Zirkusfestival
Rückwärts durch Aarau mit der Anmut eines Trampeltiers

Am Zirkusfestival cirqu’ bietet Reverse einen Stadtrundgang der anderen Art. Ein Selbstversuch.

Katja Schlegel
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Der Rückwärts-Stadtrundgang im Video.

Simone Morger

Und da glotzen sie. Wie die Lämmer, anders kann man es nicht nennen. Aber wer kann es ihnen verübeln, es ist ja auch verrückt. Rückwärts durch die Stadt zu laufen, durch Gassen, durch die Stadtkirche, durch Hinterhöfe, durch Schulzimmer. Rückwärts, immer rückwärts. Über Rampen, Treppen, Stoppelfelder, über Strassen, herrje, geführt natürlich. Kein Blick zurück, das ist es ja genau.

Das ist Reverse. Der Stadtrundgang der anderen Art, der im Rahmen von cirqu’ seit Donnerstagabend begehbar ist. Erarbeitet vom Belgier Johannes Bellinkx und seiner Truppe, massgeschneidert für Aarau. Eine Stunde lang spaziert man weissen Linien entlang durch Aarau, in den Ohren die Alltagsgeräusche der Stadt und Klangwelten aus Kopfhörern. Das erweitert die Wahrnehmung: Orgelmusik, Wassergeplätscher, Taubengurren, Autogeräusche. Stolpersteine sind aus dem Weg geräumt oder eingeebnet, und wo es brenzlig wird, wird einem geholfen.

Rückwärts ist die Stadt einfach anders

Wer glaubt, Aarau in- und auswendig zu kennen, der täuscht sich. Rückwärts ist die Stadt anders. Da ist der Graben kilometerlang, der Süffelsteg sowieso. Und da gibt es trotz allem noch Hinterhöfe, die man nie gesehen hat. Etwas komisch wird einem als Kenner der Stadt, wenn man ganz genau weiss, dass da demnächst eine stark befahrene Strasse kommt.

Wer rückwärts geht, muss vertrauen. Darauf vertrauen, dass es schon passt, dass man nirgends dagegen knallt, dass die Leute einem ausweichen, schliesslich fällt man auf mit dem unsicheren Gang. Und das tun sie, jedenfalls die meisten. Sie schlagen Bogen, gucken komisch, die Kinder zeigen mit dem Finger oder vergessen glatt, an der Glace zu schlecken.

Rückwärtslaufen verlangsamt und gibt den Blick auf bislang Ungesehenes frei.

Rückwärtslaufen verlangsamt und gibt den Blick auf bislang Ungesehenes frei.

Simone Morger

Und die Erwachsenen? Gucken komisch, mit offenen Mündern. Manche schütteln den Kopf, viele lächeln, belächeln einen vielleicht. Ein Autofahrer bekommt die Krise, weil er am Fussgängerstreifen ein Momentchen warten muss; man hüpft halt nicht wie ein junges Reh, wenn man rückwärts läuft, man hat vielmehr die Anmut eines Trampeltiers. Und eine alte Dame fühlt sich bedrängt von den Blindfliegern: «Hallo Sie da», pfurrt sie, «da sind noch Leute hinter ihnen.» Da nützt auch das Erklären nichts; Zirkus sei ja gut und recht, aber alles habe seine Grenzen. Am Tisch der Strassenbeiz daneben findet sie Verbündete. «Der Nächste kommt wohl im Handstand», schmeisst einer in die Runde, und das Gelächter ist gross.

Doch was am Anfang noch irritiert, dieses Ausgestelltsein, gefällt immer besser. Die Scham verfliegt innert Minuten, wendet sich ins Gegenteil. «Komm, schau mich an, lach doch, reiss einen Spruch!»

Nach rund einer Stunde kommt man am Ziel an. Mit einem leichten Ziehen in den Waden und heissen Backen, aber berauscht von einem unglaublichen Gefühl. Zu viel verraten soll man nicht, aber eines sei gewiss: Auch wenn hier alles rückwärts läuft, eines bleibt, wie es immer ist: Das Beste kommt zum Schluss.

Neue Dauerperformances auf dem Schlossplatz

Noch bis Sonntag lässt sich Aarau im Rückwärtsgang erkunden, dann endet das Festival. Zu entdecken und staunen gibt es bis dann aber noch eine ganze Menge. Unter anderem stehen heute Freitag und morgen Samstag zwei Artisten auf dem Schlossplatz: einmal Louisa, die am Freitag vier Stunden lang so ruhig wie möglich auf einem Seil steht, und am Samstag Roman, der vier Stunden lang eine 25 Kilogramm schwere Kugel balanciert. Beide Dauerperformances dauern von 18 bis 22 Uhr.

Hinweis: Zirkusfestival cirqu’8 noch bis Sonntag, 20. Juni. Infos und Tickets auf www.cirquaarau.ch.