Küttigen

Wasser mit Zitrone ist sein Doping: Das ist der 67 Jahre alte Cancellara

Morgen steigt Senior Marcel Christen zum letzten Mal auf sein Rennrad, um ein Rennen zu fahren. Wobei: Es ist bloss das letzte dieser Saison. Dabei deutete vor 30 Jahren nach einem Skiunfall nichts mehr auf Sport hin.

Seraina Ummel
Drucken
Teilen
Marcel Christen sass zehn Jahre lang im Rollstuhl.su

Marcel Christen sass zehn Jahre lang im Rollstuhl.su

Inmitten der Muskelprotze und Hobbygewichtheber im Fitnesszentrum erscheint Marcel Christen wie ein in die Jahre gekommener Rockstar. Die Velorennradbrille ins graue Haar gesteckt, ein ärmelloses T-Shirt, kurze, ausgefranste Jeans.

Nur seine sehnigen Beine und der muskulöse Oberkörper lassen auf die 40 Trainingsstunden pro Woche schliessen, die er in der Wettkampfsaison von seinem Körper abverlangt.

Morgen Samstag fährt Christen am Prix Wanners Cycles im waadtländischen Orbe mit. Dieses Einzelzeitfahren ist das zehnte und letzte Rennen für ihn in der diesjährigen Saison. Die 30 Kilometer lange Rundstrecke will er in 48 Minuten erreichen.

Ein realistisches Ziel? «Ich habe mich noch nie überschätzt», antwortet der diesjährige Vize-Schweizermeister seiner Altersklasse im Zeitfahren.

Sein Selbstbewusstsein beeindruckt vor allem Jugendliche, die teilweise nur wegen ihm, dem Inhaber des Fitnesscenters «step by step» in Aarau, ein Abonnement lösen würden. Zwar behauptet Christen, sein eigenes Vorbild zu sein, «aber vor dem Start bin ich immer auf dem Sprung wie ein Panther».

Wasser mit Zitrone als Doping

Vor 30 Jahren jedoch hatte niemand erwartet, dass er je wieder auf eigenen Füssen stehen wird. Zehn Jahre lang sass er im Rollstuhl aufgrund eines Skiunfalls, arbeitete sich danach mit Ehrgeiz und Training wieder auf die Beine. 25. wurde er an den Seniorenweltmeisterschaften im Einzelzeitfahren in Kitzbühel mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 38 Stundenkilometern.

Doch sind solche Leistungen noch möglich ohne Doping? Christen, der weder trinkt noch raucht und für sein feierabendliches Glas Wasser mit einem Zitronenschnitz drin bekannt ist, sagt, er schätze seinen Körper dafür zu sehr. Doch ein Sportler werde fast schon zum Dopen gezwungen: «In der Welt ist alles noch besser, noch schneller und perfekter geworden – die Menschen erwarten Weltrekorde.»

Er will nicht durchschnittlich sein

Auf die Frage, woher er all die Motivation nehme für stundenlange Trainingseinheiten, überlegt er lange. «Etwas zu erreichen, das dich abhebt von der Masse, das motiviert mich», antwortet Christen mit Blick auf sein 35 000 Franken teures Rennrad.

Geht er durch die Reihen der Fitnessgeräte auf eine Gruppe junger Männer zu, kriegt er da einen kumpelhaften Schlag auf den Rücken und erwidert weiter vorne einen Gruss.

Man kennt ihn, das Vorbild mit den eigensinnigen Ideen und den neongrün leuchtenden Socken. Doch eigentlich seien Zeitfahrer «furchtbare Egomanen», betont Christen, der alleine in den USA gelebt und ebenso alleine trainiert hat.

Immerhin dürfe ihm seine Lebenspartnerin Susi den Trainingsplan zusammenstellen. Das Rennrad steht im Eingang des Fitnesszentrums und wartet, bis es morgen zum letzten Mal vor der Winterpause mit Marcel Christen ein Rennen fahren darf.