Aarau

Drogen, Gewalt und das Gesetz der Strasse

Im Rahmen des achten Secondo-Theaterfestivals gastierte eine Gruppe aus dem Berliner Problemquartier Neukölln mit «Aarabboy» im Theater Tuchlaube. Das Stück ist mitten aus der Realität gegriffen.

Seraina Ummel
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Die eindrückliche Spiel vom Leben des Secondo Rashid geht unter die Haut.

Die eindrückliche Spiel vom Leben des Secondo Rashid geht unter die Haut.

Seraina Ummel

Mit schwarzem Kapuzenpulli und schweren Bomberstiefeln, den Rücken dem Publikum zugekehrt, sitzt er da. «Generation» steht in verkanteten roten Lettern auf seinem Rücken. Plötzlich reisst Motorenlärm und eine blaue Polizeisirene die Zuschauer aus ihren Gesprächen. Sie werden Zeugen von Rashids Verhaftung. Er, Rashid, der Mann im schwarzen Pulli und den Bomberstiefeln, muss ins Gefängnis. «Jetzt habt ihr mich!», schreit Rashid. Ohne Vorwarnung befindet sich das Publikum in der tragischen Geschichte des Secondos.

Im Rahmen des Secondo Theaterfestivals, das noch bis morgen zum achten Mal in Aarau stattfindet, zeigten drei Schauspieler der Theatergruppe Heimathafen Neukölln am Donnerstagabend im Theater Tuchlaube die kurze Geschichte von «Arabboy» Rashid, dem Sohn eines Kurden und einer Palästinenserin.

Aufgewachsen im Problemquartier Berlin Neukölln stürzt er in eine Welt ab, in der Drogen, Gewalt und das Gesetz der Strasse das Leben bestimmen. Die einzige sich bietende Verdienstmöglichkeit ist ein Handlangerjob in der Autogarage des Vaters. Wegen der Vergewaltigung eines Nachbarsmädchens landet Rashid im Gefängnis, wird aber schon bald in die Türkei zu Verwandten abgeschoben.

Der Coole verliebt sich

Was erwarten die Besucher von einem Theater über Secondos? «Das Thema klingt spannend, doch die Geschichte wird wohl eher traurig sein, da das Plakat zum Theaterstück schon trist und grau ist», sagt Noah. Er besucht das Stück im Rahmen des Deutschunterrichts zusammen mit seiner Klasse der Alten Kantonsschule Aarau. «Wir haben gerade die Filmsprache im Unterricht behandelt und gehen nun deswegen dieses Theater schauen.»

Die coolen Sprüche vermischt mit ausländisch angehauchtem Slang brachten das zumeist junge Publikum immer wieder zum Lachen. Vor allem Rashids erste Verliebtheit und seine ungeschickten Annäherungsversuche lösen Gelächter aus. Beim Federballspielen löchert der sonst so coole Sprüche klopfende Gangster seine Bea mit Fragen wie «Welches ist denn deine Lieblingsfarbe?».

Es ist die Vielseitigkeit des Hauptdarstellers, die das Theaterstück so packend machen. Denn Rashid erscheint nicht gefühlslos und abgebrüht, sondern als Mensch mit Ängsten und Träumen, die genau so gross sind wie jene von deutschen Jugendlichen.

Emotionales Auf und Ab

Als Kontrast zur rosaroten Szene der beiden Verliebten folgt die Ernüchterung. Erschreckend nahe geht einem die Szene der Vergewaltigung, welche die Schauspielerin Inka Löwendorf mit vornübergebeugtem Oberkörper eindrücklich mit Worten darstellt. Zusammen mit weiteren Freunden vergewaltigt Rashid ein Mädchen im Parkhaus, filmt die Tat und stellt das Video unter dem Pseudonym «Arabboy 44» ins Internet. Für einen Moment wird es ganz dunkel auf der Bühne. Einige im Publikum schlucken leer, andere schauen ernüchtert auf die Hände in ihrem Schoss.

Nach einem emotionalen Auf und Ab zeugen Gummibärchen, Fetzen von Ballonen und kaputte Stühle auf der Bühne von der tragischen Reise Rashids. Arabboy 44 endet als Secondo, dessen Weg von Gewalt und Perspektivlosigkeit dominiert war. Er endet aber auch als Mensch mit Träumen und Gefühlen, die nicht einfach so zu kaschieren sind.