Bellikon

Sonja Niederer: «Im Paintball kann ich mich selbst sein»

Sonja Niederer aus dem Appenzell hat sri-lankische Wurzeln und im Aargau ihre zweite Heimat. Im Montagsporträt spricht sie über ihr Hobby, den Paintball-Sport.

Patrick Hersiczky
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Respekt, aber keine Angst beim Paintball: Sonja Niederer. Alex Spichale

Respekt, aber keine Angst beim Paintball: Sonja Niederer. Alex Spichale

Alex Spichale

Sri Lanka, Appenzell, Tessin, Zürich, Aargau: Das sind kurz zusammengefasst die Lebens- und Berufsstationen von Sonja Niederer. Die 31-jährige aus Sri Lanka stammende Krankenpflegerin mit dem ausgefallenem Hobby Paintball ist aber keine Getriebene, sondern eine normale junge Frau auf der Suche nach einer Heimat. Diese hat die gebürtige Appenzellerin im Aargau gefunden: «In Bellikon fühle ich mich aufgenommen – trotz meiner Hautfarbe.»

Sonja Niederer ist im appenzellischen Walzenhausen, einem 2000 Seelen-Dorf nahe St. Margrethen, aufgewachsen. Im Alter von drei Monaten haben ihre Eltern sie in Sri Lanka adoptiert. Die Eltern hatten mit der leiblichen Mutter in Sri Lanka schon Kontakt, als diese noch mit Sonja schwanger war. «Aus finanziellen Gründen musste sie mich zur Adoption freigeben.» In dieser Aussage schwingt aber kein Vorwurf, keine Traurigkeit mit. «Ich habe die besten Eltern der Welt. Deshalb wollte ich nie meine leiblichen Eltern kennenlernen.» Bis jetzt war sie nicht einmal in ihrem Heimatland. Sie verspüre auch keine Lust, dies nachzuholen. So kam es auch nicht, dass sie als Teenager auf Spurensuche ihrer Wurzeln ging. «Mein Vater und meine Mutter hätten mich dabei auf jeden Fall unterstützt.» Doch Sonja war damit klar: «Ich habe nur eine Familie, und die lebt in Walzenhausen.»

Fremdenfeindliches Schulklima

In den sanften Hügeln des Appenzellerlandes verbrachte sie eine unbeschwerte Kindheit. Doch ihre Herkunft, der sie keine grosse Bedeutung zumass, manifestierte sich schliesslich in der Oberstufe in einer hässlichen Form: «Einige Mitschüler, vor allem jene aus dem Nachbardorf, lehnten mich wegen meiner Hautfarbe ab.» Sie sagt dies ohne Wut, ohne Schuldzuweisungen, sondern klar und überlegt. So, als hätte sie dies schon oft erzählt, vielleicht zu oft. Das macht ihre Geschichte nicht weniger glaubwürdig, sondern packt das Gegenüber umso mehr; gerade weil es nicht theatralisch wirkt.

Das fremdenfeindliche Klima in Walzenhausen machte Sonja Niederer zu einer Einzelgängerin: «Dann hat mich ein Bekannter auf die Paintballszene aufmerksam gemacht.» In dieser Sportart fiel die damals 21-Jährige nicht auf. Sie fühlte sich verstanden. Vielleicht weil es bei den Paintballern auch Sonderlinge gebe, sagt sie und lacht. Die ersten Wochen sah sie nur zu: «Paintball faszinierte mich zwar, aber ich hatte grossen Respekt und Angst vor Verletzungen.» Irgendwann konnte sie der Versuchung nicht mehr widerstehen: Sie zog sich eine Schutzausrüstung über und stürzte sich ins Paintballgeschehen. Ihr Einsatz und ihre Fitness blieben den Paintballkollegen nicht verborgen. Für Sonja war dies ein wichtiger Moment im Leben; sie hatte ihren Sport und ihren Ausgleich zum Alltag gefunden: «Im Paintball kann ich einfach mich selbst sein.»

Paintball ist wie Völkerball

Aus dem Hobby ist eine semiprofessionelle Sportart mit Sponsoren geworden. Vom Paintball könne man aber nicht leben. Dennoch spielt Sonja Niederer heute Turniere auf hohem Niveau. Paintball hat wenig mit Militarismus zu tun. «Wir sprechen von einem Markierer, nicht von einem Gewehr. Und wir kämpfen nicht gegeneinander, sondern wir spielen in einem Team.» Paintball sei eine Art Völkerball: Statt mit einem Ball werde man einfach von einer Farbkugel getroffen. Dennoch, die Angst vor Paintball hat die junge Frau zwar verloren, nicht aber den Respekt: Verletzungen kommen vor. Gerade die blauen Flecken sind es, die bei anderen Menschen auffallen. Dann fragen sie und wollen wissen, was das sei, dieses Paintball. «Manchmal nehme ich die Leute mit zu einem Training. Dann ändern sie schnell ihre Meinung.»

Es scheint, dass Sonja Niederer ihren Sport und ihren Platz auf dieser Welt gefunden hat: «Der Aargau ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Ins Appenzellerland gehe ich doch immer wieder gerne, vor allem wegen meiner Eltern.»

Was sie immer noch schätzt und was es auch in Bellikon gibt: «Unmittelbar neben meinem Haus gibt es eine Wiese mit Kühen. Das Läuten der Kuhglocken erinnert mich an Walzenhausen».