Aarau

Freundlichkeit Adieu? Die AZ schaut, ob und wo Aarau Grüezi sagt

Auf dem nicht ganz repräsentativen Rundgang durch Aarau – Wo wird gegrüsst, wo nicht? Fazit: Das Grüezi ist in Aarau freiwillig. Mann muss nicht gleich ein Flegel sein, wenn man nicht grüsst.

Sabine Kuster (Text), Recherche: Isabelle Schwab und Nina Amann
Drucken
Teilen
Im Stadtzentrum wird klar weniger gegrüsst.

Im Stadtzentrum wird klar weniger gegrüsst.

Wenn man nach stundenlanger Wanderung in einsamem Gelände endlich wieder auf ein menschliches Lebewesen trifft, dann grüsst man gerne: «Grüezi!» Und auch im Aarauer Gönhardwald oder entlang der Aare grüssen die Hündeler und Spaziergänger einander. Seltener stösst ein Jogger einen gepressten Gruss hervor.

Aber wie ist es in der Stadt? Wo liegt die grussfreie Zone, wo das Grüezi-Gebiet? Eine Knigge-Regel dazu gibt es nicht – also keine fixe Grüezi-Grenze. Auf drei Spaziergängen an drei verschiedenen Tagen machten wir die Probe aufs Exempel: Wer grüsst, wenn wir die Person freundlich ansehen, jedoch nicht von uns aus zuerst grüssen?

Das Ergebnis ist ernüchternd

Von 41 angetroffenen Passanten haben nur 7 von sich aus gegrüsst. Die meisten Grüss-Ereignisse registrierten wir dabei ausserhalb des Zentrums in den Gartenquartieren. Die grüssenden Personen waren mehrheitlich Senioren oder Kinder.

Wir schliessen daraus: Man darf sich heute in der Hauptstadt gruss-abstinent bewegen, ohne gleich als ungezogener Flegel zu gelten. Das Grüezi ist in Aarau nur fakultativ und darf von der aktuellen Tagesstimmung abhängen.

Übrigens: Auch in den Bergen wird manchmal nicht gegrüsst. Dann ist klar: ein Ausländer. Sie kennen das Grüezi-Obligatorium auf Wanderwegen nicht. Ausländer missdeuten den Gruss meist als Versuch zur Kontaktaufnahme. Dabei ist «Grüezi» abschliessend gemeint und ein Dorf, in dem man jeden Fremden grüsst, nicht automatisch weltoffen.

Die erfahrenen Gäste aus dem Ausland wissen das natürlich. Sie grüssen freundlich – allerdings verrät sie oft die schwierige Aussprache des Wortes. Für alle Herbstwanderer aus dem Ausland deshalb hier die korrekte Aussprache laut Duden: [’gryetsi]. Und für die Grüezeni aus der Üsserschwyz, die im Wallis wandern gehen möchten, empfehlen wir das unverdächtige «Tag wohl».