Baden

Ein Stück fast vergessene Geschichte aus den wilden Badener Jahren

Der Kunstraum zeigt Erico Schommer: Das erinnert an Räubergeschichten und ein tragisches Künstlerleben.

Sabine Altorfer
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Weltuntergangs-Szenario für Baden. Der strahlende Löwenbrunnen und die «Weite Gasse Baden (nach Atombombe)». Kunstraum
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Erico Schommer, Selbstporträt (Detail aus einem Gemälde). Altorfer
Erico Schommer im Kunstraum

Weltuntergangs-Szenario für Baden. Der strahlende Löwenbrunnen und die «Weite Gasse Baden (nach Atombombe)». Kunstraum

Kunstraum

Wer in Baden mitreden will, muss diese Ausstellung sehen! Denn Erico Schommer (1942–1985) ist ein Stück (fast) vergessene Geschichte über Badens wilde Jahre. Über die 70er- und 80er-Jahre, als der kulturelle Aufbruch geprobt, Hausbesetzungen durchgeführt und in den Gassen und Beizen noch richtige Stadtoriginale und schräge Typen anzutreffen waren. Menschen also, die sich in Szene setzten und solche, die am Rande lebten.

Die Claque erschreckte mit ihren Theaterproduktionen im Kornhaus das Städtchen mehr als einmal, und das Jerry Dental Kollekdoof verwandelte die Kanti-Aula in ein kochendes Inferno. Und da waren auch ein paar Maler, die es wissen wollten: Giuseppe Reichmuth malte nicht nur «Eiszeit in Zürich», Andy Wildi noch anarchisch und Erico Schommer seine Mischung aus surrealem Weltschmerz und Fotorealismus.

Schommer, der stille Einzelgänger, machte das so gut, dass er nicht nur in Gruppenausstellungen im Zürcher und Aargauer Kunsthaus ausgestellt wurde, sondern 1973 vom Kanton Aargau ein Werkjahr und 1974 ein eidgenössisches Kunststipendium bekam. Doch nur wenige Jahre später verschwand er von der Kunstbühne.

Immerhin hat die Stadt Baden 14 Werke von Schommer in ihrer Sammlung. Auf die ist Claudia Spinelli, Leiterin des Kunstraumes, bei der Suche nach dem richtigen Thema für ihre alljährliche Ausstellung zur städtischen Kunstsammlung aufmerksam geworden.

Baden nach der Atombombe

Es ist eine seltsame Welt aus Sehnsucht und Weltschmerz, aus Love und Weltuntergang, die uns Erico Schommer hinterlassen hat. Den Löwenbrunnen malte er feuerrot, die Weite Gasse dahinter zerstört. «Nach Atombombe» klärt der Titel auf. Mit dem Fotoapparat sammelte er auch stille Szenen und setzte sie hyperrealistisch, mit altmeisterlicher Akribie und einem gehörigem Touch Surrealismus in Veduten des Alltags um: Vor der Apotheke am Cordulaplatz sehen wir Passanten und einen Abfall-Container als stille Zeitzeugen. Und der Bub vor dem ehemaligen Reinle-Bolliger-Haus staunt über den sich in der Scheibe spiegelnden aufgetürmten Abfall.

Schommer nutzte auch Postkarten mit verschneiten Berglandschaften für seine Szenerien oder reicherte eine illusionistische Kuppelmalerei aus dem italienischen Barock üppigst mit seiner persönlichen Symbolik an. Interpretationen seien schwierig, schrieb Niklaus Oberholzer schon 1974 in den «Neujahrsblättern», denn Schommer habe nicht Gedanken illustriert.

So finden wir uns plötzlich an Rios Copacabana wieder. Doch da ist nichts mit Sun und Fun. Wir sehen einen einsamen Buben am Strand neben dunklen Sonnenschirmen, darüber Regenwolken mit einer Sonne in einem gelbglühenden Hof. Man fröstelt. Auf einem anderen Grossformat hat sich die imposante Christusfigur vom Berg gelöst, fliegt samt Kreuz über Bucht und Wolkenkratzer-Stadt. Und schemenhaft, wie ein Geist, thront ein schöner junger Mann mit langen Haaren und Bart über Rio. Ihn finden wir immer wieder in Schommers Gemälden, auf einem Abendmahl gar dreizehnfach. War er Schommers Prinz? Oder der Mann seiner Träume? Wer weiss das heute noch? Und wer wusste das damals?

Der Aussenseiter in der Promi

Denn war dieser Maler je Teil der Badener Szene? Ja und nein. Man kannte ihn, nahm ihn wahr, aber der Glatzkopf in der grünen Reporterjacke war der Typ Aussenseiter. Oft hockte er still in der Promi, im Ristorante der Familie Fontana in der Kronengasse. Er lebte bescheiden im Streule-Areal und bezahlte der Stadt die Miete auch mal mit einem Bild. Bald sicherte ihm ein Mäzen, der an seine Marktchancen glaubte, den Lebensunterhalt im Tausch gegen Bilder. Doch der Produktionsdruck habe seiner Malerei auch geschadet, berichten Zeitgenossen – und der hoffnungsvolle Künstler geriet bald aus dem Fokus der Schweizer Kunstszene. 1985 wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Ein Werk von Erico Schommer blieb den Badenern und Badenerinnen aber vertraut und lieb: Seine Ansicht der unteren Halde, auf der die Geländer vor der Bäckerei sich glühend entzweien, die Häuser hinter Abfall sich wie im Fieber wölben. Das Gemälde «Umweltverschmutzungswiedersehn» von 1973 hatte die Stadt 1974 für 4500 Franken angekauft und im Foyer des Kurtheaters aufgehängt. Bis es 1992 gestohlen wurde. Fachmännisch hatte es der Dieb aus dem Rahmen gelöst und eingerollt.

Das Bild vor meiner Haustüre

So blieb es auch, bis die Schreibende am 15. Februar 2004, an einem Sonntagabend, einen Telefonanruf eines Unbekannten erhielt. «Kannten Sie Erico Schommer?» – «Ja.» – «Kannten Sie sein Bild im Kurtheater?» Der Mann wollte sich nicht zu erkennen geben, er sagte nur: «Ein Freund von mir hat das Bild gestohlen, wir haben ihn bearbeitet, es zurückzubringen.» Ich sei doch az-Kulturredaktorin und früher mal verantwortlich gewesen für die Sammlung der Stadt. Und dann kam der Coup: «Das Bild liegt vor ihrer Haustüre.» Ich war baff. Und hörte gerade noch, wie der Mann bat, das Werk der Stadt zurückzugeben, dafür zu sorgen, dass es restauriert und wieder gehängt werde.

Tatsächlich lag vor der Haustüre die Bilderolle in einem Leintuch. Ich rief Stadtammann Josef Bürge an und übergab ihm, dem ehemaligen Stadtarchitekten Josef Tremp, der das Bild einst angekauft hatte, sowie Berthe und Othmar Zehnder von der Kurtheater-Leitung das Bild am anderen Tag auf der Redaktion in Baden.

Und der Dieb? Der wurde nicht gefunden und das Bezirksamt erklärte das Delikt als verjährt. Das «Umweltverschmutzungswiedersehn» hängt restauriert wieder im Kurtheater. Und jetzt eben im Kunstraum – auf dass die Badenerinnen und Badener ein Stück ihrer Geschichte wieder entdecken können.

Erico Schommer Fokus Sammlung. Kunstraum Baden, bis 17. Januar. Mit Interventionen des jungen Künstlers Levent Pinarci.