Baden/Obersiggenthal

Den Quartierbewohnern stinkt es gewaltig

Über die Limmat zieht immer wieder übler Gestank von der Oederlin-Giesserei her ins Bäderquartier. Es stinke nach verbranntem Material, beklagen sich Anwohner. Eine rechtlich Grenze, ab wann Gerüche nicht mehr zumutbar sind, gibt es zurzeit nicht.

Martin Rupf
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Ein- bis zweimal täglich wird – zum Leidwesen der Anwohner – auf dem Oederlin-Areal gegossen.

Ein- bis zweimal täglich wird – zum Leidwesen der Anwohner – auf dem Oederlin-Areal gegossen.

Alex Spichale

Jetzt, wo der Frühling langsam erwacht, steigt auch die Vorfreude auf laue Sommerabende. Grillieren und mit Freunden draussen bei einem guten Glas Wein einen anstrengenden Arbeitstag ausklingen lassen. Doch im Römer-Quartier oberhalb des Bäderquartiers ist die Vorfreude getrübt. Grund: Seit Jahren setzen strenge Gerüche den Quartierbewohnern zu. Für Christian Menger, Präsident des Römer-Quartiervereins, ist auch klar, wer der Übeltäter ist: «Wenn in der Oederlin-Giesserei ennet der Limmat gegossen wird, treibt es je nach Witterung übel riechende Gerüche zu uns ins Quartier rüber.» Es stinke nach verbranntem Material; so wie wenn ein Zug stark abbremsen müsse. Menger: «Der Gestank ist nicht immer gleich penetrant. Ausgerechnet im Sommer aber, wenn man sich gerne draussen aufhält, ist es aber wegen der Thermik und Windrichtung am schlimmsten.»

Man sei auch schon ein paar Mal bei der Stadt Baden vorstellig geworden. Immerhin habe das dann dazu geführt, dass die Filter in der Giesserei ausgewechselt worden seien. «Seither ist es zwar etwas besser geworden, aber gut ist anders», hält Menger fest. Es sei nicht nur der Gestank, der störe: Man frage sich natürlich, «stinkt das nur oder ist das gar giftig?», so Menger. «Kommt noch hinzu, dass Gestank etwas sehr Subjektives ist und nicht wie etwa Lärm gemessen werden kann.»

Martin Brönnimann, Chef der Stadtpolizei Baden, bestätigt, dass die Stadtpolizei schon ein paar Mal von besorgten Anwohnern kontaktiert worden und in der Folge ausgerückt sei. «Erst letzte Woche haben Polizisten das Areal wieder aufgesucht; wir konnten aber keine übermässige Geruchsbelastung ausmachen», so Brönnimann.

Ab wann ist Geruch unzumutbar?

Quartiervereinspräsident Menger bestätig weiter: Man habe zwar vor längerer Zeit ein direktes Gespräch mit Thomas Schmid, Geschäftsleiter der Oederlin Giesserei AG, geführt. «Doch dabei hatte ich nie den Eindruck, dass er unsere Anliegen wirklich ernst nimmt.»

Das lässt Thomas Schmid aber so nicht gelten: «Wir nehmen die Sorgen sehr ernst und setzen alles daran, dass die Geruchsemissionen so gering wie möglich sind.» So habe man kürzlich alle Filter für rund 20 000 Franken ausgewechselt und verwende extra Bindemittel, die weniger geruchsintensiv sind. «Sogar an heissen Sommertagen halten wir unsere Mitarbeiter an, die Fenster der Giesserei nicht zu öffnen, damit keine Gerüche entweichen», beteuert Schmid. Täglich wird in der Giesserei ein- bis zweimal gegossen – hochlegierte Stahlgussteile für die Schweizer Maschinenindustrie. «Manchmal erhalten wir auch Reklamationen, obwohl wir gar nicht gegossen haben», sagt Schmid.

Ganz vermeiden lassen sich die Geruchsemissionen nicht; die alten, denkmalgeschützten Hallen können nicht hundertprozentig abgedichtet werden. Immerhin kann Schmid die geplagten Anwohner beruhigen: «Wir führen regelmässig Messungen durch und stehen im ständigen Kontakt mit dem kantonalen Umweltdepartement – die Dämpfe sind nicht giftig.»

Tatsächlich bestätigt man beim Kanton diese Aussage: «Die Staubfilter werden alle drei Jahre geprüft», sagt Heiko Loretan, Leiter Sektion Luft und Lärm bei der Abteilung für Umwelt. Bei diesen Messungen habe sich gezeigt, dass die Grenzwerte für Schadstoffe nicht überschritten werden. «Pro Kubikmeter haben wir 2 Milligramm gemessen; erlaubt wären 20.» Loretan bestätigt auch, dass es auch schon Beschwerden aus dem Oederlin-Areal wegen Geruchsemissionen gegeben habe. Doch gibt es überhaupt eine rechtliche Handhabe bei übermässiger Geruchsbelastung? «Geruchseinheiten können zwar gemessen werden», so Heiko Loretan. Nur: Eine rechtlich verbindliche Grenze, ab wann Gerüche nicht mehr zumutbar sind, gebe es zurzeit noch nicht; der Bund sei daran, eine Geruchsempfehlung auszuarbeiten. «Ob Geruchsimmissionen übermässig sind, entscheiden wir situativ, und es hängt davon ab, wie viele Personen wie oft betroffen sind und um welchen Geruch es sich handelt», erklärt Loretan. Je nachdem erlasse der Kanton dann eine Sanierungsverfügung, die aber für die Firma wirtschaftlich tragbar sein müsse. Loretan: «Weil Firmen mittels Lenkungsabgabe für Kohlenwasserstoffe, die in die Umwelt gelangen, aufkommen müssen, besteht grundsätzlich eine grosse Motivation, möglichst wenig dieser geruchsintensiven Kohlenwasserstoff-Verbindungen zu verwenden.»

Ein Problem für Bäder-Projekte

Schon länger ist bekannt, dass die Oederlin AG – auch deren Geschäftsleiter ist Thomas Schmid – auf dem Oederlin-Areal ein neues Projekt plant. Auf einer Brutto-Wohnfläche von rund 15 000 Quadratmetern sollen im westlichen Teil des Areals künftig zusätzlich 300 Menschen leben. Bald soll über den Gewinner des Architekturwettbewerbs und die weiteren Schritte informiert werden. Was passiert dann mit der Giesserei? «Schon heute ist der Standort eine grosse Herausforderung. Uns ist klar, dass wir hier nicht ewig werden weiterproduzieren können», sagt Schmid.

Und genau darauf hofft auch Bäder-Bauherr Benno Zehnder: «Der Gestank ist an gewissen Tagen wirklich immens.» Er gehe fest davon aus, dass sich das Problem dereinst von selber lösen wird. Denn für Zehnder ist klar: «Diese Geruchsemissionen sind den Projekten rund um das neue Bad sicher nicht förderlich.»