Erster Weltkrieg

Vor 100 Jahren: Der Tag, als die Soldaten nach Aarau strömten

Bald hundert Jahre ist es her: Mit Fuhrwerken, auf dem Velo, zu Ross und mit Sonderzügen kamen die Wehrmänner am 4. August 1914 zum Sammelplatz in Aarau. Es war ein regnerischer Tag, die Stimmung gedrückt.

Hermann Rauber
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Mobilmachung in Aarau: Die Truppen versammeln sich im Schachen.
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Erster Weltkrieg: Als Soldaten nach Aarau kamen
Erster Weltkrieg: Karte mit Europa vor dem ersten Weltkrieg und danach.

Mobilmachung in Aarau: Die Truppen versammeln sich im Schachen.

Sammlung Stadtmuseum Aarau

Im Sommer 1914 verdüsterte sich die politische Lage in Europa zusehends. Das Attentat von Sarajewo am 28. Juni mit der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers war nur noch der entscheidende Funke ins Pulverfass.

Ende Juli eskalierte die Lage mit verschiedenen Kriegserklärungen europäischer Staaten. Das bewog den Bundesrat ausgerechnet am Bundesfeiertag, die gesamte Armee auf den 3. August zu mobilisieren. Die zum guten Teil aus Aargauer Truppen zusammengesetzte 4. Division (die später zur 5. wurde) hatte am Dienstag, 4. August, einzurücken.

Militärischer Sammelplatz war Aarau. Von überall her kamen die Wehrmänner mit Extrazügen, mit Fuhrwerken, per Velo, hoch zu Ross oder gar zu Fuss in die Kantonshauptstadt.

«Einem Strome gleich wälzte sich eine riesige Menschenmenge durch die Bahnhofstrasse in den Schachen», zitiert der Historiker und Journalist Martin Matter in der 1986 publizierten Geschichte der 5. Division einen Wehrmann des Freiämter Bataillons 46.

Neben der Kavallerie, Genie- und Sanitätstruppen oder dem Landsturm mit roter Armbinde waren auch die Infanterie-Regimenter 23 und 24 mit den Füsilier-Bataillonen 55 (Zofingen), 56 (Wynental), 57 (Aarau) und 59 (Fricktal) dabei.

Trüber Tag drückte die Stimmung

Die Atmosphäre war «ernst», denn allen wurde bewusst, dass es diesmal nicht in einen «fröhlichen Wiederholungskurs» ging. Die Aargauer Einheiten leisteten unter den Augen von Regierungsrat Karl Ringier in einem feierlichen Akt den Fahneneid.

Das Wetter war laut einem Bericht in der lokalen Presse an diesem denkwürdigen Tag «trüb und nass und drückte auf die Stimmung». Anschliessend verschob sich das Gros der Truppen bei zurückkehrender Sommerhitze sofort zur Grenzsicherung in den Raum Nordwest-Schweiz.

Die Garnisonsstadt Aarau war aber auch in den folgenden Tagen und Monaten ständig mit Einheiten belegt. Die Stäbe residierten im Hotel Gerber-Terminus (später «Aarauerhof»), im Gasthof Ochsen am Schlossplatz oder im «Wildenmann» an der Vorderen Vorstadt.

Die Unteroffiziere und Soldaten logierten im Saalbau, in den Schulhäusern und Turnhallen, ja sogar im Kosthaus der Jura-Cement-Fabriken im Scheibenschachen.

Im rückwärtigen Raum stationiert waren unter anderem die Feldpost und Verpflegungsabteilungen. Mindestens Durst zu haben brauchte in Aarau, sofern er es sich leisten konnte, niemand, weist doch die Statistik für das Jahr 1914 nicht weniger als 78 Wirtschaften aus, bedeutend mehr als heute.

Grosse Lücken im Arbeitsleben

Die Farbe Feldgrau dominierte also das Stadtbild. Das lokale Schlachthaus musste immer wieder dem Militär zur Verfügung gestellt werden.

Auf der anderen Seite fehlten wegen des Aktivdienstes rund 1100 Dienstpflichtige, die damals in Aarau wohnten, an ihrem Arbeitsplatz. Das führte zu wiederholten Absenzen, unter anderem auch in den Schulen, die zum Teil pensionierte Lehrkräfte für Stellvertretungen reaktivierten.

Der traditionelle Bezirksschülerabend fiel laut dem Rechenschaftsbericht des Gemeinderates 1914 «der schwer lastenden Zeitumstände wegen» aus. Eingestellt wurde auch die Tätigkeit des Kadettenkorps, weil «sämtliche Instruktoren im Militäreinsatz an der Grenze standen».

Personeller «Notstand» herrschte unmittelbar nach Kriegsausbruch auch im Stadtrat, mussten doch vier von insgesamt sieben Amtsträgern in den Aktivdienst einrücken. Deshalb zog man den Präsidenten und den Vizepräsidenten der Einwohnerrechnungskommission als «ausserordentliche Mitglieder» zu Sitzungen bei.

Engpässe hatte auch die Feuerwehr zu verzeichnen, die man mit der «Beiziehung» von Ehemaligen beheben konnte. Zudem richtete man für kurze Zeit eine «ständige Feuerwache» auf dem Areal der Kantonsschule ein.

Hamsterkäufe und steigende Preise

Ging die eidgenössische Mobilmachung noch einigermassen geordnet über die Bühne, so traf der Ausbruch des Ersten Weltkrieges das zivile Aarau offenbar «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», schreibt Margareta Edlin in der 1978 erschienenen Stadtgeschichte.

Handel und Wandel stockten augenblicklich, während «der Sturm auf Banken und Lebensmittelgeschäfte der unerhörten Verwirrung jener Tage Ausdruck gab».

Diese «Hamsterkäufe» hatten zur Folge, dass die Preise der Grundnahrungsmittel kurzfristig überdurchschnittlich anstiegen. Ein Kilo Brot kostete im Herbst 1914 statt 35 nun 38 Rappen, ein halbes Kilo Kartoffeln waren im Oktober des ersten Kriegsjahres für 9 statt für 7 Rappen zu haben, lediglich der Milchpreis blieb mit 24 Rappen pro Liter praktisch konstant.

Von einer Rationierung war das Land weit entfernt, rechnete man doch im Spätsommer 1914 noch mit einer kurzen Kriegsdauer. Die ersten Lebensmittelkarten wurden in Aarau am 2. Februar 1917 für Reis und Zucker abgegeben.

Fabriken waren stillgelegt

Besonders betroffen vom Kriegsausbruch waren in Aarau das Baugewerbe und die Zementindustrie. Hier legten der Einbruch beim Absatz und die Abwesenheit der meisten Mitarbeiter «die Fabriken still». Gleiches galt für die Glockengiesserei, neben dem Rückgang von Aufträgen verzögerte und verteuerte sich die Beschaffung von Kupfer und Zinn.

Völlig zusammen brach schliesslich die Möbelfabrikation, von «einem Geschäft konnte nicht mehr die Rede sein», im Interesse der Arbeiter wurden die Betriebe aber «durchgehalten». Besser erging es der Schokoladenfabrikation und dem Bereich optischer Instrumente, die zum Teil von Armeeaufträgen profitieren konnten.

Aarauer halfen einander

Nach der anfänglichen Aufregung kehrten bald Ruhe und Besonnenheit zurück. Der Gemeinderat unter Führung von Stadtammann Hans Hässig bestellte bereits am 7. August eine 18-köpfige «Hülfskommission», die Tage später «an die Einwohner der Stadt Aarau» die Bitte richtete, «Herzen und Hände für Bedürftige und in Not geratene Mitbürger zu öffnen».

Geldspenden gingen unter anderem an plötzlich verdienstlose Wehrmänner und deren Familien, in den meisten Fällen allerdings bestand die Hilfe in Gutscheinen für Milch, Brot, Suppe, Spezereien, Schuhe, Brennholz oder Medikamente.

«Dienstwillige Damen» richteten zudem im Pestalozzi-Schulhaus eine Volksküche und eine «Kindersuppenanstalt» ein, die täglich von mehr als 400 dankbaren Essern frequentiert wurden. Man schaffte zu diesem Zweck extra einen neuen Gaskippkessel zu 400 Liter an.

Die von der Aarauer «Hülfskommission» zugesprochenen Unterstützungen erreichten in den vier Kriegsjahren die erhebliche Summe von 104 319 Franken, die zu drei Vierteln durch Spenden aus der Bevölkerung gedeckt war.

So verzichteten beispielsweise die Arbeiter und Angestellten des städtischen Gaswerks auf einen Tageslohn und überwiesen 76 Franken und 20 Rappen als solidarisches Scherflein.

Kriegsfahrplan für die Eisenbahn

Schliesslich verfügte der Stadtrat angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit wenige Woche nach Kriegsbeginn die Ausführung von Notstandsarbeiten. Unter anderem ging es um die Kanalisation im Bahnhofgebiet und im Zelgli. Bedingung für die Vergabe an Unternehmer war, «in erster Linie die hiesigen Arbeitskräfte zu berücksichtigen».

Wie einschneidend das zivile Leben betroffen war, zeigt die Tatsache, dass die Talbahnen vom 8. August an nur noch nach einem eingeschränkten «Kriegs-Fahrplan» verkehrten.