Tanzschule
Eine Aarauerin bringt New York zum Tanzen: «Das ist meine Welt»

Seit vier Monaten trainiert Gabriela Mazzocco an einer Tanzschule in New York und ist glücklich – trotzdem steht in ihrer Küche, was in jeder Schweizer Küche steht. Und ihr fehlen Dinge, die man nur in Aarau bekommt

Katja Schlegel
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Gabriela Mazzocco auf der Brooklyn Bridge, im Hintergrund die Skyline von Manhattan.Nicole Rötheli

Gabriela Mazzocco auf der Brooklyn Bridge, im Hintergrund die Skyline von Manhattan.Nicole Rötheli

Nicole Rötheli

Vor ihrem Fenster liegt ein Schneeflaum. Was war mit dem gross angekündigten Schneesturm, mit dem verhängten Fahrverbot, den aus Sicherheitsgründen geschlossenen Institutionen? Gabriela Julianna Mazzocco lacht und winkt ab. «Eine grosse Aufregung um nichts.» Das Bild flackert, irgendwo zwischen dem New Yorker Time Square und der Redaktion in der Aarauer Telli klemmts mit der Skype-Verbindung. Dann ist das Bild wieder da. Man hört lautes Gelächter, Musik, quietschende Sohlen.

Gabriela Mazzocco sitzt in einer Fensternische ihrer Tanzschule. Gerade hat sie Pause, die erste Stunde ist vorbei. Vorbei sind die Zeiten, in denen die 26-jährige Aarauerin in Zürich mit ihrer Tanzcrew Flow2Flow geprobt, choreografiert und gecoacht hat. Seit Ende September trainiert sie hier im Broadway Dance Center am Times Square. Hier, wo Bühnenbretter tatsächlich die Welt bedeuten.

«Gotta Be A Way» – ein Projekt des Broadway Dance Center.

Aromat in der Küche

«Seit ich hier bin, stehe ich sogar gerne früh auf», sagt Gabriela Mazzocco und lacht. Früh heisst morgens kurz nach sechs, um sieben geht sie aus dem Haus, holt sich unterwegs ihren Becher Kaffee. Um acht startet das Training an der Times Square und dann wird getanzt. Contemporary Jazz, Ballett, Hip Hop Breakdance. Den ganzen Tag.

Ist das Training in der Tanzschule vorbei, geht es in einem der Studios und Akrobatik Parks irgendwo in der Stadt weiter. Oder sie nimmt an einem Vortanzen teil, bewirbt sich für Auftritte in Werbefilmen und Fernsehsendungen. Mit Erfolg; dank ihrer aussergewöhnlichen Fähigkeiten, speziell in Breakdance, ist sie innert kürzester Zeit eine gesuchte Tänzerin geworden: Bereits drei Wochen nach ihrer Ankunft flimmerte sie bei einem Auftritt in der beliebten Morgenshow «Good Morning America» des Senders «abc» auf den Mattscheiben abertausender Haushalte. Seit November ist Mazzocco ausserdem Tänzerin der Show «Estado Ingravitto», choreografiert und produziert von Ashlé Dawson, bekannt aus verschiedenen amerikanischen Tanz-Fernsehshows. Für die zweite Aufführung im Februar wurde Mazzocco nicht nur als Tänzerin, sondern auch als choreografische Assistentin eingeladen.

Daheim sei sie deshalb fast nie, sagt Mazzocco. Daheim, das ist eine kleine Wohnung in Brooklyn Bushwick, die sie mit einer Baslerin teilt. Zwei kleine Zimmer, eine kleine Stube mit integrierter Küche und mit einem noch kleineren Balkon, von dem aus man aber das ganze grosse New York sieht; die Skyline von Manhattan. «Swiss Casa» nennen die beiden ihr Daheim. In der Küche stehen Aromat und Mayonnaise, an Weihnachten gabs Fondue.

Eine Tanzausbildung in New York war der Traum, der Mazzocco 2010 vor der Nase weggeschnappt wurde. Damals hatte sie an einem Tanzwettbewerb teilgenommen, dessen Hauptpreis diese Ausbildung gewesen wäre. Mazzocco wurde Dritte. Die Ausbildung im Ausland blieb ein Traum, das Studium hatte Vorrang. Jetzt, seit Sommer mit einem Bachelor in Science of Physiotherapie im Sack, ist sie endlich da, wo sie immer hin wollte. Hat alles hinter sich gelassen, Freunde, Familie, die gewohnte Umgebung, um ihren grossen Traum zu leben. Und das tut sie, sie lebt das Tanzen. «Was ich hier gefunden habe in Bezug auf das Tanzen, finde ich in der Schweiz nicht. Diese Leidenschaft, dieser Ehrgeiz, diese Möglichkeiten, das ist eine andere Welt», sagt sie. Hier seien die Leute so angefressen, dass sie fürs Tanzen ihren Job riskieren. Ein Preis, den man in den USA nicht leichtfertig zahlt. «Das ist meine Welt, das ist mein Traum», sagt sie.

Schweizerdeutsch hapert

Ihren Aufenthalt hat sie bereits verlängert: Statt der ursprünglich angedachten sechs Monate bleibt Mazzocco mindestens ein Jahr. Aufgrund ihres Erfolges möchte sie eine Künstler-Visa beantragen, um ihre Karriere in New York City weiter voranzutreiben. Denn ohne diese Visa krampft sie für lau, sie darf mit ihrer Arbeit kein Geld verdienen.

Plagt sie nie das Heimweh? «An Weihnachten schon», sagt sie. Das Fondue habe den Schmerz aber etwas gelindert, sagt sie und lacht. Aber ansonsten fühle sie sich wie zu Hause, habe sich voll und ganz eingelebt. «Und das nach nur vier Monaten, das überrascht mich selber.» Längst schon schnödet sie über die Touristen, die staunend durch die Häuserschluchten schlurfen und den pressanten New Yorkern den Weg versperren, vor lauter Arbeiten war sie noch kein einziges Mal im Central Park. Und artig stellt sie sich in die Schlangen, die sich vor jedem Schalter, jeder Kasse bilden. Manchmal fallen ihr nicht einmal mehr die schweizerdeutschen Worte für einen Begriff ein.

Ein bisschen Wehmut kommt dann aber doch auf. Den Herbst habe sie vermisst, die farbigen Blätter an den Bäumen und auf den Strassen. Und manchmal fehlen ihr die läutenden Glocken der Aarauer Stadtkirche. Und die Twister-Frites aus der «Krone», Fasnachts-chüechli und Kägi fret. Und der Sternenhimmel. «Man sieht hier keine Sterne. Jedes Licht am Himmel bewegt sich, es sind alles bloss Flugzeuge.» Auch für ihre Aarauer Freunde und Familie, dafür gibt es hier keinen Ersatz. «Zum Glück bekomme ich viel Besuch, manchmal sogar im Wochentakt.»