Stadtmuseum Aarau
Kaba Rössler wird vom Erfolg überrannt - aber trotzdem ausgebremst

Erneut verzeichnet das Stadtmuseum über 20000 Besucher – trotzdem muss die Leiterin Kaba Rössler Geld auftreiben. Im Interview spricht die Mueseumsleiterin über die aktuelle Finanzlage und ihre Haltung gegenüber der Politik .

Katja Schlegel
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«Es gibt tausend Sachen, die im Museum passieren, von denen ein Besucher nichts merkt», sagt Kaba Rössler.Chris Iseli

«Es gibt tausend Sachen, die im Museum passieren, von denen ein Besucher nichts merkt», sagt Kaba Rössler.Chris Iseli

Chris Iseli

Frau Rössler, wie müde sind Sie?

Kaba Rössler: Warum meinen Sie? Sehe ich so schlecht aus?

Vor einem Jahr sagten Sie, Sie hätten schlaflose Nächte wegen des Sparprogramms Stabilo 2.

Stimmt, ich hatte einige schlaflose Nächte. Diese Sparmassnahmen sind sehr belastend.

Welches sind konkrete Folgen?

Die Ressourcen sind knapp. Wir müssen mit anderen zusammenarbeiten. Die positive Meldung ist, dass die Kooperation mit dem Kanton und dem Staatsarchiv zum Ringier-Bildarchiv realisiert werden konnte. Unsere Aufgabe ist es, diesen Bestand zu vermitteln, mit Ausstellungen, Führungen, Angeboten, Veranstaltungen. Das gibt einen Leistungsauftrag und finanzielle Mittel, rund 375 000 Franken pro Jahr, angesetzt auf vier Jahre. Wobei wir dieses Geld mehrheitlich für die zusätzlich benötigten Stellen ausgeben.

Dann bleibt unter dem Strich nur der Effekt des Publikumsmagneten?

Das hoffen wir, dass das Bildarchiv zum Publikumsmagneten wird.

Druckfrisches Programm

Ab 12. März gibt es das Stadtmuseum im Massstab 1:200 für die eigene Stube. Am Tag der Grosseltern findet die Vernissage zu Jürg Leckebuschs Bastelbogen-Werk statt.
Vom 6. April bis 17. September wird die Ausstellung «Flucht» gezeigt (Vernissage am 5. April). Ab 18. Mai wird die Ausstellung ergänzt durch das lokal ausgerichtete Projekt «10 x angekommen». Dieses zeigt die Lebensgeschichten von geflüchteten Jugendlichen mit Bezug zu Aarau.
Am 2., 3. und 4. Mai bringt das Theater Marie eine Neuinszenierung der Geschichte von «Marie und Robert» im Museumsfoyer auf die Bühne.
Das ausführliche Programm und weitere Infos gibt es auf www.stadtmuseum.ch

Welches ist die negative Meldung?

Jede Kooperation, jedes neue Projekt bringt im ersten Moment hauptsächlich viel Arbeit mit sich. Es fliesst nicht einfach Geld, der Kanton hat auch berechtigte Erwartungen. Hinzu kommt, dass auch neue Leute mit einer anderen Kultur ins Museumsteam stossen. Da muss man sich finden, wie Zahnräder, die ineinandergreifen müssen. Da steckt viel Arbeit dahinter. Deshalb lassen wir uns mit dem Bildarchiv-Projekt «Show-it» auch noch etwas Zeit und legen erst im Herbst mit Aktivitäten los.

Ändert sich wegen der Sparrunde für die Besucher etwas? Beispielsweise bei den Eintrittspreisen?

Nein, die Eintrittspreise bleiben gleich. Da kam auch die entsprechende Weisung der Stadt, das so beizubehalten. Das Gebührenreglement ist relativ neu, das soll nicht schon wieder geändert werden. Wir müssen aber künftig stärker darauf achten, dass Dritte, die das Museum nützen, für unsere Dienstleistungen bezahlen.

Aber so hart wie das kantonale Sparpaket das Naturama bluten lässt, trifft es das Stadtmuseum mit der städtischen Sparrunde nicht?

Das täuscht. Wir sind sehr bemüht, dass die Sparbemühungen nicht nach aussen sichtbar werden. Zumindest noch nicht.

Was heisst das?

Wir hatten in diesem Jahr erneut weit über 20 000 Besucher, gerechnet hatten wir mit 10 000. Das ist grossartig. Aber es bedeutet auch viel mehr Arbeit für uns. Und auch wenn diese Eintritte Mehreinnahmen bedeuten, so reichen sie doch nicht, um unsere finanziellen Probleme zu lösen.

Doppelt so viele Eintritte wie erwartet, das ist erstaunlich. Letztes Jahr zweifelten Sie noch, ob Sie die hoch angesetzte Marke von 10 000 überhaupt schaffen.

Ja, das ist viel. Ganz genau waren es sogar über 23 000 Besucher.

Hat Hermann Burgers «Lokalbericht» so eingeschlagen?

Die Ausstellung zu Burger, eine Zusammenarbeit mit dem Forum Schlossplatz, lief gut. Sie brachte rund 2500 Besucher.

Zurück zum Sparen: Ihnen fehlen pro Jahr 50 000 Franken. Das tönt angesichts des Jahresbudgets nach nicht allzu viel.

In Bezug auf den Grundkredit der Stadt fehlt dieser Betrag. Dieser beträgt rund 1,1 Millionen Franken, da tönt es tatsächlich nach wenig. Doch alleine die Löhne und Lohnnebenkosten machen 830 000 Franken aus. Wir unterhalten insgesamt über 6000 Quadratmeter Fläche, drei Depots, rund 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche – das braucht Personal. Für die Anzahl Angestellte im Museum gibt es eine einfache Faustregel: Pro 10 000 Besucher rechnet man mit 500 bis 700 Stellenprozenten. Wir haben 640 Stellenprozente, aber 23 000 Besucher.

640 Stellenprozente, die sich auf zwölf Köpfe verteilen.

Genau. Hinzu kommen noch die Projektstellen, die mit Drittmitteln finanziert werden müssen. Oft bekommen wir zu hören, wir hätten hier so viele Leute. Aber unter dem Strich sind wir zu wenige.

Was bedeutet das Sparen für die Ausstellungen?

Unser Ausstellungsbudget wurde von 100 000 Franken auf 37 000 Franken gekürzt. Das sind die freien Mittel, die wir dieses Jahr haben.

Das ist weniger Budget als vor dem Erweiterungsbau. Wie soll das funktionieren?

Wir müssen Drittmittel beschaffen. Für Projekte und Ausstellungen müssen wir jährlich rund 250 000 Franken zusätzlich finden. Das Problem ist, dass immer mehr Häuser auf Drittmittel angewiesen sind. Wenn nun aber – wie in unserem Fall – der Träger die Stadt ist, hat man es recht schwer, an Stiftungsgelder heranzukommen.

Weil die Stiftungen finden, dass es nicht ihre Aufgabe sei, ein städtisches Projekt zu finanzieren?

Genau. Wir müssen Projekte mit überregionaler Ausstrahlung realisieren, dafür können wir Ressourcen finden. Der Aufwand, den wir für die Geldbeschaffung betreiben, ist sehr gross.

Helfen da die hohen Besucherzahlen?

Diese Zahlen sind extrem wichtig. Geldgeber wollen Wirkung, sie wollen Besucher.

Welche Ausstellungen können Sie sich denn noch leisten?

Wir müssen Ausstellungen übernehmen. Ab April zeigen wir die Ausstellung «Flucht», die aktuell im Landesmuseum Zürich gezeigt wird und hauptsächlich vom Deza finanziert wurde. Wir ergänzen sie aber mit einem Aarauer Bezug, mit einem künstlerischen Projekt und mit «10 × angekommen», das mit Asylsuchenden und Flüchtlingen erarbeitet wird. Im Herbst zeigen wir dann unsere eigene Ausstellung zum Thema Pressearchiv. Und auf nächsten Frühling planen wir eine grosse Ausstellung zum Thema «Game» als gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Phänomen.

Ändert sich bei der Dauerausstellung «100 × Aarau» etwas?

Wir werden sie für Kinder attraktiver gestalten. Im Altbau hat es viele Nischen, die wir jetzt mit Ideen von Kindern für Kinder bespielen werden. Diese Ergänzung wollen wir am Museums-Geburtstag im April präsentieren. So versuchen wir, immer wieder Neues einzubringen.

Kaum ist das Museum eröffnet, dreht man Ihnen den Geldhahn zu. Macht Sie das wütend?

Wut kommt nur da auf, wo wir uns nicht verstanden fühlen. Für Aussenstehende ist es schwierig, zu sehen, wie viel Arbeit in einem Museum steckt. Es sieht beispielsweise keiner, was allein im Depot an Arbeit anfällt: Jedes Objekt muss vermessen, fotografiert, in einer Datenbank erfasst und inventarisiert werden. Dazu kommen Such- und Bildanfragen von Externen und Leihgesuche. Das Depot muss sauber sein und das Klima regelmässig kontrolliert werden. Die Website muss aktualisiert und Social Media bedient werden, die Öffentlichkeitsarbeit, das Recherchieren für Ausstellungen; das Vermittlungsangebot muss mit dem Lehrplan koordiniert werden – das sind tausend Aufgaben, die erledigt werden, von denen ein Museumsbesucher nichts merkt. Er sieht vielleicht nur, dass im Foyer drei neue Bilder hängen.

Wie soll der Besucher auch davon wissen können?

Genau das ist der Punkt, da müssen wir uns auch selber an der Nase nehmen. Vielleicht liegt es auch an uns, besser aufzuzeigen, was ein Museum alles leistet: Als Speicher von Geschichte, Begegnungs-, Lern- und Erlebnisort, aber auch als Reflektionsraum in einer zunehmend ökonomisierten, komplexen Welt.

Hegen Sie einen Groll auf die Politik?

Warum sollte ich? Wut und Groll bestimmen nicht mein Denken und Handeln. Wir haben Politiker, die vom Volk gewählt werden. Ihnen wäre es auch wohler, sie müssten nicht sparen...

Aber?

Wir stecken in einer schwierigen Phase. Wir konnten vor der Erweiterung nicht sagen, was der Betrieb genau kosten wird und wie viele Besucher kommen. Das waren Schätzungen und Annahmen, die das Budget bestimmten. Jetzt werden wir vom Erfolg überrannt und gleichzeitig ausgebremst. Die letzten zehn Jahre haben am ganzen Team gezehrt, es waren extrem anstrengende Jahre. Alle haben auf die Eröffnung des Erweiterungsbaus hingearbeitet, auf etwas Neues, Tolles. Dafür haben wir viel gegeben. Diese Kadenz kann man nicht aufrechterhalten. Ausgerechnet jetzt geraten wir in die Sparbremse, wenn wir in einen Normalbetrieb finden sollten.

Aber Sie freuen sich auf das dritte Betriebsjahr, Sie sind motiviert?

Natürlich, und ich bin dankbar, ein so motiviertes Team und gute Nachbarschaft zu haben. Eine Katastrophe wäre es, wenn wir nur 5000 Besucher hätten. Aber die 23 000 Besucher bestätigen uns in unserer Arbeit. Sie beflügeln uns.