Justizfall

Litauer mieten Wohnmobil für Einbruchserie im Aargau – einer feiert einen Sieg vor Bundesgericht

Das Aargauer Obergericht verurteilt einen Litauer wegen Einbrüchen während der Weihnachtstage 2017 zu fast 5 Jahren Gefängnis – doch jetzt muss es neu über den Fall entscheiden.

Philipp Zimmermann, Mona Martin
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Die zwei Litauer fuhren, als Touristen getarnt, mit einem Wohnmobil in die Schweiz auf Einbruchstour. (Symbolbild)

Die zwei Litauer fuhren, als Touristen getarnt, mit einem Wohnmobil in die Schweiz auf Einbruchstour. (Symbolbild)

Keystone/dpa

Im August 2018 verurteilte das Bezirksgericht Baden einen 37-jährigen Litauer wegen gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachem Hausfriedensbruchs zu 4 Jahren Freiheitsstrafe. Dazu sprach das Gericht einen Landesverweis von 15 Jahren aus. Der mutmassliche Kriminaltourist hatte laut Anklage zusammen mit einem Landsmann während zehn Tagen vor und während der Weihnachtstage eine Serie von fünf Einbruch- und Einschleichdiebstählen in Wohnhäusern in Baden, Möriken und Watt/Regensdorf begangen.

Die beiden Männer mietete sich in Litauen ein Wohnmobil zum Preis von 20 Euro pro Tag und fuhren damit in die Schweiz. Sie erbeuteten vor allem Bargeld und Münzen, aber auch Schmuck, Designer-Handtaschen, Kleider, Uhren, Skis oder Elektrogeräte im Wert von über 100'000 Franken. Dazu kam ein Ladendiebstahl in Meggen (LU).

Böse Überraschung

Mit Flachwerkzeugen und mit Körperkraft brachen die Litauer Türen und Fenster auf und schlugen Scheiben ein, um in Wohnräume zu gelangen. In Möriken stiegen sie durch ein Fenster in die Waschküche ein und brachen eine Türe auf. Eine Rentnerin erlebte nach der Rückkehr von einer Weihnachtsfeier eine böse Überraschung. «Im Büro lag alles auf dem Boden verstreut. Auch das Sparschwein war zertrümmert», erzählte die Rentnerin TeleM1 damals. «Dass das an Weihnachten passieren muss, gibt mir wahnsinnig zu denken.»

Wie die beiden Litauer gefasst wurden, geht aus den Urteilen des Bundesgerichts und des Aargaur Obergerichts nicht hervor. Klar ist aber: Die Ermittler fanden Deliktsgut im Wohnmobil sowie diverse Spuren an Tatorten, welche sie den Litauern zuordnen konnten. Zudem stellten sie die Fingerabdrücke des 37-Jährigen auf einem Kehrichtsack und auf Klebeband fest, mit dem ein Koffer verpackt wurde, in dem sich Diebesgut fand. Dieser war in einem Waldstück bei Rupperswil gefunden worden.

Obergericht erhöht Gefängnisstrafe

Der 37-Jährige ist wegen Betrugs und Diebstahl im Ausland vorbestraft. Er bestritt allerdings, und im Gegensatz zum anderen Litauer, an den Einbrüchen beteiligt gewesen zu sein. Er forderte in seiner Beschwerde vor dem Obergericht deshalb eine Verurteilung nur wegen geringfügigen Diebstahls und Hehlerei – und eine tiefere Freiheitsstrafe von 10 Monaten.

Die Staatsanwaltschaft dagegen verlangte in ihrer Anschlussberufung sogar 5 Jahre Gefängnis. Das Obergericht bestätigte im Juni 2019, in einem schriftlichen Berufungsverfahren, das Urteil des Bezirksgerichts. Dabei erhöhte es die Freiheitsstrafe sogar auf 4 Jahre und 7 Monate und bestätigte die 15 Jahre Landesverweis.

Beschwerde gutgeheissen

Wieder zog der 37-Jährige das Urteil weiter an die nächsthöhere Instanz – mit Erfolg. Das Bundesgericht hat nun die Beschwerde gutgeheissen. Das Urteil des Obergerichts verletze in mehrfacher Hinsicht Bundesrecht. So waren die Voraussetzungen für ein schriftliches Berufungsverfahren nicht gegeben. Der Beschwerdeführer etwa hätte bei diesem Fall persönlich anwesend sein müssen, um seine Positionen erneut darlegen zu können. Das bedeutet, dass das Obergericht ein neues Urteil fällen muss, mit offenem Ausgang. Der Litauer sitzt seit über anderthalb Jahren im Gefängnis.

Urteil: 6B_865/2019