

Dinner4more: So kann man mitspeisen

Interessierte können sich auf www.dinner4more.ch als Gastgeber oder Gäste kostenlos anmelden. Die Gastgeber haben die Auflage, regional und saisonal zu kochen, ohne kommerzielle Interessen. Die Gäste zahlen 40 Franken, 30 bekommt der Gastgeber zur Deckung seiner Unkosten, 10 dienen dem Unterhalt der Internetplattform, die zahlreiche Services bietet, etwa saisonale Rezepte von Albi von Felten vom Landhotel Hirschen in Erlinsbach, Veranstaltungshinweise rund um das Thema Essen sowie Einkaufs-Tipps.

Nach einer Konzept- und Realisationsphase und der Gründung des Vereins im November 2014 ist das Projekt nun online. Am Freitag wurde es offiziell lanciert im Rahmen der begehbaren Installation Vereinslokal Utopia in der Alten Reithalle (az vom 8.5.). Die Aarauer Umweltpreisträgerin Rebecca Moser bekochte 16 Gäste, die sich bei Safran-Chüngel und Aarauer Glückspilzen angeregt über Ernährung, Kunst und andere Themen unterhielten. Dabei wurden freundschaftliche Bande geknüpft.

«Dinner4more» will regionale und saisonale Lebensmittel fördern, das ökologische Bewusstsein stärken und die Möglichkeit bieten, Leute kennenzulernen, fasst Marti zusammen. «dinner4more» sei keine Dating-Plattform, hält sie fest. «Es können aber Liebesgeschichten entstehen – Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.»

Veranstaltungen «Vereinslokal Utopia»

Am Freitag lädt der Aarauer Chorverein C21 zum Singen in die Reithalle ein; am Samstag offeriert das Forum der Älteren Forära einen Apéro; anschliessend gewährt Netzwerk Asyl Einblick in seine Arbeit; am Sonntag präsentiert der Eisenbahn-Modellbau-Club Aarau sein Modell. Mehr Infos finden Sie hier.