Grossfusion
Falsche Zahlen und ungenaue Angaben in Studie irritieren – Bevölkerung im Birrfeld erwartet seriöse Abklärungen

Die Präsentation der Machbarkeitsstudie zum Zusammenschluss Birrfeld ist auf grosses Interesse gestossen. Kritische Bemerkungen sorgten teilweise für Applaus. Wie es weitergeht und was die zweitgrösste Gemeinde im Bezirk Brugg ausmachen würde.

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Diskutieren über die Machbarkeitsstudie (v. l.): Die Gemeindeammänner Stefan Hänni (Mülligen), René Grütter (Birr), Richard Plüss (Lupfig) und Daniel Knappe (Birrhard) sowie Christoph Binder (Finanzspezialist bei der AWB Comunova AG).

Diskutieren über die Machbarkeitsstudie (v. l.): Die Gemeindeammänner Stefan Hänni (Mülligen), René Grütter (Birr), Richard Plüss (Lupfig) und Daniel Knappe (Birrhard) sowie Christoph Binder (Finanzspezialist bei der AWB Comunova AG).

Claudia Meier

Es lag nicht nur am heissen Sommerabend, dass es auf dem Flugplatz Birrfeld schon nach der Vorstellungsrunde zu hitzigen Voten kam. Der in ein paar Jahren mögliche Zusammenschluss der Gemeinden Birr, Birrhard, Lupfig (mit dem Ortsteil Scherz) sowie Mülligen hat am Donnerstagabend viele Männer und Frauen zur Präsentation der 50-seitigen Machbarkeitsstudie durch die beauftragte AWB Comunova AG von Martin Hitz in den Hangar gelockt.

Projektleiter und Moderator Martin Hitz (AWB Comunova AG).

Projektleiter und Moderator Martin Hitz (AWB Comunova AG).

Ina Wiedenmann

Gekommen sind Interessierte aus den vier betroffenen Gemeinden und aus der Region sowie Behördenvertreter aus benachbarten Kommunen. So gehörten etwa Gemeindeammann Andreas Arrigoni aus Hausen und Gemeindepräsidentin Heidi Ammon aus Windisch zum aufmerksamen Publikum. Frau Stadtammann Barbara Horlacher aus Brugg, wo die Gemeindefusion mit Villnachern derzeit Thema ist, liess sich entschuldigen.

Grosse Unsicherheit in Mülligen während Bevölkerungsumfrage

Moderator Martin Hitz von der AWB Comunova AG spürte bei den vier Gemeindeammännern Stefan Hänni (Mülligen), René Grütter (Birr), Richard Plüss (Lupfig) und Daniel Knappe (Birrhard) gleich zu Beginn der Veranstaltung den Puls. So äusserte Stefan Hänni Zweifel daran, ob die Mülligerinnen und Mülliger in der Bevölkerungsumfrage heute nochmals so fusionsfreudig antworten würden. Er erklärte:

«Damals herrschte eine grosse Unsicherheit im Dorf, weil wir nur zwei Anmeldungen für die Gemeinderatswahlen hatten. Inzwischen ist die Exekutive komplett und funktioniert gut.»

Daniel Knappe aus Birrhard sagte, dass mit zunehmender Prozesslänge kritische Stimmen zahlreicher würden.

Auf die Frage von Martin Hitz, wie sich eine grosse Gemeinde beim Kanton mehr Gewicht verschaffen könne, sagte der langjährige Politiker Richard Plüss aus Lupfig, dass er sich in Zukunft wieder ein Mitglied aus dem Birrfeld im Grossen Rat wünsche.

Die korrigierten Dokumente werden aufgeschaltet

Stolz wies Gemeindeammann René Grütter aus Birr auf potenzielle Grossprojekte hin, indem er das Gebiet der ABB Schweiz AG erwähnte, wo Hunderte Wohnungen und Arbeitsplätze entstehen sollen.

Der Anlass auf dem Flugplatz Birrfeld zu den Auswirkungen einer Fusion von Birr, Birrhard, Lupfig und Mülligen ist gut besucht.

Der Anlass auf dem Flugplatz Birrfeld zu den Auswirkungen einer Fusion von Birr, Birrhard, Lupfig und Mülligen ist gut besucht.

Claudia Meier

In der Präsentation wurde die mögliche Fusionsgemeinde im Birrfeld mit der Stadt Brugg verglichen. 9640 Einwohnerinnen und Einwohner versus 12'944 Bruggerinnen und Brugger auf einer mehr als doppelt so grossen Fläche wie der Bezirkshauptort. Ein Mann aus Birrhard verschaffte im Lauf des Abends seinem Ärger über falsche Einwohnerzahlen, irreführende Angaben zu anstehenden Investitionen sowie einer Tabelle zu den Gemeinden Oberhof und Wölflinswil mehrmals Luft. Er frage sich, ob da einfach kopiert werde, und fügte an:

«Ich könnte mir eine solche Arbeit nicht leisten.»

Dafür erntete er Applaus aus dem Publikum. Martin Hitz entschuldigte sich für die unkorrekten Angaben und räumte ein, dass nicht überall die neuste Version der Studie aufgeschaltet wurde. Er versprach Besserung.

Schlechte ÖV-Verbindungen im Eigenamt nicht abgebildet

Anwesende vermissten in der Machbarkeitsstudie Angaben zu den schlechten ÖV-Verbindungen beispielsweise von Birrhard nach Lupfig, Risikoanalysen im Fall einer Inflation oder dem künftigen Steuerfuss.

Finanzspezialist Christoph Binder von der AWB Comunova AG ging auf die unterschiedlichen Vermögenssituationen (inklusive Kiesgeld in Mülligen), Verbrauchsgebühren, Investitionsvorhaben sowie die Ortsbürgergemeinden ein.

Mit Blick nach vorn sagte Gemeindeammann Plüss aus Lupfig in der Schlussrunde: «Es ist sinnvoll, die Fusion in Gang zu bringen, solange es allen beteiligten Gemeinden noch einigermassen gut geht.» Ammann Grütter aus Birr betonte:

«Die Frontscheibe ist grösser als der Rückspiegel. Wenn wir den nächsten Entwicklungsschritt machen wollen, müssen wir jetzt in diesen Zug einsteigen.»

Vorsichtiger drückte sich Ammann Hänni aus Mülligen aus: «Wir sind seit jeher stark mit Windisch verbunden. Das Echo aus der Bevölkerung für den Zusammenschluss Birrfeld ist derzeit bescheiden.» Der Birreter Ammann Daniel Knappe als Vertreter der kleinsten der vier Gemeinden hielt fest: «Wir sehen Potenzial etwa für bessere ÖV-Anbindungen. Uns ist sehr wichtig, dass es eine Fusion auf Augenhöhe ist und keine Übernahme.»

Zur Entscheidungsfindung sind in den einzelnen Gemeinden in den kommenden Wochen individuelle Veranstaltungen geplant. Im Herbst fällen die Exekutiven einen Grundsatzentscheid. Über einen allfälligen Projektierungskredit für Fusionsabklärungen würde an der Sommergmeind 2023 entschieden. Realistischweise wäre der Start der neuen Gemeinde laut Martin Hitz am 1. Januar 2027 und nicht wie bisher kommuniziert per 2026.

1 Kommentar
Agnes Schlapbach

Wenn man diesen Artikel liest, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Gemeinden die richtige Firma für die Projektleitung ausgewählt haben. Vielleicht hätten sie Referenzen einholen sollen. Wenn schon die Einholung von Zahlen Schwierigkeiten bereitet, könnte auch die Verrechnung der geleisteten Stunden Probleme geben. Aber hoffentlich zu gunsten der Gemeinden.