Schuld am Brand war wohl das Meersäuli-Heu – Mieterin freigesprochen

Das Aarauer Bezirksgericht sprach die Mieterin einer in Brand geratenen Wohnung frei. Die Staatsanwaltschaft hatte ihr vorgehalten, den Brand durch Fahrlässigkeit verursacht zu haben.

Ueli Wild
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Wahrscheinlichlicher Brandauslöser: eine Selbstentzündung des auf dem Balkon aufbewahrten Heus für die Meerschweinchen (Symbolbild)

Wahrscheinlichlicher Brandauslöser: eine Selbstentzündung des auf dem Balkon aufbewahrten Heus für die Meerschweinchen (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Vor rund neun Monaten verwüstete ein Brand eine Einzimmerwohnung im Aarauer Goldernquartier. Die Bewohnerin und ihre betagte Nachbarin mussten von der Sanität betreut werden, da der Verdacht auf eine Rauchvergiftung bestand. Die zahlreichen Meerschweinchen der Bewohnerin konnten grösstenteils in Sicherheit gebracht werden – aber nicht alle. Es entstand ein Sachschaden von rund 80 000 Franken. 30 Feuerwehrleute verhinderten Schlimmeres.

Für die Bewohnerin hatte der Brand ein juristisches Nachspiel. Per Strafbefehl verurteilte sie die Staatsanwaltschaft anfangs August wegen «fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst» zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 40 Franken, einer Busse von 400 Franken und zur Übernahme der Verfahrenskosten. Die Frau focht den Strafbefehl an. Am Mittwoch kam es nun zur Hauptverhandlung vor dem Strafgericht Aarau.

Zwei Berichte, zwei Versionen

«Das Feuer brach zwischen Wohnzimmer und Balkon aus», schrieb die az damals. «Wo genau?», lautete nun die entscheidende Frage: innerhalb der Wohnung oder draussen auf dem Balkon? Eine Antwort, oder zumindest den Versuch einer solchen, lieferten zwei Berichte: einer, verfasst von der Polizei, ein anderer aus der Feder eines Brandexperten. Die Polizei behauptete, der Brand sei innerhalb der Wohnung ausgebrochen. Die Bewohnerin habe in der Wohnung geraucht, dabei sei unbemerkt Glut zu Boden gefallen. Der daraus resultierende Glimmbrand habe sich wegen des vielen Heus für die Meerschweinchen schnell ausgebreitet. Diese Version übernahm dann auch die Staatsanwaltschaft. Der Brandexperte tendierte zur gegenteiligen Ansicht: Der wahrscheinliche Auslöser des Brandes sei eine Selbstentzündung des Heulagers auf dem Balkon gewesen.

«Nie in der Wohnung geraucht»

Vor Gericht bestritt die Mieterin, im Innern der Wohnung geraucht zu haben. Sie habe aus Rücksicht auf ihre Tiere immer auf dem Balkon geraucht, so auch am Mittag jenes Tages im April 2015. Was Feuer angehe, sei sie sogar stets ein wenig übervorsichtig gewesen, zumal sie in ihrer Kindheit einen Brand miterlebt habe, bei dem Tiere ums Leben kamen. Draussen schien an jenem Frühlingstag die Sonne, aber in der Wohnung war es kalt, weil die Heizung nicht funktionierte. Da sie erkältet gewesen sei, erklärte die Frau, habe sie sich – nach dem Rauchen der Zigarette auf dem Balkon – zu Bett gelegt. Bald sei sie aufgewacht und habe gesehen, wie die Flammen an der Fensterfront auf einer längeren Fläche emporzüngelten. Sie habe das Gefühl gehabt, das Feuer drücke von aussen herein. «Wie in einem Albtraum» sei das gewesen.

Die Frau war in Panik und versuchte fieberhaft, ihre Hasen und Meerschweinchen zu retten. Ein in der Nähe beschäftigter Mann, der noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr zu ihr in die Wohnung kam und sie zum Verlassen derselben drängte, war als Auskunftsperson vorgeladen. An viel Heu in der Wohnung konnte er sich nicht erinnern. Im Bereich der Käfige, wo es solches hatte, habe es nicht gebrannt, sagte er, sondern «eher gegen die Fensterfront hin». Irgendwann sei die Scheibe wegen der Hitze zerborsten.

Auf dem Balkon gab es einen grossen, mit Sand gefüllten Aschenbecher. «Das war meiner», sagte die Frau vor Gericht, «eine sichere Sache.» Wofür denn der Aschenbecher gewesen sei, den die Polizei im Innern der Wohnung gefunden habe, wollte Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder wissen. «Mein Freund raucht lieber bei der offenen Balkontüre, nicht draussen wie ich», antwortete die Beschuldigte. Der Aschenbecher auf dem Fenstersims sei seiner gewesen. Ihr Freund hatte die Wohnung jedoch am Morgen verlassen.

Freispruch gefordert

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch. Seine Mandantin sei unschuldig. «Sie hat nicht in der Wohnung geraucht, der Brand muss eine andere Ursache gehabt haben.» Es gebe kein Indiz dafür, dass in der Wohnung geraucht wurde. Die Kippen, die im Aschenbecher auf dem Sims gefunden wurden, stammten nicht von der Zigarettenmarke seiner Mandantin. Der Polizeibericht sei vollkommen spekulativ. Darin sei die Rede von einer grösseren Menge Heu sowohl in der Wohnung als auch auf dem Balkon. In einem späteren Zusatzbericht habe der zuständige Polizeibeamte dann nichts mehr vom Heu auf dem Balkon wissen wollen. «Das entwertet seinen ganzen Bericht», befand der Verteidiger.

Indizien, ja klare Beweismittel für eine Brandursache ausserhalb der Wohnung wie eine Selbstentzündung des Heus auf dem Balkon, gebe es sehr wohl, sagte der Anwalt der Beschuldigten. Er stützte sich dabei auf das Gutachten des Brandexperten. Das Glas wölbe sich in Richtung der Brandquelle. Auf dieser Seite der Scheibe bildeten sich zudem Russspuren. Im vorliegenden Fall hätten sich diese auf den Scherben, die auf den Balkon fielen, unten befunden, auf jenen, die in die Wohnung fielen, aber oben. Sprich: Die Brandquelle befand sich aussen auf der Balkonseite. Mit der Möglichkeit, dass sich das Heu unter Einwirkung der Sonne selber entzünden könnte, so der Verteidiger, habe die Frau nicht rechnen können.

Unüberwindbare Zweifel

Die Einzelrichterin sprach die Frau von Schuld und Strafe frei. Es bestünden unüberwindbare Zweifel, dass sich das Ganze so abgespielt habe, wie es von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt werde, sagte Bettina Keller-Alder. Die Verfahrenskosten gehen zulasten der Staatskasse. Die Zivilklage der Aargauischen Gebäudeversicherung verwies das Gericht auf den Zivilweg.