Leben im Pflegeheim

Abgeschnitten von der Aussenwelt: «Sicherer vor dem Corona-Virus könnten wir nirgends sein»

Alters- und Pflegeheime müssen sich vor dem Coronavirus besonders schützen: Hier leben ausschliesslich Personen, die zur Risikogruppe gehören. Zwei Bewohner des Pflegeheims Süssbach in Brugg erzählen aus dem Innenleben eines abgesicherten Kokons.

Sandra Meier
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Margrit Portmann (77) lebt seit sieben Jahren im Pflegezentrum, Alfred Freuz (90) seit vergangenem November.

Margrit Portmann (77) lebt seit sieben Jahren im Pflegezentrum, Alfred Freuz (90) seit vergangenem November.

Bilder: zVg

Margrit Portmann (77) sitzt in ihrem Zimmer und liest Zeitung. Wartet, bis sie zum Mittagessen in die Gemeinschaftsstube gerufen wird. Jeden zweiten Tag nimmt sie ihre Mahlzeit in ihren eigenen vier Wänden ein. So, wie alle anderen 222 Bewohner des Süssbach Pflegezentrums in Brugg. Nur so kann der nötige Abstand von zwei Metern eingehalten werden. Distanz ist in Alters- und Pflegeheimen zurzeit überlebenswichtig. Hier wohnen praktisch ausschliesslich Personen, die zur Risikogruppe gehören: über 65 Jährige, zum Teil mit schweren Vorerkrankungen.

Das Brugger Pflegezentrum hat bereits Anfang März eine Zugangskontrolle mit Gesundheitscheck eingerichtet und Angehörige gebeten, ihre Besuche auf ein Minimum zu beschränken. Seit Mitte März sind sie mit Ausnahme von Palliativfällen gänzlich untersagt. Würde sich das Coronavirus auch hier ausbreiten, droht eine Katastrophe. Also öffnen sich die Türen nur noch für das Pflegepersonal. Oder für Bewohner, die es nach frischer Luft dürstet. Es sind kurze Spaziergänge um die beiden Gebäude.

«Das Leben im Pflegeheim ist aktuell eine riesige Herausforderung – vor allem auch für das Personal», sagt Portmann. Fast jeden Tag würden neue Informationen kommuniziert, die wiederum neue Massnahmen mit sich bringen. «Ich bin viel in meinem Zimmer und lese.» Manchmal zieht die 77-Jährige ihren Tisch ans geöffnete Fenster und blickt nach draussen.

Portmann hat sich auf das Telefoninterview vorbereitet. Kramt das Blatt Papier hervor, auf dem sie ihre Gedanken niedergeschrieben hat. Sie beginnt vorzulesen, in der Stimme immer wieder ein Zittern seit dem Schlägli: «Wir alle müssen mithelfen, die Vorschriften strikt zu befolgen. Wir müssen gemeinsam durch diese Krise gehen, damit niemand zu Schaden kommt. Pflegende wie Bewohner. Zusammen schaffen wir das; wir sind stark.»

Singen hilft gegen Frust

Auf einer anderen Station im Brugger Pflegezentrum lebt Alfred Feuz gemeinsam mit seiner Frau. «Wenns di nimmt, dänn nimmts di», sagt der 90-Jährige besonnen. Anders will er dem Coronavirus nicht begegnen. Schon gar nicht mit Angst. «Wir können ja eh nichts machen – ausser die Massnahmen befolgen.» Wohl ist es ihm, im «Süssbach». Die Abriegelung hält er für richtig: «Besser geschützt könnten wir nirgends sein.»

Feuz ist ein zuversichtlicher Mann. Es gebe auch die anderen im Heim, die jammern, klagen und sich Sorgen machen, sagt er. Und fügt an: «Das hilft in dieser Situation auch nicht weiter.» Am liebsten singt Feuz gemeinsam mit den anderen Bewohnern. Das helfe ihnen, Frust loszuwerden. «Wir machen das normalerweise einmal in der Woche. Jetzt noch, so gut es halt geht mit der Zwei-Meter-Abstandsregel.» Gemeinschaftsspiele sind praktisch zum Erliegen gekommen. Bei «Elfer Raus» oder einem Jass kommt man sich zu nahe. Der Kontakt zu anderen Bewohnern könne aber weiterhin gepflegt werden. Wenn auch vorsichtiger. Distanzierter. Dankbar ist Feuz auch für das Pflegepersonal. «Sie geben in dieser schwierigen Situation alles, um uns zu umsorgen und zu schützen», sagt er.

Margrit Portmann schaltet ihr Radio ein. Das tut sie oft. Sie will informiert sein. Darüber, was ausserhalb ihres geschützten Kokons passiert. Aber nie am Abend. Dann bleiben die Stimmen aus dem Lautsprecher stumm. «Ich bekomme Einschlafschwierigkeiten – es will nicht aufhören zu denken im Kopf», sagt die 77-Jährige.

Margrit Portmann und Alfred Feuz kennen sich nicht. Gemeinsam ist ihnen die Zuversicht, der Blick nach vorn. Auf ein Leben nach dem Ausnahmezustand. Dann wollen sie wieder in die Stadt spazieren, selber Einkäufe erledigen. «Vorher bin ich ab und zu in die Migros gegangen und habe den Familien zugesehen», sagt Portmann. «Der Anblick der Kinder – darauf freue ich mich am meisten.»