Aarau

Theaterspielen am Bahnhof kostet etwas Überwindung

Die Passerelle im Bahnhof Aarau dient dieses Wochenende fünf jungen Schauspielern als Bühne. Am Donnerstagabend findet die Premiere statt.

Tabea Baumgartner
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Die fünf Schauspieler denken über die Weltensehnsucht nach.

Die fünf Schauspieler denken über die Weltensehnsucht nach.

Tabea Baumgartner

Bahnhof Aarau, kurz nach Feierabend. Lichter spiegeln sich in der gläsernen Scheibe, ein Selecta-Automat, Bahnhofsuhren. Der ICN rollt aus, Richtung Biel, mit einem Säuseln. Hinter der spiegelnden Scheibe rollt er aus dem Bühnenbild.

Bühnenbild? «Es ist ein Theater», sagt Patrick Oes zu einer Passantin. Ihre Lippen sind rot geschminkt, sie trägt einen Hut. «Du darfst dich gerne setzen.» Nach kurzem Zögern setzt sie sich. Und einer steht da, lehnt sich an die Säule. Ein anderer setzt sich auf die Bank. «Was ist Weltsehnsucht?» hebt sich eine Stimme. «Was treibt dich weg von da?» klingt es von der anderen Seite. «Warum bleibst du noch?» Das nachdenkliche Flüstern in den Bankreihen mischt sich auf wundersame Weise mit dem alltäglichen Tratsch der Passanten. Währenddessen donnert ein Güterzug durch den Bahnhof.

Es kostet etwas Überwindung

Fünf junge Menschen stehen auf der Bühne – Pardon, auf der Bahnhofspasserelle. An einem Ort, wo Züge und Menschen aus aller Welt zusammenkommen. Genau hier denken sie darüber nach, was «Weltsehnsucht» ist. Ist es dieses Kribbeln im Innern, dieses Drängen des Brustbeins? Ist es der Wunsch nach Weite, nach dem Andern? Momente des Nachdenkens, Momente des Träumens, Momente des Zweifelns – es sind Gedanken aus dem Innersten, welche die jungen Menschen mitten im Bahnhof mit der Öffentlichkeit teilen. «Am Anfang hat es etwas Überwindung gekostet», sagt Tim Laschkolnig. «Es ist ungewohnt, hier zu spielen», sagt Esra Karaoglan. «Du öffnest die Augen, da steht eine Frau. Dann schliesst du sie, und wenn du wieder hinschaust, ist sie bereits wieder weg» schildert Selim Yilmaz eine Probeszene. «Genau das macht es spannend», fügt Bettina Siegenthaler an. «Hier kommen Leute vorbei, die sich nie ins Theater wagen würden.»

Texte sind frei improvisiert

Woher kommen die Ideen, die Worte? «Es gibt Themen, die uns persönlich beschäftigen. Andere haben wir frei dazugedichtet», sagt Laschkolnig. Die Texte sind der freien Improvisation entsprungen, dies unter der Leitung von Patrick Oes und Sébastien Disch, Theaterpädagogen und Studenten der Zürcher Hochschule der Künste. Ein Projekt im Bahnhof Aarau schwebte den beiden schon lange vor: «Dieser Ort hat etwas Spezielles», sagt Oes. Entstanden ist die Theaterperformance «Terrarium» von Szenart mit fünf engagierten Laienschauspielern aus der Region. «Theater zu spielen, das bringt einen aus dem Alltag in eine andere Welt», sagt der Laienschauspieler Stefan Stegmüller.

Eindrücklich sind jene Momente, wo die fünf Protagonisten ihren eigens verfassten Monolog sprechen: «Wenn ich träume, habe ich alles. Ich bin ein Weltenspringer. Immer wieder bin ich da, und will doch nicht da sein.» Dann stocken die Bahnhofsuhren – die Passanten bleiben stehen, der Zug bremst ab, die Lichter verschwimmen. Innehalten scheint für einmal erwünscht – sogar mitten im Bahnhof Aarau, wo am Montagmorgen wieder Menschen hastig zur Arbeit eilen werden.

Theaterperformance «Terrarium» im Bahnhof Aarau: Donnerstag, 19:30 Premiere, Freitag, 18 und 20 Uhr. Samstag, 16 und 18 Uhr. Sonntag, 15 und 17 Uhr.