Aarau

Zukunft heisst: «Nicht abschieben. Selber handeln.»

«Salon Utopia» – in der Aarauer Innerstadtbühne diskutierten der Soziologe Harald Welzer und die politische Philosophin Katja Gentinetta.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Die Politphilosophin und der Soziologe: Katja Gentinetta und Harald Welzer.

Die Politphilosophin und der Soziologe: Katja Gentinetta und Harald Welzer.

Zur Verfügung gestellt

Harald Welzer schrieb kürzlich ein Buch mit dem Titel «Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand». Darin zieht er schonungslos über alles her, was «unsere» Lebensweise ausmacht (ja, vom «American Way of Life» ist nicht mal die Rede). Unökonomisch sei unsere Wirtschaftsform, sie konsumiere ihre eigenen Grundlagen, von nachhaltig keine Rede, ein Verschiebebahnhof, wo die ringenden Probleme nach nirgendwo abgeschoben würden. «Zukunft» heisse für uns: Von allem immer mehr haben.

Damit nicht genug. Die «grüne» Bewegung samt ihrer Politik habe gesellschaftspolitisch abgedankt, wenn sie überhaupt je daran gedacht habe, eine solche Rolle zu spielen. Jetzt denke sie nur noch in Begriffen von «Effizienz», also technokratisch. Keine Rede mehr, dass «etwas Anderes» her müsse.

Aufgrund solcher Sätze erwartete man einen grimmigen Mann, anklagend, eifernd. In seinem Eingangsreferat fand er zwar durchaus deutliche Worte, aber angetroffen hat man einen netten, ruhigen, konzilianten Mann, der über die Feinheiten des Futur II plauderte (Man wird etwas getan haben.). Zukunft heisse nicht wolkige Vorstellungen, was sein könnte, sondern Handlungsperspektiven, gewonnen aus der Retoursicht. Darum gehe es: Sich wieder Handlungsspielräume verschaffen, Gestaltungsmöglichkeiten ergreifen. «Man kann ja nichts machen.» – das stimme hochgradig nicht: «Man kann sehr viel machen.»

Die Ideologie des «Immer mehr» ist natürlich ein Ausfluss unseres wachstumsgetriebenen Wirtschaftssystems. «Extraktivismus» – immer mehr herausholen, aus den Ressourcen, aus der Natur, das ist Welzers Name für das Wirtschaftsgebaren, und dem Begriff «Moderne» hat er das Epitheton «expansiv» verpasst.

Nochmals: Seine Analyse war hart, seine Worte klar. Aber sein Auftreten gewinnend. Das hat auch etwas mit seiner Sicht der Dinge zu tun und ist nicht einfach nur die Weisheit (des allenfalls alles Besserwissenden). Zusammen mit Industrialisierung und Kapitalismus hat sich in Europa auch die Demokratie ausgebreitet. Und bei dieser Idee gibt es nicht viel zu mäkeln. Da haben wir keinen Grund, davon abzurücken.

Eine wohlwollende Öko-Diktatur, wie sie zum Beispiel der Philosoph Hans Joas als Folge seiner «Ethik der Verantwortung» folgert, ist für Welzer kein Thema. Das können wir nicht wollen. Und zwar deshalb nicht, weil sich (auch) eine solche Diktatur auf einen Masterplan stützen müsste, wie denn endlich das Gute auf den Weg gebracht werden könnte. Solche Experimente hat man im letzten Jahrhundert genug gemacht. Die bösesten sind schlimm genug ausgegangen. Welzer zieht den sanften Weg vor: Ausprobieren, abbrechen, aufhören, innehalten, pausieren. Unser Modell ist technisch geprägt, wir wissen gar nicht, wie eine Gesellschaft «ohne» aussehen würde.

Damit war einer Frontal-Kontroverse mit Katja Gentinetta, immerhin einmal Vizedirektorin des liberalen Think-Tanks «Avenir Suisse» der Wirtschaft, die Grundlage entzogen. Diskussionsleiter Peter-Jakob Kelting von der Innerstadtbühne versuchte es zwar und nannte den Gegensatz Demokratie/Wirtschaft. «Wir alle gehören zur Wirtschaft», sagte Katja Gentinetta, «als Konsumenten, Produzenten, Angestellte und Unternehmer.» Und wenn die Losung heisse, von allem weniger, dann müsse man sich darüber verständigen, wo weniger sei. «Das kann über Appelle gehen, über Gesetze oder über den Preis. Aber vor allem können wir es als Land nicht allein machen.»

Das wären wieder die grossen Konzepte. Die Masterpläne für die Utopien. Welzer bog es geschickt zurück. Beim Einzelnen muss es beginnen – nein, nicht beginnen, da muss es stattfinden. «Das gute Leben muss man sich erkämpfen», schrieb er in seinem Buch, «auch gegen sich selbst». Und wenn man von einer Transnationalen Perspektive des Verzichts rede, dann heisst das: «Verzicht bei uns».

Futur II, die Stiftung, deren Direktor Welzer ist, entwirft keine Konzepte und sagt auch nicht, was sein soll. Sie erzählt einfach Geschichten von Leuten, die etwas ausprobiert haben.