Baden

Schon seit 36 Jahren bringt sie die Bewohner von Baden zum Stricken

Sylvia Roeschli versorgt die Stadt seit 36 Jahren mit Wolle – ans Aufhören denkt sie aber noch lange nicht. Zudem hat sie das Verkaufsargument schlechthin: «Mit unserer Wolle kann man selbst etwas Einzigartiges schaffen, das man nirgends kaufen kann.»

Sibylle Egloff
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Sylvia Roeschli schätzt die Begegnung mit Kunden und gibt ihnen gerne Stricktipps.

Sylvia Roeschli schätzt die Begegnung mit Kunden und gibt ihnen gerne Stricktipps.

Alex Spichale

Abertausende Wollknäuel in den unterschiedlichsten Farben, mit Glitzer, Noppen oder Fransen versehen, liegen in den Regalen. Gestrickte Babyschuhe und Kinderbekleidung schmücken das Gestell neben der Kassentheke. Draussen vor dem Eingang hängen Schals, Pullover und Ponchos aus Wolle.

Sylvia Roeschlis Wollgeschäft Sphinx ist für Strickfans ein absolutes Paradies. Über 30 000 Wollknäuel warten im länglich schmalen Laden an der Badstrasse 10 darauf, einmal zu einem Kleidungsstück verarbeitet zu werden. Roeschli bringt seit 36 Jahren ihre Wolle unter die Leute. Ihr 35-Jahr-Jubiläum feierte sie ein Jahr verspätet am 24. Oktober 2015 mit einem Strickapéro.

Weite Gasse als erster Standort

1979 eröffnete Roeschli das Wollgeschäft «Natura» in der Weiten Gasse. 12 Jahre später zog die gebürtige Zürcherin an den heutigen Standort und taufte das Geschäft «Sphinx». Daneben führte sie drei weitere Strickgeschäfte in Brugg, Winterthur und Schaffhausen.

Übrig geblieben ist heute der Laden an der Badstrasse, den die 61-Jährige mit viel Herzblut führt. Neben ihr beraten Marianna Leuenberger und Gabriella Defezza die Kunden.

«Wir wenden viel Zeit für die Beratung auf, geben Strickanleitungen und Tipps, welche Wolle sich am besten für welchen Zweck eignet», sagt Roeschli und holt einen Ordner mit 2500 Strickanleitungen hervor.

Die Kunden erhalten jeweils eine Kopie einer Anleitung und verlassen den Laden so nicht nur mit der geeigneten Wolle, sondern ebenso mit der passenden Strickinstruktion.

Das A und O ihres Geschäfts sei das Team und die gute Beratung. «Wir sind ein Fachgeschäft und müssen uns vom Manor, der auch Wolle anbietet, abheben», sagt Roeschli.

Die Geschäftsinhaberin hat in den 36 Jahren schon so einige Entwicklungen in Baden miterlebt. «Als ich begonnen habe, gab es in Baden vier Wollgeschäfte. Sogar der ‹Ledergerber› hatte eine Wollabteilung», erzählt sie.

Heute ist der Sphinx-Laden, das einzige Fachgeschäft für Wolle in der Bäderstadt. «Da es uns schon so lange gibt, haben wir das Vertrauen der Kunden», ist sich
Roeschli gewiss.

Sind Stricken und Wollbekleidung überhaupt noch in Mode? «Handarbeit ist derzeit völlig in. Ich habe Kunden, die sich nichts kaufen, sondern ihre Kleider selber stricken», beteuert sie.

Ihre Kunden reichten vom 7-jährigen Buben, der seinem Vater eine Kappe stricken will, bis zur 92-jährigen Seniorin. Aufgefallen sei ihr, dass viele junge Frauen ihrem Partner gerne etwas Selbstgestricktes, wie einen Schal, schenken wollen.

Oftmals hätten die Frauen das Strickhandwerk in der Schule aber nur schlecht gelernt. Roeschli und ihr Team zeigen ihren Kundinnen dann, wie sie anschlagen und stricken müssen.

«Die Frauen sind uns so dankbar, dass sie sogar bei uns vorbeikommen, um das fertige Produkt zu zeigen», freut sich Roeschli. Es seien die schönen Momente mit Kunden und das herzliche Verhältnis zu ihnen, die die Höhepunkte ihrer langjährigen Tätigkeit ausmachten.

«Ich habe erlebt, wie hochschwangere Frauen zu uns kamen, um Wolle für die Kleider des Nachwuchses zu kaufen. Heute besuchen sie uns, um für die Enkel etwas zu stricken», nennt Roeschli ein Beispiel eines solchen Highlights.

Nicht immer war Wollbekleidung angesagt. 1987 und 1993 seien zwei schlechte Jahre gewesen. Damals interessierten sich nur wenige für Roeschlis Wolle. «Das Metier ist der Mode unterworfen. Ich habe früher viele Ponchos entworfen und niemand hat diese gekauft. Heute will jeder einen Poncho haben», beschreibt sie das Phänomen Mode.

Aus Wolle Einzigartiges schaffen

Was macht das Wollgeschäft an der Badstrasse neben den vielen Mode- und Bekleidungsgeschäften zu etwas Besonderem? «Im Kleiderladen kann man einen Pullover kaufen, aber jeder zweite trägt dann den gleichen. Mit unserer Wolle kann man selbst etwas Einzigartiges schaffen und kreieren, das man nirgends kaufen kann», sagt Roeschli, die in Rekingen zu Hause ist.

Ans Aufhören denkt die 61-Jährige noch lange nicht. «Das Geschäft ist mein Baby und meine grosse Leidenschaft. Ich will weitermachen wie bisher», sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.