Brugg

Beim Kerzenziehen hat selbst der Zappelige plötzlich Geduld

In der Adventszeit bietet der Piccadilly-Trägerverein das traditionelle Kerzenziehen im Storchenturm an.

Michael Hunziker
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Salome Lacher hilft beim Verzieren der Kerze
7 Bilder
Konzentriert und geduldig am Werk
Munteres Treiben herrscht im Brugger Storchenturm
Dominik Graf zeigt den Kindern, wie es geht
David beginnt mit der ersten Kerze
Die Kerzen werden mit jeder Minute dicker
Traditionelles Kerzenziehen im Brugger Storchenturm

Salome Lacher hilft beim Verzieren der Kerze

Michael Hunziker

Welche Frage: Der dickste Docht muss es sein! Denn schliesslich soll die Kerze so richtig gross werden. Mit sportlichem Eifer macht sich David ans Werk. Er taucht den Docht einmal in das flüssige Wachs, dann dreimal ins Wasser, wischt die Tropfen mit dem Lappen ab und wiederholt die Prozedur.

Zuerst wählt er gelbes und rotes Wachs, dann wechselt er zum weissen. Er hat die Worte seiner Mutter im Ohr, die ihm zuvor zu Hause gesagt hat, dass sie gerne eine helle Kerze hätte. David ziehts dann aber doch – der Reiz ist einfach zu stark – auch zum blauen, grünen und schwarzen Wachs.

Mit jeder Minute wird seine Kerze dicker. «Schon ganz schön schwer», sagt er nach einer Weile. «Macht es Spass?», will sein Vater wissen. «Ja, sicher», kommt postwendend die Antwort. «Aber es braucht halt schon etwas Geduld.» Diese ist – sonst – nicht so die Stärke des 10-Jährigen.

Der junge Mann nebenan zeigt mehr Geduld. Konzentriert, fast schon meditativ, zieht er gleich mehrere Kerzen aus Bienenwachs, die er zwischendurch immer wieder für etwa drei Minuten zum Abkühlen an einem der Nägel an der Wand aufhängen muss. Aber habe man keine Zeit, stellt er trocken fest, dann wäre man hier definitiv am falschen Ort.

Schon ein Weilchen her

Eine Frau tritt mit Kinderwagen und drei Kindern durch die unscheinbare Seitentüre, wenig später folgen zwei Familien. Auf einen Schlag herrscht munteres Treiben im Brugger Storchenturm. Alle werden freundlich in Empfang genommen von Salome Lacher und Dominik Graf vom Piccadilly-Trägerverein.

«Ist bekannt, wie es geht oder braucht es eine kurze Anleitung?» werden die Besucher gefragt. Die Erwachsenen lassen sich das Vorgehen gerne kurz erklären. Sie hätten zwar auch schon einmal Kerzen gezogen, aber das sei schon eine Weile her . . .

Die beiden Betreuer sind aufmerksam und zuvorkommend, werfen regelmässig einen prüfenden Blick in die Wachsbehälter, füllen nach, rühren um. Ist eine Kerze fertig, gehen sie Klein und Gross helfend zur Hand, zeigen, wie die Unterseite mit dem erhitzten Messer abgeschnitten, wie die Kerze verziert werden kann.

Am liebsten morgen wieder

David ist gut zwei Stunden später mit sich zufrieden. Zwei prächtige, regenbogenfarbige Kerzen – die eine gebe ein schönes Weihnachtsgeschenk für seinen Opi – legt er auf die Waage, damit der Preis berechnet werden kann. Die Kunstwerke, ist der Anzeige zu entnehmen, sind beide deutlich über 500 Gramm schwer. Dazu kommt ein kleineres, herrlich duftendes Exemplar aus Bienenwachs.

Der Knabe packt seine Jacke. Bevor er sich verabschiedet, greift er noch einmal in die Schüssel auf dem Tisch und schnappt sich ein paar Erdnüsse und ein Schöggeli für den Heimweg. Er möchte wiederkommen, steht für ihn ohne Zweifel fest. Am liebsten gleich morgen.

Die Projektleitung für das Kerzenziehen hat Nadja Keller vom Piccadilly-Vereinsvorstand inne. Sie hat sich um die umfangreichen Vorbereitungen gekümmert. Fränzi Schneeberger koordiniert und betreut derweil die Besuche der Gruppen und Schulklassen. Weitere Vorstandsmitglieder sowie verschiedene freiwillige Helferinnen und Helfer engagieren sich ehrenamtlich. «Ohne ihren Einsatz wäre diese Veranstaltung nicht denkbar», sagt Fränzi Schneeberger.

Zur Halbzeit kann sie ein erfreuliches Zwischenfazit ziehen. 25 Gruppen und Schulklassen hätten sich insgesamt angemeldet und auch das Interesse an den öffentlichen Kerzenziehen an den Nachmittagen steige mit der Vorfreude auf die Weihnachtszeit kontinuierlich an. Reger Betrieb erwartet sie am Wochenende vom 12. und 13. Dezember, wenn in Brugg der Weihnachtsmarkt stattfindet. Am Schluss würden, weiss sie aus Erfahrung, alles in allem 300 bis 400 Kilogramm Wachs benötigt.

Einnahmen für die Jugend

Das Kerzenziehen in der Adventszeit entstand ursprünglich aus einer Idee aus der Bevölkerung und findet seit 1975 statt – am Anfang im Jugendkulturhaus Piccadilly, seit dem Umbau 2001 im Storchenturm. Der generationenübergreifende Anlass sei zu einer schönen Tradition geworden, die weitergepflegt werden soll, führt Fränzi Schneeberger aus. Das Jugendkulturhaus Piccadilly habe die Möglichkeit, der Stadt etwas für ihren Rückhalt zurückgeben und auf sich aufmerksam machen zu können.

Die Einnahmen kämen, als schöner Nebeneffekt, vollumfänglich dem Trägerverein zugute, und damit verschiedenen Jugendprojekten. «Es ist eine gute Sache», fasst sie mit einem Lachen zusammen. «Die Besucher können sich auf die Weihnachtszeit einstimmen und gleichzeitig das Piccadilly sowie die Jugend unterstützen.»

Öffentliches Kerzenziehen bis 13. Dezember jeweils am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag, 14 bis 18 Uhr; zusätzlich am Klausmarkt am Dienstag, 8. Dezember; am Weihnachtsmarkt am Sonntag, 13. Dezember, bereits ab 12 Uhr.