Nichts ist normal – genau das ist die Chance für den FC Aarau

Wenn alles normal läuft, hat der FC Aarau in der Barrage gegen den FC Sion keine Chance. Aber was läuft schon normal in dieser Saison? Nichts, abgesehen vom Meistertitel für den FC Basel und dem Aufstieg St. Gallens.

François Schmid-Bechtel
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Normalerweise kämpft der Zweite der Challenge League gegen das zweitschwächste Team der Super League um einen Platz in der höchsten Spielklasse. Dieses Jahr kämpft aber nicht das zweitschwächste, sondern das drittbeste Super-League-Team in der Barrage gegen den Abstieg. Bitter für Aarau. Und eine Verzerrung des einst angedachten Wettbewerbs. Ob die Aarauer den FC Sion als Barrage-Gegner akzeptieren oder heute im Tourbillon (15.30 Uhr) unter Protest antreten werden, ist noch offen.

Normalerweise müsste sich ein Spieler, wenn er während eines Spiels einen Balljungen schlägt, einen neuen Arbeitgeber suchen. Doch Sion setzt weiterhin auf den häufig überhitzten Geoffroy Serey Die. Nichts gegen den 27-jährigen Ivorer. Vor und nach den 90 Minuten ist er ein freundlicher, angenehmer Mensch. Aber während des Spiels hat er zu oft seine Emotionen nicht im Griff.

Skandal: Serey Die darf auflaufen

Der eigentliche Skandal – und das ist keine Sion-interne Angelegenheit – ist, dass Serey Die nicht schon in den Sommerferien weilt. Wer in der viertletzten Partie einen Balljungen schlägt, für den sollte zumindest diese Saison gelaufen sein. Doch Serey Die darf in den beiden Barrage-Spielen gegen Aarau auflaufen. Möglich macht dies die Swiss Football League. Respektive die Disziplinarkommission unter dem Vorsitz von Daniele Moro. Als Disziplinarrichter sollte dieser Mann schon von Amtes wegen alle Klubs gleich behandeln. Das ist die Mindestanforderung. Doch dieser wird Moro nicht gerecht, weil er den Sion-Rekurs gegen die acht Spielsperren von Serey Die verschlampt hat.

Zum Vergleich: Am 5. Mai kassierte Luzerns Burim Kukeli im Spiel gegen die Young Boys eine rote Karte. Luzern rekurrierte gegen die drei Spielsperren und spekulierte darauf, dass die Disziplinarkommission den Fall nicht vor dem Cupfinal vom 16. Mai behandeln würde. Doch für einmal drückte Moro aufs Gaspedal. Der Fall wurde noch vor dem Cupfinal behandelt und Kukeli blieb gesperrt. Bei Serey Die hingegen schlampt Moro. Denn die üble Aktion von Sions Schlüsselspieler hatte sich bereits am 2. Mai ereignet. Doch der Rekurs wird von Moro erst nach den Barrage-Spielen behandelt. Kurz: So ist Moro für die Swiss Football League nicht mehr tragbar.

Was sonst zählt, gilt in der Barrage nicht

Normalerweise kann man nicht innerhalb von 48 Stunden zwei Partien bestreiten. Sogar an Endrundenturnieren liegen zwei Einsätze mindestens drei Tage auseinander. Doch was sonst zählt, gilt in der Barrage nicht. Hinspiel am Samstag, Rückspiel am Montag – äusserst fragwürdig. Denn die kurze Erholungszeit ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für den FC Sion. Erstens: Die Walliser konnten schon vor der Barrage Kräfte schonen, weil sie ihre Position in der Super League nicht mehr verbessern konnten. Im Gegensatz dazu musste Aarau bis letzten Mittwoch mit aller Kraft um den Barrage-Platz kämpfen. Zweitens: Der FC Sion verfügt über 22 gleichwertige Spieler und kann im Rückspiel frische Kräfte einsetzen, ohne dabei einen Substanzverlust zu erleiden. Aaraus Ressourcen hingegen sind beschränkt. Da bewegen sich vielleicht 14 Spieler auf einem gemeinsamen Level, der Rest fällt ab.

Normalerweise hat der FC Aarau deshalb keine Chance. Aber genau das ist die Chance für den FC Aarau. Denn Sion ist kein normaler Verein. Vieles ist dort in dieser Saison falsch gelaufen. Die ganze Welt nahm zur Kenntnis, dass dem Klub wegen des Verstosses gegen das Transferreglement 36 Punkte abgezogen wurden. Doch im Wallis flüchtete man in eine Parallel-Welt. Statt sich mit der Realität abzufinden, hielten sich Boss Christian Constantin und seine Entourage weiterhin an die Tabelle ohne Punkteabzug.

Umso härter war die Landung, als man auch im Wallis den 36-Punkte-Abzug als real wahrgenommen hatte. Dass Sion kurz zuvor im Cup-Halbfinal von Luzern eliminiert wurde, trug nicht zu einer Beruhigung der Situation bei. Seither tritt Sion nicht mehr wie ein Titelkandidat auf, sondern wie ein Spieler, der nach einem Kreuzbandriss erst wieder den Tritt finden muss. Und das mit einem neuen Trainer. Der FC Aarau hingegen hat sich mit vier Siegen in Serie (17:1 Tore) sensationell und in extremis für die Barrage qualifiziert. Und dabei die AC Bellinzona, den FC Vaduz und den FC Lugano hinter sich gelassen. Auch das ist nicht normal.