Bezirksgericht Baden

Raser: «Das männliche Angeber-Hormon ist mit mir durchgegangen»

Gabriel, ein 29-jähriger Deutscher, wurde an einem schönen Sonntagnachmittag im Juni dieses Jahres zwischen Freienwil und Hertenstein mit 146 km/h geblitzt. Jetzt wurde er zu einer bedingten Strafe verurteilt.

Rosmarie Mehlin
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Geblitzt und ab vor den Richter!

Geblitzt und ab vor den Richter!

Keystone

Da sitzt ein dünner, blasser Jüngling im Frühlings-Outfit – helle Hose, helles Hemd, Segeltuchschuhe – vor seinen Richtern. Er sitzt da wie ein Häufchen Elend, dieser Gabriel (Name geändert), der jünger aussieht als 29.

Er sei sehr aufgeregt, sagt er zum Gerichtspräsidenten Guido Näf, und dass eine Schulklasse der Verhandlung beiwohnt, mache es ihm auch nicht grad leichter.

Gabriel ist Deutscher, lebt seit drei Jahren in der Schweiz und ist in einem sozialen Beruf tätig. Sein Arbeitgeber stellt ihm ein sehr gutes Zeugnis aus und auch Gabriels Leumund ist gut – ausser was ihn als Autofahrer betrifft.

Diesbezüglich hatte er bereits in seinem Heimatland einige Tolggen im Reinheft: Zwischen 2009 und 2013 war Gabriel in Deutschland viermal geblitzt worden, weil er mit zwischen 25 und 45 Km/h zu schnell unterwegs war. Die höchste Busse, die er dafür kassiert hatte, betrug 160 Franken.

Fahrausweis und Auto weg

«Ich habe gewusst, dass Geschwindigkeits-Übertretungen in der Schweiz härter geahndet werden, als in Deutschland», tat er zerknirscht kund.

Trotzdem hatte er an einem Sonntagnachmittag im Juni dieses Jahres zwischen Freienwil und Hertenstein übermässig aufs Gas gedrückt und war mit 146 km/h - Toleranz bereinigt 140 km/h - geblitzt worden.

«Es war Leichtsinn, ich wollte einfach mal aufs Gas drücken. Eine lange gerade Strecke lag vor mir, kein anderes Auto weit und breit.»

Er sei, stellte Näf fest, doch mit der Freundin unterwegs gewesen. Ja, da sei wohl das «männliche Angeber-Hormon» mit ihm durchgegangen. Seither ist der 29-Jährige seinen Fahrausweis für zwei Jahre los und das mit 300 PS ausstaffierte Auto auch.

Ab 60 km/h über den erlaubten 80 km/h ausserorts ist die Verletzung der Verkehrsregeln laut Strassenverkehrsgesetz nicht mehr «nur» grobfahrlässig, sondern qualifiziert.

Darauf steht eine Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis. Für Gabriel forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten unbedingt, allenfalls eventuell teilbedingt.

Die Verteidigerin betonte, dass Gabriel sein Tun ausserordentlich bereue. Dieses Verfahren habe bei ihm zu einem gründlichen Umdenken geführt. Auch sei er mit dem Fahrausweisentzug und dem Einziehen des Autos bestraft genug. So sei eine bedingte Strafe von 14 Monaten angemessen, verbunden allenfalls mit einer langen Probezeit.

Kein typischer Raser

Einstimmig entschied sich das Gericht für eine bedingte Strafe von 18 Monaten, denn das vom Ankläger beantragte Strafmass sei angemessen, so Gerichtspräsident Näf.

Um eine Strafe bedingt auszusprechen, muss dem Beschuldigten eine gute Prognose gestellt werden können. «Gabriel ist kein typischer Raser, er hat in der Schweiz gut Fuss gefasst und eine feste Stelle in einem nicht ganz einfachen Bereich inne.»

Gabriel muss 2000 Franken Busse bezahlen und mit 5 Jahren hat das Gericht sich für die höchstmögliche Probezeit für den bedingten Aufschub der Strafe entschieden.

Das Auto wird definitiv eingezogen und verwertet. Aus dem Erlös sollte der 29-Jährige, der aus Bankkrediten stattliche Schulden am Hals hat, die Busse und die Verfahrenskosten bezahlen können.

«Wir hoffen, dieses Urteil macht Ihnen genügend Eindruck, dass Ihr Leumund künftig auch im Strassenverkehr ein guter sein wird», gab Richter Näf dem blassen Jüngling mit auf den Weg.