Feuerwehr

Feuerwehr braucht Verstärkung: «Wir suchen Leute, die in Aarau arbeiten»

Die Stützpunktfeuerwehr Aarau will den Tag der offenen Tore als Werbeplattform nutzen – und lädt auch Arbeitgeber ein.

Nadja Rohner
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Kommandant David Bürge mit Angela D’Agata, die den «Tag der offenen Tore» organisiert hat.

Kommandant David Bürge mit Angela D’Agata, die den «Tag der offenen Tore» organisiert hat.

Nadja Rohner

Sein erster Arbeitstag im April hatte gleich mit einem «scharfen Einsatz» begonnen: Autobrand im Kasinoparking. Am Samstag, so hofft Kommandant David Bürge (43), beschränkt sich die Action in Aarau auf das Feuerwehrmagazin der Stützpunktfeuerwehr an der Erlinsbacherstrasse Aarau.

Das Programm für den Tag der offenen Tore habe er allerdings nicht selber organisiert, betont Bürge; der Dank gebühre Korpsmitglied Angela D’Agata. Der Kommandant findet es schade, dass der Tag der offenen Tore überall gleichzeitig stattfindet. «Man schaut ja auch gerne bei anderen Feuerwehren rein.»

Besucher dürfen auf die Atemschutzübungsstrecke

Klar, dass eine Stützpunktfeuerwehr nicht nur über einen grossen Personalbestand verfügt, sondern auch über einen beachtlichen Fahrzeugpark sowie einiges an Spezialausrüstung. Damit hilft die Stützpunktfeuerwehr, zu der neben Aarau auch Biberstein gehört, auch den 36 Ortsfeuerwehren in der Umgebung aus.

Etwa mit der grossen Autodrehleiter, mit der man bis auf 30 Meter hochkommt. Sogar ein Boot hat die Feuerwehr Aarau, ein Fahrzeug für Strassenrettungen und eins zum Schlauchverlegen auf bis zu drei Kilometern.

Letzteres kommt zum Einsatz, wenn es an abgelegenen Orten brennt und der nächste Hydrant (oder ein Gewässer) so weit entfernt ist, dass es lange Zubringerleitungen braucht. «Etwa beim Brand im Rütihof bei Gränichen im Jahr 2014», erklärt David Bürge.

Am Samstag sollen die Besucher selber Hand anlegen. Neben einer Festwirtschaft gibt es Posten für Klein (mit viel Wassergespritze) und Gross: Wer wollte nicht schon mal mit einer Hydraulikschere an einem Auto rumschneiden oder ausprobieren, wie es wäre, als Atemschützler Feuerwehrdienst zu leisten?

«Wir sind eine der wenigen Feuerwehren, die eine Atemschutzübungsstrecke im Keller haben», sagt Bürge nicht ohne Stolz. «Das ist eine Art Labyrinth, in dem unter möglichst realen Bedingungen ein Atemschutzeinsatz geübt werden kann. Komplett mit Rauch, Geschrei ab Tonband sowie Pneus, die als Hindernis herumliegen. Auch auswärtige Feuerwehren trainieren hier – und am Samstag dürfen die Besucher rein.»

«Man kann auch mit 40 Jahren noch anfangen»

Bürge will den Tag der offenen Tore auch gleich als Werbeplattform nutzen. Der nächste Rekrutierungsabend findet am 15. Oktober statt. Nicht mit ellenlangen Reden, sondern mit einer kleinen Einsatzübung will der Kommandant das Feuer in potenziellen neuen Korpsmitgliedern wecken.

110 Leute hat Bürge heute in der Mannschaft. Das entspricht dem Bestand, den die Gebäudeversicherung verlangt. Aber Bürge ist nicht zufrieden. «Wir peilen 120 an. Ein Knackpunkt ist die Verfügbarkeit tagsüber. Deshalb suchen wir vor allem Leute, die in Aarau arbeiten. Sie müssen nicht unbedingt hier wohnen – beides zusammen wäre natürlich ideal.»

Auch innerhalb der Stadtverwaltung sucht man nach Verstärkung: Der Bibersteiner Brunnenmeister kommt neu in die Feuerwehr, auch die Aarauer Werkhofangestellten werden mit einbezogen. Bürge weiss: «Es braucht verständnisvolle Arbeitgeber. Deshalb haben wir die Chefs unserer Feuerwehrangehörigen persönlich an den Tag der offenen Tore eingeladen – um ihnen zu danken, dass sie den Fortbestand der Milizfeuerwehr ermöglichen.»

Der Rekrutierungsabend ist übrigens nicht nur für die Jungen: «Dienstpflichtig ist man bis 45. Es spricht nichts dagegen, mit 40 noch anzufangen. Was wir eher nicht möchten: Junge Männer, die noch nicht in der Rekrutenschule waren.

Wenn sie dann eine militärische Laufbahn einschlagen, fehlen sie zu oft.» Frauen sehe man gerne in der Feuerwehr Aarau. Derzeit sind es 24. «Auf allen Stufen – wir haben auch Frauen als Offiziere», betont Bürge. Im ersten Jahr sind die Nachwuchs-Feuerwehrleute in einem separaten Ausbildungszug, danach fängt der Ernsteinsatz an.

Dieses Jahr hatte die Feuerwehr Aarau bisher 105 Einsätze. Ein paar weniger als im Vorjahr. Etwa in der Hälfte der Fälle sind Brandmeldeanlagen losgegangen; etwa wegen Zigarettenrauch oder Bauarbeiten. Richtig gebrannt hat es acht Mal.

Grosse Brandereignisse seien deutlich seltener geworden als früher, sagt Bürge. «Dank der Prävention und weil wir sehr schnell am Einsatzort sind. Das verhindert Schlimmeres.»

Wie kam das Quecksilber in die Tiefgarage?

Überhaupt sind es nicht zwingend die grossen, spektakulären Einsätze, die einem erfahrenen Feuerwehrmann wie Bürge in Erinnerung bleiben. Dieses Jahr stächen zwei hervor, sagt er. Einer ist kurios: Im Tannengut wurde in einer Tiefgarage loses, hochgiftiges Quecksilber auf dem Boden gefunden.

Wie es dort hingekommen ist, weiss man nicht. Aber: Die Chemiewehr der Siegfried Zofingen AG musste kommen. Es gibt Situationen, in denen auch die Aarauer Hilfe brauchen.

Der zweite Fall ist traurig. Im Mai wurde in Attelwil ein Mann von einem Lastwagen eingeklemmt. Die Retter konnten nichts mehr für ihn tun. Für die Bergung des Leichnams mit schwerem Gerät wäre die Stützpunktfeuerwehr Zofingen zuständig gewesen.

Rechtzeitig stellte die Einsatzleitung fest, dass es sich beim Verstorbenen um einen aus dem eigenen Feuerwehrkorps handelt. «Da haben die Zofinger umgehend richtig reagiert und den Einsatz an uns delegiert – als Selbstschutz, damit die Leute nicht ihren Kameraden bergen müssen», sagt Bürge.

Natürlich gehen auch an den Aarauern schlimme Einsätze nicht spurlos vorbei. «Dafür gibt es die Nachbearbeitung in der Peer-Gruppe; eine Handvoll unserer Feuerwehrleute sind speziell dafür geschult.»

Bürge weiss, wovon er redet. Der Aarauer Kommandant war früher Verantwortlicher des Care Teams Aargau, war beim «Fall Rupperswil» im Einsatz. Und: Nur wenige Wochen nach der Bergung in Attelwil fand er sich in einer ähnlichen, tragischen Lage wieder: Sein Materialwart wurde vermisst.

Es gab Hinweise, dass er sich in der Aare befinden könnte – und die Feuerwehr Aarau besitzt ihr Boot nicht nur, um Ölsperren auszufahren, sondern auch für die Personensuche.

Das könne er seinen Leuten nicht zumuten, befand Bürge. «Wir haben sofort die Kollegen aus Wettingen angefordert, die mit ihrem Boot die Suche übernahmen», sagt er. Der Materialwart wurde später tot aufgefunden. Ein Ereignis, das die Stimmung in der Feuerwehr vorübergehend trübte.

Erstmals seit Jahren keine Budgetkürzungen

Derzeit, so konstatiert Bürge, sei die Stimmung innerhalb des Korps gut. «Es hilft sicher auch, dass ich als erster vollamtlicher Kommandant ständig präsent sein kann.» Bürge ist zufrieden mit seinen ersten Monaten: «Die neue Abteilung Sicherheit unter Leiter Daniel Ringier bewährt sich.

Ausserdem hat der Stadtrat zum ersten Mal seit Jahren keine Budgetkürzungen für die Feuerwehr vorgenommen – weil wir ehrlich und transparent verhandelt haben. Das schafft Vertrauen in unsere Einsatzorganisation, welche rund um die Uhr für das Wohl der Bevölkerung da ist.»