Aarau

Wie der neue Präsident den Einwohnerratsbetrieb optimieren will

Der neue Einwohnerratspräsident Matthias Keller hat Ideen, wie sich der Ratsbetrieb optimieren lässt. Mit seinen 28 Jahren ist er der bisher jüngste Aarauer Einwohnerratspräsident.

Ueli Wild
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Über vier Stadtratsmitgliedern die neue Führung des Einwohnerrats: Matthias Keller (Präsident, hinten Mitte) und Thomas Richner (Vizepräsident, hinten links); rechts hinten Protokollführer und Vizestadtschreiber Stefan Berner. Sandra Ardizzone

Über vier Stadtratsmitgliedern die neue Führung des Einwohnerrats: Matthias Keller (Präsident, hinten Mitte) und Thomas Richner (Vizepräsident, hinten links); rechts hinten Protokollführer und Vizestadtschreiber Stefan Berner. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

An seiner konstituierenden Sitzung für die Amtsperiode 2018–2021 hat der Aarauer Einwohnerrat gestern Abend den bisherigen Vizepräsidenten Matthias Keller (28, EVP) für die kommenden zwei Jahre zu seinem Präsidenten gewählt. Keller war der einzige Kandidat. Er erhielt 41 von 42 in Betracht fallenden Stimmen. Seine Motivation begründete er mit einer Leidenschaft. «Diese», so Keller, «heisst Aarau.» Bis zur Wahl des Einwohnerratspräsidenten leitete Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker die Sitzung. So wollen es die Gemeindeordnung der Stadt Aarau und das Geschäftsreglement des Einwohnerrates.

Matthias Keller hat einen steilen Einstieg in die Kommunalpolitik erlebt. Mit seinen 28 Jahren ist er der bisher jüngste Aarauer Einwohnerratspräsident. 2015 in den Einwohnerrat nachgerückt, wurde er am 14. Dezember desselben Jahres zum Vizepräsidenten gewählt. In einer Kampfwahl erreichte er damals mit 23 Stimmen genau das Absolute Mehr und liess damit den von der SVP ins Spiel gebrachten Gegenkandidaten Peter Roschi (CVP) um eine Stimme hinter sich.

Ulrich Fischer ist FGPK-Präsident

Zum Vizepräsidenten gewählt wurde mit 46 Stimmen der Rohrer Thomas Richner (53, SVP). Als Stimmenzähler wählte der Rat Ueli Hertig (Pro Aarau) und Leona Klopfenstein (SP). Mit 33 Stimmen zum Präsidenten der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission (FGPK) erkoren wurde Ulrich Fischer (67, Pro Aarau). Weil turnusgemäss die FDP an der Reihe gewesen wäre, aber verzichtete, versagte die SVP Fischer die Unterstützung. In die FGPK gewählt wurden auch Daniel Ballmer (Grüne, neu), Yannick Berner (FDP, neu), Simon Burger (SVP, bisher), Alois Debrunner (SP, neu), Andrea Dörig (SP, bisher), Peter Jann (GLP, bisher), Rainer Lüscher (FDP, bisher), Nicola Müller (SP, bisher), Barbara Schönberg von Arx (CVP, bisher), Urs Winzenried (SVP, neu).

Auf die Frage, wie er zur Politik gefunden habe, antwortet Keller auf Nachfrage der AZ: «Die Politik ist auf mich zugekommen.» In diesem Fall hatte die Politik einen Namen: Therese Dietiker, seit 2008 Präsidentin der EVP Aarau. Die EVP ist für Keller «jene Partei, in der man eine andere Meinung haben darf – und trotzdem ist es okay». Was ihm an seiner Partei weiter gefällt: Sie sei einerseits wertkonservativ, andererseits habe sie eine ultrasoziale Ader. Auf der Links-Rechts-Skala funktioniere die EVP nicht nach Schema F. «Wir sind auch nicht in der Mitte, sondern wir zeigen Ausschläge auf beide Seiten.» Das freilich habe zur Folge, dass man sich immer erklären müsse.

Ihm selber, sagt Keller, gehe es am Schluss immer um die Menschen, die ein lebenswertes Leben führen möchten. Das wolle er ermöglichen. Und er sei einer, der den Kompromiss suche. Eines wolle er sicher nicht sein: plakativ.

Als ehrgeizigen Politiker sieht sich Matthias Keller trotz steilem Ein- und Aufstieg nicht. «Dafür bin ich wohl in der falschen Partei.» Ihm gehe es um den Dienst an der Gesellschaft – um die Funktion, nicht um die Position. «Ich habe keinen Machtanspruch.» Im Moment denkt er auch nicht an einen späteren Wechsel in den Grossen Rat. Von seinem zupackenden Naturell her, vermutet Keller, würde ihm wohl ohnehin ein Exekutivamt mehr entsprechen als das «Parlare». Er sei gespannt, wohin ihn die Politik führe. Aber für ihn gelte ganz klar: «Eins nach dem andern.»

Das sind die Mitglieder des Aarauer Einwohnerrats:

Lelia Hunziker (SP)
50 Bilder
Nicola Müller (SP)
Alois Debrunner (SP)
Abdul Abdurahman (SP)
Leona Klopfenstein (SP)
Eva Schaffner (SP)
Andrea Dörig (SP)
Annja Kaufmann (SP)
Beatrice Klaus (SP)
Laura Peter (SP)
Salome Ruckstuhl (SP)
Thomas Grüter (SP)
Silas Müller (SP)
Ursula Funk (SP)
Urs Winzenried (SVP)
Simon Burger (SVP)
Susanne Heuberger (SVP)
Jürg Schmid (SVP)
Thomas Richner (SVP)
Max Suter (SVP)
Susanne Knörr (SVP)
Heinz Suter (SVP)
Beat Krättli (SVP)
Christoph Oeschger (SVP)
Martina Suter (FDP)
Rainer Lüscher (FDP)
Silvano Ammann (FDP)
Barbara Urech-Eckert (FDP)
Christian Oehler (FDP)
Patrick Deucher (FDP)
Michel Meyer (FDP)
Pascal Benz (FDP)
Matthias Zinniker (FDP)
Brigitte Vogt (FDP)
Yannick Berner (FDP)
Petra Ohnsorg (Grüne)
Susanne Klaus Günthart (Grüne)
Gerald Berthet (Grüne)
Christian Schäli (Grüne)
Daniel Ballmer (Grüne)
Esther Belser Gisi (Pro Aarau)
Ueli Hertig (Pro Aarau)
Ulrich Fischer (Pro Aarau)
Alexander Umbricht (GLP)
Peter Jann (GLP)
Barbara Schönberg von Arx (CVP)
Lukas Häusermann (CVP)
Peter Roschi (CVP)
Christoph Waldmeier (EVP)
Matthias Keller (EVP)

Lelia Hunziker (SP)

Zur Verfügung gestellt

Doppelspurigkeiten beseitigen

Hat sich Matthias Keller etwas Besonderes für die Zeit als Einwohnerratspräsident vorgenommen? – Ja, sagt er, ohne zu zögern. Das Geschäftsreglement des Einwohnerrates müsse überarbeitet werden. «Da drin hat es ein paar ältere Sachen und Doppelspurigkeiten mit der Gemeindeordnung.» Ein Beispiel sei in diesem Zusammenhang die Konstituierung des Einwohnerrates. Dass die Sitzung in der ersten Phase vom Stadtpräsidenten geleitet wird, zeugt aus Kellers Sicht nicht von grossem Selbstbewusstsein des Parlaments.

Was ihm weiter vorschwebt: Die Ratssitzungen sollten nicht in alle Nacht hinein andauern. Die Konzentration lasse da doch massiv nach. Matthias Keller könnte sich vorstellen, bei Bedarf eher zwei kürzere Sitzungen innert Wochenfrist durchzuführen. Und bei den stadträtlichen Vorlagen würde er es begrüssen, wenn die Anträge zu Beginn – und nicht erst am Ende der Botschaft – aufgeführt würden. Wie bei den persönlichen Vorstössen.

Den Organisator ziehts zur Theologie

Effizienz ist ihm wichtig. Das Organisieren – davon ist Matthias Keller selber überzeugt – ist eine seiner grössten Stärken. Auch im Berufsleben ist er ein Organisator: Der Holzbauingenieur mit Fachrichtung Prozessmanagement ist mit einem 60-Prozent-Pensum bei der Triviso AG in Solothurn tätig, einer Firma, die Software für Schreiner und Zimmerleute entwickelt. Als Projektleiter führt Keller die Software bei den Firmen ein. 35 Prozent beträgt sein Pensum bei Vineyard Aarau. Er leitet die technische Organisation dieser Freikirche. Zu seinem Aufgabenbereich zählen die Infrastruktur und die Kommunikation sowie das Terminieren von Anlässen. Das Engagement bei Vineyard wird Keller demnächst reduzieren, allerdings nicht wegen des Einwohnerratspräsidiums, sondern weil er sich weiterbilden will: Er beginnt ein Quereinsteiger-Theologiestudium. Unter anderem, weil er «seit drei Jahren nichts Neues mehr gemacht» hat.

In Buchs aufgewachsen, ist Matthias Keller mit einer, wie er sagt «Ur-Aarauerin» verheiratet. Kennen gelernt hat er seine Frau Deborah, die als Mathematiklehrerin am Berner Gymnasium Neufeld tätig ist, bei kirchlichen Aktivitäten. Neben seinem beruflichen und politischen Engagement findet Keller auch noch Zeit für den sportlichen Ausgleich. So ist er beispielsweise ein leidenschaftlicher Beachvolleyballer. «Nicht vereinsorientiert», präzisiert er. Kein Zweifel: Im Getriebe mag er als Ingenieur und Politiker den Sand nicht – zwischen den Zehen aber sehr.