Baden

Anwohner besorgt wegen Fetischisten – Betreiberin spricht von Hetzkampagne

Vor einem Monat wurde ein Fetisch-Studio an der Mellingerstrasse eröffnet. Das bereitet den Anwohnern Sorge, weil Besucher auch Kinder auf der Strasse ansprechen könnten. Die Betreiberin hingegen spricht von einer Hetzkampagne.

Erna Jonsdottir
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Mellingerstrasse 208: Das Studio befindet sich im Gebäude links.

Mellingerstrasse 208: Das Studio befindet sich im Gebäude links.

Alex Spichale

In Baden kursiert ein Brief, der auch zur az gelangt ist. Dem Verfasser bereitet «ein Sado Maso Studio» im Badener Dättwil sorgen. Perversen Freiern seien damit Tor und Tür geöffnet worden, heisst es im Schreiben. Es gebe suspekte Gestalten in der Gegend – wer wisse, ob diese auch Kinder auf der Strasse ansprechen. Recherchen der az zeigen, dass es tatsächlich ein neues Studio an der Mellingerstrasse 208 gibt, hinter dem eine deutsche Betreiberin steht.

Sie hat eine Internet-Seite, die sehr eindeutig ist. Wer diese besucht, findet beispielsweise die «Dominas Contessa Patricia della Corte, Lady Vivienne oder die Sklavin Eos» – die Bilder zeigen Sextools, Masken und Stiefel aus Latex, Halsbänder aus Leder und Stühle der besonderen Art. Nebst «Dirty Games» und Vakuumbetten steht unter anderem ein Areal, das «jedem Latexisten die Sinne und den Verstand rauben» im Angebot.

Screenshot der Internetseite des Fetisch-Studios in Dättwil. Dieser Stuhl weckt bei manchen Fetischisten Fantasien.

Screenshot der Internetseite des Fetisch-Studios in Dättwil. Dieser Stuhl weckt bei manchen Fetischisten Fantasien.

«Wir sind kein Bordell»

Die hier ansässige Betreiberin ist seit 17 Jahren in Deutschland tätig und seit einem Jahr in Baden-Dättwil. Vor einem Monat ist sie mit ihrem «Fetisch-Studio», wie sie es nennt, von der Täfernstrasse an die Mellingerstrasse umgezogen. «Das Unternehmen legt sehr viel Wert auf Diskretion ihrer Kunden», sagt sie. Deshalb sei auch ein Standort in einem weitläufigen Industriegebiet gewählt worden.

Die Sorgen und Ängste des az-Lesers erachtet sie als Hetz- und Angstkampagne. «Es gibt keine suspekten Gestalten, die für Kinder gefährlich sind.» Ihre Kunden seien sehr gut situierte Menschen, die einen Leder- oder Latex-Fetisch hätten. «Wir sind kein Bordell und unsere Kunden sind keine Freier, sondern Fetischisten», betont sie. Es gehe nicht um den schnellen und handelsüblichen Sex, sondern über Vorlieben rund um das Thema Latex, Lack und Leder. «Die zuständigen Behörden und Nachbarn wurden vor der Niederlassung informiert», betont sie. In der Nachbarschaft habe man ein gutes Miteinander. «Die Begegnungsstätte verzichte auf auffällige Werbung an der Aussenfassade oder in handelsüblichen Sex-Magazinen.» Die Kundschaft könne nur durch ausgewählte Werbeportale den Kontakt finden. «Es sind nicht regelmässig Damen im Studio anwesend, sondern nur nach Absprache mit dem Kunden.»

Andy Bauer, Präsident der IG-Dättwil: «Mir ist zu Ohren gekommen, dass dieses Studio existiert. Dass in dieser Gegend suspekte Gestalten kursieren sollen, ist mir aber neu.» Die besagte Strasse befinde sich in der Nähe des Dättwiler Industriequartiers. «Solange keine Anwohner gestört werden, kann man und muss man damit umgehen.» Piereluigi Ghitti, Inhaber der Bäckerei Spitzbueb, sagt dazu: «Ich bin viel in der Bäckerei und habe noch nie suspekte Frauen oder Männer gesehen.» Es gebe aber andere komische Gestalten: «Das sind kiffende Jugendliche, die Sachen kaputtmachen und damit Kosten verursachen.»

Martin Brönnimann, Chef der Stadtpolizei Baden: «Die Mellingerstrasse 208 ist ein Treffpunkt von jungen Menschen. Wir hatten auch schon Reklamationen von Geschäftsinhabern wegen Beschädigungen.» Dass dort immer gekifft, getrunken und danach Sachen beschädigt würden, könne er so nicht bestätigen.

«Der Sexualakt beim Fetisch ist Nebensache»

Herr Spielmann, gibt es einen Unterschied zwischen einem Bordell und einem Fetisch-Studio?

Thomas Spielmann: Ja, der Sexualakt ist beim Fetisch Nebensache. Fetischisten haben sogar Angst vor genitaler Sexualität und vor der Auseinandersetzung mit einer lebendigen Person. Deshalb wird in einen Fetisch abgespalten, bei dem Lack und Leder oder Füsse und Brüste zur Vorliebe werden. Manche wollen sogar wie ein Baby gewickelt werden. Es gibt keine Grenzen.

Kann man das als pervers bezeichnen?

Das Wort pervers verwenden Fachleute nicht. Wir reden von einem abweichenden Verhalten. Die Kernaussage ist: Sexualität hat mit sozialen Normen und Regeln zu tun. Alles, was man selber nicht kennt, macht Angst. Da prallen Welten aufeinander. Es gibt Menschen, die anonym andere Vorstellungen haben von Sexualität.

Wo fangen diese Vorstellungen an?

Wir leben in einer Welt, in der Fetisch toleriert ist. Das fängt bei der Reizwäsche an und hört beim Setzen von Kathetern und der Verbrennung mit Elektroschocks auf.

Aber das ist doch krank?

Das ist Einstellungssache. Es gibt eine Klassifikation von der Weltgesundheitsorganisation betreffend psychische Störungen. Diese bezeichnet das als krank. Homosexualität wurde vor 20 Jahren aber auch als krank bezeichnet.

Sind Fetischisten gefährlich?

Der Fachmann sagt Nein. Fetischisten versuchen, dieses abweichende Verhalten zu verstecken. In der Regel schleichen sie schnell weg. Übrigens sind gleich viele Frauen Fetisch orientiert wie Männer.

Der 63-jährige Thomas Spielmann ist Psycho- und Sexualtherapeut aus Villigen. Er arbeitet auch als Coach und in der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen im Gesundheits- und Sozialwesen.