Brugg
Rückblick zum 100-jährigen Bestehen: Dieser Verband kämpfte bereits 1922 gegen den Impfzwang

Demonstrationen, Widerstand und ein Jubiläum: Wo unter anderem ein Brugger Turnverein seine Hände im Spiel hatte und wie seine Präsidentin Jolanda Vogel ihre Quelle der Lebensfreude nicht versiegen lässt.

Flavia Rüdiger
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Jolanda Vogel, Präsidentin der Sektion Brugg von Vitaswiss, hat eine äusserst lebensfrohe Persönlichkeit.

Jolanda Vogel, Präsidentin der Sektion Brugg von Vitaswiss, hat eine äusserst lebensfrohe Persönlichkeit.

Flavia Rüdiger

Das fröhliche Geplauder der eintretenden Kursteilnehmenden belebt die Turnhalle. Motivation und Vorfreude bringen die Atmosphäre zum Vibrieren. Jolanda Vogel, 55-jährige Turnleiterin und Präsidentin der Sektion Brugg von Vitaswiss, schwärmt von den Turnstunden, welche sie mit ihrem «sehr gut ausgebildeten» Leiterteam ein- bis dreimal pro Woche an unterschiedlichen Standorten im Bezirk Brugg anbietet.

Gemäss alten Protokollbüchern wurde der heutige Verband Vitaswiss 1907 unter dem Namen «Volksgesundheit», mit dem Ziel Natur und Körper zu vereinen, gegründet. Zu diesem Zeitpunkt zählte man 35 Sektionen mit insgesamt 5’045 Mitgliedern.

Ebenfalls in dieser Zeit zirkulierten diverse Krankheiten durch Europa. Die Schweiz kämpfte unter anderem mit mehreren Pockenausbrüchen. Damals gab es von den Bürgerinnen und Bürgern grossen Widerstand gegen den Impfzwang. Auch der Verband kämpfe 1922 stark dagegen an.

Die verschiedenen Sektionen hätten Vorträge gehalten und Pressetexte lanciert, weiss die gebürtige Oltnerin. In all dem Trubel entstand die Sektion Brugg mit 43 Mitgliedern, die bis heute besteht. Am Dienstag, 1. März 2022, erhielten die Brugger das 100-Jahr-Jubiläums-Zertifikat.

Jolanda Vogel präsentiert stolz das Zertifikat zum 100-Jahr-Jubiläum der Sektion Brugg von Vitaswiss.

Jolanda Vogel präsentiert stolz das Zertifikat zum 100-Jahr-Jubiläum der Sektion Brugg von Vitaswiss.

Flavia Rüdiger

«Jüngere Menschen lassen sich von Senioren in Sportgruppen abschrecken»

Die Schweiz hat am 13. Februar über das Tabakwerbeverbot abgestimmt. Im Jahre 1967 demonstrierte der Verband bereits mit, gegen die «zügellosen Werbekampagnen der Tabakindustrie und das enorme Zigarettensortiment im Lande». Vogel staunt:

Die Brugger Sektion von Vitaswiss wurde am 1. März 2022 100 Jahre alt.

Die Brugger Sektion von Vitaswiss wurde am 1. März 2022 100 Jahre alt.

Flavia Rüdiger
«Es ist schon sehr beeindruckend, dass Vergangenes und Neues immer im Zyklus sind.»

2002 wurde an der Delegiertenversammlung in Schaffhausen aus der «Volksgesundheit» die «Vitaswiss». Zu diesem Zeitpunkt zählt man 116 Sektionen mit insgesamt 24’795 Mitgliedern.

2006 hatte die Sektion Brugg noch 343 Sportbegeisterte. 2022 sind nur knapp hundert Menschen zurückgeblieben. Gemäss Vogel müssen sie dringend neue Mitglieder für die Turngruppen, aber auch für den Vorstand finden. Vogel sagt lachend:

«Wir nehmen jeden, der Freude am Sport und an einer Vereinsgruppe hat, mit Handkuss.»

Sie erklärt den starken Rückgang folgendermassen: «In Zeiten von Corona, oder genauer gesagt während des Lockdowns, durften wir nicht in den Turnhallen trainieren. Viele haben ausgedehnte Spaziergänge lieben gelernt und hielten ein zusätzliches Turntraining nicht für notwendig.»

Teilweise hätte das Alter der Mitglieder – oder natürlich auch die Maskenpflicht – einen Einfluss auf die sinkenden Zahlen gehabt, so Vogel. Die Turnenden seien alle über 60 Jahre. Sie trinkt einen Schluck von ihrem Cappuccino und sagt:

«Viele der jüngeren Menschen lassen sich von Senioren in Sportgruppen abschrecken.»

Sie könne das nicht nachvollziehen, denn im Unterricht fokussiere man sich sehr auf das eigene Körperbewusstsein, welches man nie früh genug stärken könne.

Herumtollen und herumwühlen als Seelenpflaster

Auch Jolanda Vogel hat in jungen Jahren als Mitglied bei Vitaswiss gestartet. Ihre damalige Gymnastikleiterin erkrankte an Krebs und wurde gezwungen, die Leiterstelle abzugeben. So begann man sich nach einer geeigneten Besetzung umzusehen. Jolanda Vogel und eine Kollegin von ihr kamen in Frage:

Bewegt war auch Jolanda Vogel, als sie Gymnastikleiterin wurde.

Bewegt war auch Jolanda Vogel, als sie Gymnastikleiterin wurde.

zvg
«Wir wurden gefragt und haben natürlich sofort zugesagt.»

Es sei eine klare Bedingung des Verbandes, dass leitende Angestellte sich weiterbilden müssen, so die dreifache Mutter. Sie absolvierte also diverse Weiterbildungen, darunter die obligatorische Ausbildung zur Erwachsenensportleiterin.

Durch die zusätzliche Bildung könne sie viel Wissen und Erfahrung mitbringen. Im Unterricht fokussiere man sich besonders auf Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Beginnen würde man mit einem Einwärmen, gefolgt von einem abwechslungsreichen Schwerpunkttraining. Mal wird den Armen, mal den Beinen und mal dem Po Aufmerksamkeit geschenkt.

Es sei ihr und dem Verband auch ein grosses Anliegen, Körper und Geist miteinander zu verbinden. So würden sie einen Fokus auf Koordinationstraining sowie Gleichgewichtsübungen legen. Vogel erklärt:

«Es ist wichtig, dass man das Hirn auch regelmässig mittrainiert.»

Ausserdem laufe bei jeder Turnstunde «fetzige Musik». Vogels persönliche Lieblingsgenres seien unter anderem alte Schlager aus den 60er- und 70er-Jahren sowie Rock. Sie ergänzt lachend: «Natürlich kann man nicht nur laufen lassen, was man selber mag. Es geht ja darum, die anderen zu motivieren.» Es seien aber auch schon Mitglieder nach der Stunde persönlich gekommen und hätten ihren Musikgeschmack gewürdigt.

Jolanda Vogel ist immer hoch motiviert bei der Sache.

Jolanda Vogel ist immer hoch motiviert bei der Sache.

Flavia Rüdiger

Dieses Feedback würde natürlich antreiben. Es motiviere sie ebenso sehr wie die Leute, die wöchentlich kommen würden:

«In den Turnhallen herrscht immer eine quirlige Stimmung, die mich extrem begeistert.»

Sie liebe die Arbeit bei Vitaswiss. Es würde ihr gefallen, die unterschiedlichsten Ideen, die sie habe, auch umzusetzen. Administrative oder organisatorische Aufgaben mache sie ebenso gerne wie den Rest. Die Positivität, die die Gymnastiktrainerin ausstrahlt, ist äusserst inspirierend.

Sie sagt: «Ich habe von Natur aus eine lebensfrohe Persönlichkeit. Es kommt aber schon auch vor, dass ich schlechte Tage habe. Mir hilft es dann sehr, mich hinzusetzen und ein Buch zu lesen, im Garten herumzuwühlen oder mit meinen Katzen herumzutollen. Die Fröhlichkeit kommt dann fast von selbst wieder.»

Was Jolanda Vogel absolut vergöttert

Aufgestellt führe sie auch ihr neuestes Amt aus, für welches sie ebenso dankbar sei wie für die Vorstandsmitglieder oder die anderen Leiterinnen, ohne die sie die Arbeit nicht bewältigen könne.

Seit 2020 ist die heute 55-Jährige Präsidentin der Sektion Brugg. In erster Linie sei sie die Anlaufstelle für Fragen, Probleme oder Anregungen. Zusätzlich repräsentiere man den Verein mit diesem Amt auch gegen aussen.

Die Präsidentin der Sektion Brugg ist eine kreative Macherin.

Die Präsidentin der Sektion Brugg ist eine kreative Macherin.

Flavia Rüdiger

Plus habe man die jährliche Verpflichtung, an der Delegiertenversammlung teilzunehmen, zählt Vogel auf. Sie sagt: «Die Stelle hat mich schon immer sehr gereizt. Ich habe viele Ideen, die ich so sehr gut einbringen kann.»

In Zukunft wolle sie diese Aufgabe sicher noch weiter ausführen, aber nicht bis sie 80 Jahre alt sei, sagt Vogel lachend. Für diese Zeit im Leben hat sie auch noch ein anderes Ziel. Die Präsidentin muss nicht lange studieren:

«Ich wünsche mir von Herzen, dass meine Kreativität nie versiegen wird.»

Sie habe den Traum von einem eigenen Ideenatelier, welches sie sich eingerichtet habe, vor einiger Zeit erfüllt. Die vielseitig interessierte Frau erzählt leidenschaftlich: «Ich vergöttere die Nähmaschine und alles, was in diese Welt gehört. Stoffe, Knöpfe, Texturen, Formen und Farben.» Ihrem Ideenreichtum seien keine Grenzen gesetzt. Das sei etwas, was sie innig lieben würde.