Wettingen

Wie viel Kinderbetreuung darf es denn sein?

Die Konflikte zu dem Betreuungskonzept zwischen Gemeinderat, Einwohnerratsmitgliedern und dem Verein Tagesstrukturen treten zutage. Der Gemeinderat will die Betreuungsstunden in den Tagesstrukturen kürzen, doch die Gegner machen sich lautstark.

Nadja Rohner
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mittagstisch Mit Einführung von Blockzeiten gäbe es neu auch am Mittwoch einen Mittagstisch wie hier im Schulhaus Altenburg. w. schwager

mittagstisch Mit Einführung von Blockzeiten gäbe es neu auch am Mittwoch einen Mittagstisch wie hier im Schulhaus Altenburg. w. schwager

Die Diskussionen rund um die Betreuung der Wettinger Primarschulkinder reissen nicht ab. An der Einwohnerratsversammlung vom 10. November soll über das Betreuungskonzept ab Schuljahr 12/13 abgestimmt werden – zuerst über die Einführung der grossen Blockzeiten und gleich anschliessend über die familienergänzende Kinderbetreuung.

Während die Einführung der Blockzeiten kaum Gegner hat, ist das von einer Arbeitsgruppe des Gemeinderats erstellte Konzept für die Tagesstrukturen umstritten.

Gemeinderat kürzt Betreuung

Der Gemeinderat will die Betreuungsstunden in den Tagesstrukturen kürzen – von 22 auf 13 Stunden. Der Mittagstisch soll neu an allen fünf Schultagen angeboten werden.

Nach dem Mittagstisch hätten somit die einen Kinder noch rund zwei Stunden Unterricht und könnten dann bis 17.30 Uhr in den Tagesstrukturen betreut werden. Die anderen Kinder, die am Nachmittag keinen Unterricht haben, werden ab 13.20 Uhr nicht mehr betreut.

«Diese Regelung ist unsinnig», sagt Marianne Rüegg, Präsidentin des Vereins Tagesstrukturen. «Weil die Kinder mit Einführung der neuen Blockzeiten am Vormittag mehr Unterricht haben, haben sie auch mehr freie Nachmittage – und genau an diesen freien Nachmittagen dürfen sie nicht betreut werden.»

Rüegg zeigt an einem fiktiven Beispiel auf, was das für die Eltern heisst: «Wenn eine Familie zwei Kinder im Primarschulalter hat, dann kann es sein, dass das eine Kind montags und dienstags betreut wird, das andere donnerstags und freitags.»

Wenn beide Eltern berufstätig sind, bedeute das einen nervenaufreibenden Planungsmarathon, um für beide Kinder Betreuungsplätze zu finden, so Rüegg. Der Verein Tagesstrukturen versucht deshalb, mit Standaktionen auf dem Zentrumsplatz auf sich aufmerksam zu machen und mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. «Viele sind sich nicht bewusst, was auf sie zukommt, wenn die Vorlage des Gemeinderats angenommen wird», sagt Rüegg.

Verein wurde nicht angehört

Die Präsidentin zeigt sich ausserdem enttäuscht darüber, dass der Verein Tagesstrukturen in der Arbeitsgruppe des Gemeinderats nie angehört wurde. «Wir haben uns immer wieder gemeldet und unsere Zusammenarbeit angeboten – zurück kam aber nie etwas. Dann wurden wir schriftlich informiert und quasi vor vollendete Tatsachen gestellt.» «Wenn unser Leistungsauftrag derart gekürzt wird, müssen wir uns ernsthaft überlegen, wie es mit dem Verein weitergehen soll», sagt Marianne Rüegg.

Wechsel ist überfällig

Auch WettiGrüen-Einwohnerrat Leo Scherer ist mit dem Vorgehen des Gemeinderats nicht einverstanden. «Bei solchen Vorlagen muss man doch genau wissen, wie es an der operativen Front aussieht. Für mich zeugt es einfach von schlechtem demokratischem Stil, wenn man die Hauptakteure nicht einbezieht.»

Scherer geht sogar noch weiter: «Etliche Mitglieder der CVP und der EVP haben grundsätzlich eine Abneigung gegen alles, was wie die Fremdbetreuung nicht ihrem traditionellen Familienbild entspricht.»

Dies sei schon seit Jahren so, wie er anhand alter Ratsprotokolle belegen könne. «Sie wollen einfach die realen sozioökonomischen Strukturen nicht wahrhaben und halten an ihren Idealen fest – das ist Realitätsverweigerung.»

Diese Ratsmitglieder würden, anstatt konstruktiv nach Lösungen für durchgehende Tagesstrukturen zu suchen, einfach gar nichts machen, «aber wenn es um neue Schulhäuser geht, dann sind sie wieder mit Engagement dabei» sagt Scherer verärgert.

Und er erhebt Vorwürfe gegen Gemeinderat Heiner Studer, Ressortvorsteher Bildung und Erziehung: «Studer hat diese Ressorts schon sehr lange unter sich. Ein Wechsel wäre zu bedenken.»

Referendum und Initiative

In Scherers Fraktion ist man sich einig: «Wenn die Motion Rüegg zu den durchgehenden Tagesstrukturen im Einwohnerrat nicht durchkommt, werden wir kämpfen.» Möglicherweise werde man gegen die Budgetkürzungen bei den Tagesstrukturen das Referendum ergreifen. «Gleichzeitig ziehen wir in Betracht, eine Volksinitiative für durchgehende Betreuung an allen fünf Wochentagen zu lancieren.»