Aarau

Urs Hofmann: «Es gibt eine andere Geschichte als jene der Mythen»

Ein Roundtable-Gespräch zum Ende des Gedenkjahres drehte sich um den politischen Einsatz von Geschichtsbildern.

Ueli Wild
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Urs Hofmann: Es geht nicht ums Zerstören der Mythen. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, dass es eine andere Geschichte gibt als jene der Mythen.»

Urs Hofmann: Es geht nicht ums Zerstören der Mythen. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, dass es eine andere Geschichte gibt als jene der Mythen.»

Ueli Wild

Zwei Ereignisse standen im Aargauer Gedenkjahr 2015 im Mittelpunkt der Erinnerung: primär die Eroberung grosser Teile des heutigen Kantonsgebietes durch die Eidgenossen 1415, aber auch der Wiener Kongress von 1815. An diesem wurde der Fortbestand des mit der Mediationsakte von 1803 gegründeten Kantons Aargau festgeschrieben.

Ziel des Gedenkens war es, wie Landammann Urs Hofmann am Roundtable-Gespräch im Theater Tuchlaube erklärte, das Geschichtsbewusstsein möglichst vieler Menschen im Kanton zu schärfen. Die grosse Frage habe gelautet: Wie erreicht man auch die nicht historisch Interessierten? Das Konzept, so Hofmann, scheine funktioniert zu haben.

Auf gesamtschweizerischer Ebene, zumal in den Medien, stellte der Historiker Bruno Meier fest, sei das Aargauer Gedenken überlagert worden durch eine nationale Debatte. Diese bezog sich mehr auf zwei andere Jahreszahlen: 1315 und 1515 und damit auf die Schlachten von Morgarten und Marignano sowie ihre Bedeutung für die unterschiedlichen Geschichtsbilder der Schweiz.

Ausgelöst hatte den «Historikerstreit» im Frühjahr Thomas Maissen mit seinem Buch «Schweizer Helden-Geschichten und was hinter ihnen steckt». Verlegt hat die Publikation der Badener Verlag «hier und jetzt», dessen Geschäftsführung Bruno Meier angehört. Maissen, der Schweizer Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris, stellt den wissenschaftlichen Kenntnisstand der Instrumentalisierung von Mythen für politische Ziele gegenüber, wie sie beispielsweise in Zitaten von Christoph Blocher fassbar wird.

Dass Maissen es für notwendig befand, ein solches Buch zu schreiben, zeigt eines: dass die nach dem Zweiten Weltkrieg vom Ostaargauer Mittelalterhistoriker Marcel Beck unter Berufung auf die zeitgenössischen Quellen angestossene Trennung von Geschichte und Mythos im Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung vielerorts noch immer nicht angekommen ist. Mehr noch: Es zeigt, dass namentlich national-konservative Kreise weiterhin erfolgreich ihren Gefolgsleuten Mythen für Geschichte verkaufen.

Dieses Fazit liess auch das Roundtable-Gespräch in der Tuchlaube zu, das sich schnell von der aargauischen auf die eidgenössische Ebene verlagerte. Bruno Meier beschrieb seine an zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen gesammelten Eindrücke deutlich: «Der Wissensstand der Leute war bemerkenswert schlecht.»

«Gegengeschichte» zum Mythos

«Wieso ist es so schwierig, gegen den Mythos eine andere Geschichte aufzubauen?», fragte der Moderator des Gesprächs, Theaterleiter Peter Jakob Kelting. «Die andere Geschichte, die für die Herzen so einfach ist wie der Mythos», vermutete Urs Hofmann, «gibt es nicht.»

In dieser Runde war die Betrachtungsweise von Kaba Rössler, Leiterin des Aarauer Stadtmuseums, schon fast ein wenig provokativ: «Wir müssen doch nicht an der Zertrümmerung der Mythen arbeiten.» Erstens sei diese schon längst erfolgt und zweitens sei es schön, «eine schöne Geschichte zu haben».

«Es geht nicht ums Zerstören und Ersetzen der Mythen», stellte Urs Hofmann klar. Es gehe vielmehr darum, zu zeigen, dass es eine andere Geschichte gebe als jene der Mythen. Hofmann führte auch vor Augen, was die «schöne, für die Herzen einfache» Geschichte vermag: «Bei Morgarten haben wir alle das Gefühl, dabei gewesen zu sein.» In Wahrheit ist die Quellenlage zum Geschehen an jenem 15. November denkbar dürftig.

Neue Mythen werden geschaffen

Und die Mythenbildung geht munter weiter, wie Bruno Meier aufzeigte: In Morgarten wurde zum 700-Jahr-Jubiläum ein neuer Besucherpavillon erstellt. Und die in Resten erhaltene Letzi wurde teilweise restauriert. Nur: Die Letzi wurde erst nach 1315 gebaut.

Um die Bewahrung von «Freiheit», die es im Mittelalter im Sinn des modernen Staates ohnehin nicht gab, ging es 1315 nicht, sondern vielmehr darum, dass die Habsburger nach dem Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln ihre Verantwortung als Schutzvögte des Klosters wahrnehmen und Vergeltung üben wollten. In Morgarten sei nun «ein reiner Mythos gebaut worden», kritisierte Bruno Meier, «weiter nichts als eine Kulisse».

Und er sei überzeugt, so Meier, dass diese Kulisse auf Dauer Bestand haben werde. Dabei werde die Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft im nahe gelegenen Schwyzer Bundesbriefarchiv, von der breiten Öffentlichkeit beinahe unbemerkt, auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft erzählt.

Blochers Demokratieverständnis

Christoph Blocher setze die Europäische Union mit dem Kaiserreich des Mittelalters gleich, sagte Urs Hofmann. «Für ihn zählt der Kampf gegen die grosse Macht.» Nicht im Mythos, aber historisch gesehen scheitert diese Gleichsetzung: «Freiheit», «Unabhängigkeit», «Demokratie» sind die grossen Begriffe der Nationalpopulisten. Aber das sind alles Werte, die es um 1300 auch in den Waldstätten gar nicht gab.

Bruno Meier unternahm den Versuch, das Demokratieverständnis von Christoph Blocher zu analysieren: «Blocher ist der Vertreter einer Demokratie im Sinne einer Landsgemeinde im 18. Jahrhundert.» Eine Korporation sei das gewesen, «ein eingeschränkter Kreis der Berechtigten, keine Demokratie im aufklärerischen Sinn». Damit erweise sich Blocher als vorrevolutionär, als Vertreter dessen, was vor 1798 war. Meiers Fazit: «Er ist kein Vertreter der Demokratie.»

Dank Thomas Maissens Buch, stellte Urs Hofmann fest, sei 1415 im Gedenkjahr auch ausserhalb des Kantons Aargau besser zur Geltung gekommen. Die Eroberung des Aargaus 1415, verbunden mit der Einrichtung der ersten Gemeinen Herrschaft, bezeichnete Bruno Meier als «Ausgangspunkt der Gemeinsamkeit in der Eidgenossenschaft» und damit letztlich als Beginn einer Erfolgsgeschichte.

«Eine Methode, zu einer andern Geschichte zu kommen», sagte Meier, «bestünde darin, sich zu fragen, weshalb es der Schweiz so gut geht.» Mögliche Gründe fand der Badener Historiker durchaus auch im Erbe der 1798 untergegangenen Alten Eidgenossenschaft. So sei es beispielsweise immer gelungen, die Verlierer der Konflikte untereinander wieder zu integrieren, während die meisten andern Staatsgebilde in Europa nach der Reformation zerbrochen seien.

Einen Grund für das Überleben der Eidgenossenschaft sah der Aarauer Historiker Dominik Sauerländer auch darin, dass sich die Eliten der eidgenössischen Stände einig waren. «Sie hatten Beziehungen untereinander und setzten diese nicht aufs Spiel.» So hätten beispielsweise reformierte Zürcher Ratsherren ungeniert bei einer Heiligentranslation in Baar mitgemacht.