Aarau

Erste Aargauer Feuerwehr-Kommandantin gibt das Kommando ab

Sie war die erste Feuerwehr-Instruktorin der Schweiz und die erste Kommandantin im Aargau – jetzt wurde Major Margrit Stüssi nach fast 30 Jahren Feuerwehrdienst am Mittwochabend mit einem grossartigen Fest und Standing Ovations verabschiedet.

Hanny Dorer
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Major Margrit Stüssi vor dem Tanklöschfahrzeug, das vor 10 Jahren eingeweiht wurde, als sie das Kommando übernahm. Die roten Schuhe sind sozusagen ihr Markenzeichen. Chris Iseli

Major Margrit Stüssi vor dem Tanklöschfahrzeug, das vor 10 Jahren eingeweiht wurde, als sie das Kommando übernahm. Die roten Schuhe sind sozusagen ihr Markenzeichen. Chris Iseli

Sie möchte diese Zeit nicht missen, sagt Margrit Stüssi (54) rückblickend. Und der Spruch von einem lachenden und einem weinenden Auge treffe auch für sie zu. Obschon auch ihr Vater Feuerwehrdienst geleistet hatte, wusste sie nicht viel von diesem Metier, als sie 1985 in die Stützpunktfeuerwehr Aarau eintrat. «Vor allem kannte ich die Hierarchien nicht», schmunzelt sie. Sie war dort nicht die erste Frau, aber eine Zeit lang die einzige, bevor weitere Frauen dem Korps beitraten.

Defilee vor dem Rathaus

Margrit Stüssi hatte immer alles im Griff – bis auf ihre Abschiedsfeier. Dort wurde sie, als die rund 170 Gäste schon fast vollzählig versammelt waren, kurzerhand ins Aarauer Rathaus entführt. Auf dem kleinen Balkon durfte sie die guten Wünsche «ihrer» Feuerwehrleute entgegennehmen. Gerührt schaute sie zu, wie die Feuerwehrfahrzeuge mit Blaulicht zwischen den Spalier stehenden Feuerwehrleuten vorbeidefilierten und ihr so zum Abschied die Ehre erwiesen. Etliche Zaungäste mochten sich gefragt haben, was hier wohl vor sich geht.
Zurück im Feuerwehrlokal benützten viele Gäste die Gelegenheit, ihrer Wertschätzung und Anerkennung der Leistungen von Margrit Stüssi Ausdruck zu geben. Das vielfältige Lob, das ihr Behördenmitglieder und insbesondere die Delegation aus Reutlingen aussprachen, wurde von den Anwesenden spontan mit Standing Ovations unterstrichen. (do)

«In Aarau sind fast alle Frauen im Kader», sagt Margrit Stüssi, und sie selber habe sich immer wohlgefühlt. Das Vorurteil, Frauen hätten zu wenig Kraft, lässt sie nicht gelten. «Feuerwehr ist Teamarbeit, da hilft man einander.»

Margrit Stüssi gefiel es so gut in der Feuerwehr, dass sie nicht nur die Ausbildung zum Offizier, sondern auch – als erste Frau der Schweiz – zur Feuerwehrinstruktorin absolvierte. Während der Ausbildungskurse hatte sie die Arbeit der Instruktoren beobachtet, war davon fasziniert und sagte sich: «Das will ich auch.» «Ich bin halt ein wenig ein Führertyp», sagt sie und lacht. «Die Instruktorenausbildung war etwas vom Schönsten in meiner Feuerwehrzeit», fügt sie hinzu.

In der Feuerwehr Aarau stieg sie Stufe und Stufe in der Hierarchie, war zuerst Gruppenführerin, dann Zugchefin 1. Zug, wurde Ausbildungschefin und Vizekommandantin, bevor sie im Juni 2004 das Kommando der Stützpunktfeuerwehr übernahm. Auf diesen Zeitpunkt hin gab sie ihre Tätigkeit als Instruktorin auf; die Belastung wäre neben ihrem Beruf als Untersuchungsrichterin zu gross gewesen.

«Die Feuerwehr ist wie ein KMU: man muss die Leute ernst nehmen, auf jeden Rücksicht nehmen.» Deshalb war es Margrit Stüssi stets ein Anliegen, ihre Leute zu kennen. «Aus diesem Grunde habe ich bei Kaderübungen jeweils einen Posten selber übernommen, auch wenn ich Übungsleiterin war. So war ich näher bei den Leuten und konnte sie besser beurteilen.»

In Erinnerung bleiben werden der scheidenden Kommandantin zahlreiche schwere Erlebnisse. Schon kurz nach der Kommandoübernahme geschah das Unglück in Gretzenbach, bei dem sieben Feuerwehrleute ums Leben kamen und die Stützpunktfeuerwehr Aarau bei der Bergung der Toten mithalf. «Dieses Unglück hat viele von uns wochenlang beschäftigt», blickt Margrit Stüssi zurück. «Die schlimmsten Ereignisse sind immer jene, bei denen Menschen betroffen sind, etwa Unfälle mit Todesopfern im Strassenverkehr oder wenn Leute bei einem Brand alles verlieren. Auch wenn man löscht, kann man nicht helfen.» Schon oft sei man nach einem belastenden Einsatz froh um die Unterstützung des Feuerwehr-Seelsorgers Thomas Jenelten gewesen.

«Aber es gab auch viele schöne Erlebnisse, die in der Erinnerung überwiegen», stellt Margrit Stüssi fest. Zahlreiche Dankesbriefe belegen, wie dankbar die Leute für den Einsatz der Feuerwehr sind. «Das tut gut.» Insbesondere gefreut hat sie sich auch über die Ehrenmedaille für internationale Zusammenarbeit, die ihr vom deutschen Feuerwehrverband verliehen wurde.

Am 1. Januar 2015 übernimmt der zum Major beförderte Michael Gautschi (38) das Kommando der Stützpunktfeuerwehr Aarau – und für Margrit Stüssi beginnt die feuerwehrlose Zeit. «Es ist schon ein spezielles Gefühl», beantwortet sie die entsprechende Frage. «Aber ich brauche eine Aufgabe – und habe sie auch schon gefunden.»

Neu ist Margrit Stüssi im Einwohnerrat Aarau und seit Februar Präsidentin der Stadtmusik Aarau. Auch hier kann sie wieder Leute führen. «Ich vergleiche die Stadtmusik mit der Feuerwehr: auch die Musiker setzen sich mit Herzblut für ihre Sache ein.» So wie sie selber das auch tut. Eine weitere Aufgabe hat sie sich selber gestellt: Als ehemaliger Obmann der Pistolensektion Oberentfelden nimmt sie nächstes Jahr ihr Hobby wieder auf, mit dem Ziel, 2015 am eidgenössischen Schützenfest in Visp teilzunehmen.

Und feuerwehrmässig? «Ich werde keine Feuerwehr mehr machen», bestätigt sie. Trotzdem wird sie auch in Zukunft über das Retterkorps – den Feuerwehrverein – mit ehemaligen und aktiven Feuerwehrkameraden in Kontakt bleiben.