Bezirksgericht Baden

Sein bestes Stück in ihren Händen – das gefiel ihm gar nicht und er erstattete Anzeige

Ein Mann erstattete bei der Polizei Anzeige wegen sexueller Belästigung und Tätlichkeit einer 50-jährigen Frau. Sie soll dafür eine zünftige Busse kassieren. Weil nichts zu beweisen war, wurde die Frau freigesprochen.

Rosmarie Mehlin
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Am Bezirksgericht Baden wurde über einen speziellen Fall verhandelt

Am Bezirksgericht Baden wurde über einen speziellen Fall verhandelt

Walter Schwager

Kai (alle Namen geändert) hatte Anzeige bei der Polizei erstattet: Die Frau habe ihm zwei Mal an sein bestes Stück gegriffen und ihn dann auch noch in eine Brustwarze gekniffen.

Wegen sexueller Belästigung und Tätlichkeit sollte die Frau in der Folge dem Staat 500 Franken Busse plus 1374 Franken für Kosten und Gebühren berappen. Die Frau nahm sich einen Anwalt und erhob Einsprache.

So sass die 50-jährige nun vor Einzelrichterin Gabriela Fehr. Annelies ist Brillenträgerin, ihr Gesicht blass und ungeschminkt.

Sie ist sehr schlank, trägt violette Jeans, Turnschuhe, eine rot-weiss gemusterte Bluse, ein rosa Tuch um den Hals. Ihre dunklen Haare mit ersten Grautönen hat Annelies zu einer Dirndl-Frisur geflochten.

Kaum hat die Verhandlung begonnen, wird klar, dass nicht sexuelle Begierde, sondern ohnmächtige Wut die 50-jährige erstmals im Leben mit Justitia in Kontakt gebracht hat.

Tanzen statt fernsehen

Die gelernte Kauffrau ist seit eineinhalb Jahren arbeitslos und ausgesteuert. Alleinstehend wohnt sie in der mittleren Wohnung eines Dreifamilien-Hauses.

«Wir haben in der Siedlung grundsätzlich ein gutes Verhältnis. Man ist per Du und grüsst sich.»

Auch mit Kai, der rund halb so alt ist wie sie, war Annelies Duzis. Inzwischen ist er weggezogen. «Er lebte in der Parterre-Wohnung und da ist es sehr oft sehr lärmig zu- und hergegangen: Musik, Computerspiele, Fussball schauen mit Kollegen. Dabei ist das Haus sehr ringhörig.»

Sie habe sich immer wieder bei Kai beschwert und auch bei der Hausverwaltung, genützt habe es nicht. «Weil ich von ihm immer so abgeputzt wurde, hab ich schliesslich nicht mehr reklamiert.»

An einem Freitagabend im September letzten Jahres war das Ganze dann aber eskaliert. «Ich wollte um 20.15 Uhr einen Fernsehfilm anschauen, doch die Musik von unten war wieder so laut, dass ich nicht verstehen konnte, was in dem Film gesprochen wurde. Nach einer halben Stunde habe ich es aufgegeben und zu der Musik von unten Zumba zu tanzen begonnen.»

Prompt war Kai aufgetaucht, um sich wegen dem Getrampel über seinem Kopf zu beschweren. «Er hat in meinem Türrahmen gehangen, mich eine hässliche alte Frau genannt und gedroht, mir ‚eine in die Fresse zu hauen‘.»

Aussage gegen Aussage

Danach sei Kai zurück in seine Wohnung gegangen und habe die Musik noch lauter gestellt. «Ich bin ins Freie hinaus, habe mich wahnsinnig aufgeregt und mit der flachen Hand an Kais Fenster gehauen.»

Als sie danach auf dem Bänkli neben der Haustür eine Zigi rauchte, sei Kai «wie eine Furie» rausgekommen und habe ihr die Faust vors Gesicht gehalten und sie geschubst.

«Ich habe ‚schöner junger Mann brauchst wohl einen Hörapparat‘ zu ihm gesagt und auch eine Boxer-Stellung eingenommen.»

Sie sei in ihrem Zorn zwar sehr laut gewesen, aber was Kai bei der Polizei gemeldet habe, stimme überhaupt nicht. Sie habe ihm weder zwischen die Beine gegriffen, noch in die Brustwarze gekniffen.

Der Anwalt forderte einen Freispruch: Es stehe Aussage gegen Aussage und gebe keinerlei Beweise.

In der kurzen Beratungspause liefen seiner schlotternden Mandantin Tränen über das aschfahle Gesicht.

Danach leuchteten die Augen von Annelies hinter den Brillengläsern und röteten sich ihre Wangen: Richterin Gabriela Fehr hatte sie, nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» von Schuld und Strafe freigesprochen. Sämtliche Kosten, auch die vom Anwalt, gehen zu Lasten des Staates.