Baden

Wer kuscheln will, hat hier nichts verloren

Das Theater St. Gallen gastiert mit „Ödipus Stadt“ im Kurtheater – eine beklemmende Inszenierung

Elisabeth Feller
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Am Ende stehen Verderben und Tod: Szene aus der packenden Inszenierung von „Ödipus Stadt“.ZVG

Am Ende stehen Verderben und Tod: Szene aus der packenden Inszenierung von „Ödipus Stadt“.ZVG

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„Sie muten sich da etwas zu“, sagt die Dramaturgin bei der Einführung dem Publikum, aber: «Ich wünsche ihnen viel Spass.» Wem wird da nicht etwas beklommen, zumal durch die Türen des Kurtheaters Gitarren- und Schlagzeugsound dröhnt. Es wird also laut, weshalb im Foyer Ohrstöpsel bezogen werden können. Aber dann kommt alles anders als erwartet.

Das Kurtheater Baden zeigt «Ödipus Stadt», Schauspiel von John von Düffel.

Ja, es ist oft laut; oft aber auch leise. John von Düffel, der Tausendsassa unter den jüngeren deutschen Dramatikern, hat kein eigenes Stück geschrieben. Sein Text beruht auf den Stücken „König Ödipus“ und „Antigone“ von Sophokles, „Sieben gegen Theben“ von Aischylos und „Die Phönizierinnen“ von Euripides. Spielte man diese komplett, würden sie einen Tag beanspruchen. Bei Düffel vollzieht sich der Untergang des fluchbeladenen Hauses Ödipus gerade mal in drei Stunden.

Das heisst: Viele Figuren sind weggefallen, denn der Autor hat aus den genannten Werken nur die für ihn sinnfälligsten Stränge freigelegt und sie neu angeordnet. Der Zusatz „Stadt“ verweist auf die Stadt Theben, wo die Pest wütet – und das hat mit Ödipus’ Mord an seinem Vater zu tun hat. Das ist die Situation, aus der Düffel ein Familiendrama entwickelt, das von Krieg, Inzest, Gewalt, Macht, Schuld und Sühne erzählt. Regisseurin Katja Langenbach lässt das Stück in Hella Prokophs metallenem Bühnenraum spielen. Treppen, Gitterboden, Gestänge, wohin das Auge blickt. Anfänglich nehmen schwarz Vermummte die Bühne in Besitz. Ähneln sie nicht einer Terrorgruppe, die derzeit die Welt in Angst und Schrecken versetzt? Strebt die Regisseurin eine krampfhafte Aktualisierung an? Nein. Den Bogen zur Gegenwart schlägt das Publikum automatisch: Weil „Ödipus Stadt“ eine Geschichte blutiger, zeitlos aktueller Wiederholungsmuster erzählt.

Spiel mit Entsetzen und Emotionen

Kein Wunder, dass sich Zorn und Trauer immer wieder Bahn brechen in explosiver Live-Musik des Ensembles sowie in einem unheilschwangeren Soundteppich, den Roderik Vanderstraeten den Szenen unterlegt. Diese leben von packenden Figurenkonstellationen: Ödipus im verbalen „Duell“ mit dem Seher Teiresias und seinem Schwager Kreon; seine Frau und Mutter Iokaste im vermittelnden Gespräch zwischen ihren kriegslüsternen Söhnen Eteokles und Polyneikes – doch am Ende steht das Verderben. Iokaste und ihre Söhne baumeln tot am Gestänge und der blinde Ödipus tastet nach ihnen. Diese Szene steht stellvertretend für eine Inszenierung, die beklemmend und berührend mit Entsetzen und Emotionen spielt.