Dorfgeschichte

Die Post schliesst ihre Türen – damit verschwindet auch ein Stück Dättwil

Am Freitag endet eine 170-jährige Geschichte: Die Dättwiler Post an der Hochstrasse geht für immer zu.

Andreas Fahrländer
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Die Post Dättwil wird geschlossen
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Vater und Sohn: Kurt (l.) und Karl Obrist in Uniform, nach 1940.
Das Postgebäude in Dättwil heute.

Die Post Dättwil wird geschlossen

zvg/Familie Obrist

Im letzten Herbst wurde es zur Gewissheit: Der Badener Stadtteil Dättwil verliert am Freitag seine Post. Am Samstag müssen die Dättwilerinnen und Dättwiler nach Baden auf die Hauptpost, wenn sie Pakete aufgeben oder Briefmarken kaufen wollen. Ab Montagmorgen steht dann im Spar in der Husmatt ein neuer Postschalter zur Verfügung. Mit der Schliessung der Post an der Hochstrasse geht ein Stück Ortsgeschichte zu Ende, das rund 170 Jahre dauerte.

Antoinette Hauri von der Chronikgruppe Dättwil hat die Geschicke der Post im Dorf akribisch zusammengetragen. Als Hauptquelle dienten ihr Notizen und Erinnerungen von Kurt Obrist-Keller, der zusammen mit seiner Frau Alice von 1947 bis 1986 als Posthalter diente.

Eine Posthalterin im 19. Jahrhundert

Der erste geregelte Postdienst im kleinen Bauerndorf Dättwil ist laut Hauri ab 1835 nachweisbar. Damals wurde die Post viermal pro Woche vom Gebenstorfer «Postablagehalter» zugestellt. Dieser verlangte 1849 eine höhere Besoldung – oder dass Dättwil von seinem Zustellkreis getrennt werde.
Er fand Gehör: Im Februar 1851 wurde Gemeindeweibel Rudolf Obrist-Herzog erster Posthalter von Dättwil. Bis 1867 versorgte er auch Birmenstorf mit Post.

Zwei Jahre später, nach seinem Tod, übernahm Witwe Magdalena Obrist den Dienst bis 1890. Auf die erste Posthalterin folgte ihr Sohn Rudolf Obrist. Sein Nachfolger wiederum war ab 1898 der Dorfschullehrer und Chorleiter Johann Konrad Müller-Renold. Er wurde von seinen Töchtern Emma und Louise unterstützt.

Die 5 bleibt den Dättwilern erhalten

Nach Müllers Tod übernahmen 1911 wieder die Obrists: Karl Obrist-Schneider war Gemeindeschreiber und Posthalter im Doppelmandat. Er baute 1916 ein neues Wohnhaus samt Poststube an der Hochstrasse (im Bild) und wurde 1947 von seinem Sohn Kurt Obrist-Keller im Amt abgelöst. Kurt und Alice Obrist bauten dann einen ersten Anbau an das Wohnhaus.

Im damaligen «Postbureau» ist heute Martin Kuhns «Whisky Post» eingemietet. Kuhn hat in seinem Whisky-Laden viel vom historischen Interieur erhalten – auch das rote Schild hängt noch im Eingang. In der Ära von Ursula und Walter Hauenstein war 1989 gleich nebenan die neue Post eröffnet worden. Seit der Jahrtausendwende gab es einige Personalwechsel. 20 Jahre lange arbeitete Doris Brunner in der Post Dättwil, die letzten zehn Jahre gemeinsam mit Vladan Jakovljevic. Sie haben am Freitag ihren letzten Arbeitstag an der Hochstrasse.

Etwas, was den Dättwilern auch mit dem neuen Schalter im Spar erhalten bleibt, ist die Postleitzahl. Ab 1966 trug Dättwil die Leitzahl 5513 – weil das Dorf an der Nationalbahnlinie lag und via 5507 Mellingen mit Post versorgt wurde. Als die Postzustellung später über Baden lief, wurde aus der Dättwiler Filiale die Post «Baden 5» . Seither gilt hier die Postleitzahl 5405.

Auch die Ära der Badener Hauptpost ist zu Ende

Einen weiteren Einschnitt in der Badener Postgeschichte wird es im April geben: Dann nämlich, wenn die Hauptpost am Bahnhof aus dem einst so eleganten Gebäude von Karl Moser (bei der Einweihung 1930 ein aufsehenerregender Pionierbau des Neuen Bauens in der Schweiz) auszieht und in den anonymen Glasneubau an der unteren Bahnhofstrasse umziehen muss.