Kolumne

Smoothies sind so etwas wie ein Birchermüesli 2.0

Florian Riniker* erinnert sich an viele Premieren in seinem Leben. Kürzlich hatte er eine, die noch immer nachhallt.

Florian Riniker
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Für Florian Riniker sind Smoothies eine Art Birchermüseli 2.0

Für Florian Riniker sind Smoothies eine Art Birchermüseli 2.0

Rebekka Balzarini

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Ich erinnere mich zum Beispiel noch genau an meinen ersten Kuss, an mein erstes Bier oder an meine erste Verkehrsbusse. Je nach Ereignis sind die einen Anfänge zauberhafter als die anderen.

Etliche Premieren wiederum verblassen sang- und klanglos. So sind die Erinnerungen vom ersten Flug oder der dem erstmaligen Ausfüllen eines Wahlzettels in meinem Gehirn ungefragt gelöscht worden.

Von einer erst kürzlich erlebten, nachhallenden Premiere will ich heute berichten. Nach dem übereilt kaffeelosen Aufstehen in einer fremden Stadt hastete ich vom Hotel an einen Ärztekongress, als mich Durst und Neugier an die Theke einer Smoothie-Bar verschlugen.

Von Magie war zwar nichts zu spüren, aber doch war es interessant, zwischen «Skin Balance», «Energy Storm» und «Happy Day» auszuwählen und mir schlürfend Gedanken über diese jäh entdeckte Saft-Subkultur zu machen.

Mich überraschte die Vielfalt an Zutaten, kombiniert in teils ansprechenden, teils gewagten Varianten.

Dass Gemüse und Früchte gesund sind, wusste ich ja schon von Kindsbeinen an und als Verdauungsprofi sind mir die Vorteile von Ballaststoffen, Antioxidantien und Rohkost vertraut. Doch hier staunte ich.

Die Namensgebung einiger Kreationen suggerierten ja bereits Heilkräfte und ich war dann etwas unsicher, ob ich auch ohne Alkoholexzess am Vorabend gefahrlos die Sorte «Anti-Hangover» bestellen könnte.

Als ich dann noch die Broschüre für das dreitägige Detoxprogramm las, musste ich mich sogar fragen: Könnte man sich einen ungesunden Lebensstil (das volle Wochenprogramm aus der Fritteuse, garniert mit Schnaps und Zigaretten) mit ein paar Tagen püriertem Superfood kompensieren?

So wie früher in der Kirche durch Ablasshandel Sündenstrafen erlassen werden konnten oder heutzutage Langstreckenflüge gerechtfertigt werden möchten mit der Zahlung an ein CO2-Kompensationsprojekt?

Der Mensch ist, was er isst, oder, smoothietechnisch gesprochen, was er schlürft. Ein gesunder Lebensstil fusst auf einer ausgewogenen Ernährung und verkraftet gelegentliche Exzesse oder Einseitigkeit.

Eine «Entgiftung» als Kompensation wird dabei nicht nötig. Doch an den Smoothies ist was dran. Es sind fein pürierte, vitaminreiche und bekömmliche Mixturen aus Früchten, Gemüse, wahlweise ergänzt mit Milchprodukten oder Nüssen. Eine Art Birchermüesli 2.0.

Nach einiger Recherche und vielen, guten Gesprächen mit Freunden schaffte sich meine Familie schliesslich auch eine Hochleistungs-Püriermaschine an. Das muntere Experimentieren mit Zutaten aus dem Garten, Stangensellerie, Spinat, Ingwer, Nüssen und Obst ging los.

Die Verhäckselung der Nahrungsmittel war zum Anfang befremdend und erinnerte mich an die Turmix-Kost im Spital. Nach geschmacklichen Verirrungen oder Blähungen auslösenden Fehlern liessen sich aber rasch erste Lieblingsrezepte erstellen.

Die anfängliche Skepsis ist gewichen, heute weiss ich die nährende Leichtigkeit eines frisch zubereiteten Mixgetränkes am Morgen sehr zu schätzen. Obwohl ich weiterhin auch feste Mahlzeiten täglich beibehalten werde, habe ich mich zu einem kleinen Gedicht hinreissen lassen.

Es wissen Säugling
und der Greis
um alle Vorzüge des Breis
Wer mit der Zeit geht
ruft heut «Prost!
wozu denn kau’n?
Püriert die Kost!»
Drum hoch die Gläser
und geniesst
schon Plato wusste:
alles fliesst.

*Der Kolumnist arbeitet als Magen-Darm-Spezialist in Aarau und wohnt in Suhr.