Campus Brugg-Windisch
Jesus – ein notorischer Tabubrecher? Podium «Interface» diskutiert die Bibel

Das Podium «Interface» an der Fachhochschule Nordwestschweiz beschäftigt sich mit Tabu und Tabubrüchen in der Gesellschaft. Die Bibel tut dies erstaunlich kreativ.

christoph bopp
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Gemäss der Bibel zeigte Jesus keine Berührungsängste. Im Bild: Schauspieler Andreas Richter als Jesus.

Gemäss der Bibel zeigte Jesus keine Berührungsängste. Im Bild: Schauspieler Andreas Richter als Jesus.

Keystone

Peter Winiger, der frühere Bundeshausjournalist und pensionierte Pfarrer, war der zweite Referent im aktuellen Zyklus des Podiums «Interface» der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch. Als der Entdecker James Cook den Tabubegriff im 18. Jahrhundert im Westen bekannt machte, erschien er dem europäischen Menschen, der sich in einer Epoche der Aufklärung wähnte, als archaisch-heidnisches Relikt, fremd. Das Tabu gehört in die Religion, so die gängige Meinung. Dabei ist Jesus ein notorischer Tabubrecher. Wie geht das?

Die Bibel – durchaus auch das Neue Testament – handelt dauernd von Tabu-Reflexen. Peter Winiger interpretierte einige davon. Das religiöse Zentrum des Judentums bildete der Tempel in Jerusalem. In 2. Chr. 6 und 7 und 1. Kön. 8 wird erzählt, wie Salomo den Tempel einweihte und Feuer vom Himmel fiel, um das Opfer zu verzehren. «. . . und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus». Der Tempel war heiliger Raum und durfte und konnte nicht einfach betreten werden. Dieser Tempel wurde zweimal zerstört, endgültig im Jahre 70 von den Römern nach dem jüdischen Aufstand. Bereits im Exil in Assyrien und Babylon, als der erste Tempel zerstört wurde, musste das Judentum seine religiöse Mitte neu definieren. Winiger sprach von einer «Verinnerlichung». Das Zentrum war nicht mehr räumlich aussen, sondern ins Innere gerückt. Diese «Vergeistigung» übernahm das Christentum, anstatt im Tempel musste Gott im Geist angebetet werden. Das Tabu des «heiligen Bezirks» galt nicht mehr.

Eine Religion der Spiritualität

Dieser spirituelle Charakter dürfte einiges beigetragen haben zum Erfolg des Frühchristentums. Hier war ein Glaube für jeden; ein Gott, den man persönlich ansprechen und zu dem man immer und überall beten konnte, und eine Gründergestalt, die in ihrem Tod am Kreuz und der anschliessenden Auferstehung die Spiritualisierung ausdrücklich verneint und quasi wieder rückgängig gemacht hatte – das hatte es noch nie gegeben, das war attraktiv.

Den frühchristlichen Autoren war wichtig, sagte Peter Winiger, dass die Auferstehung ausdrücklich leiblich gemeint sei. Der ungläubige Thomas beharrt darauf, die Wunden des Auferstandenen zu berühren. Das Berührungsverbot ist eines der stärksten Tabus. Jesus berührte ausdrücklich einen Aussätzigen, um ihn zu heilen. Mit diesem Tabu-Bruch hob er die Ausschliessung auf, die für Aussätzige galt.

Das Evangelium erzählt von Inklusion. Als «unrein» soll niemand mehr gelten: kein Zöllner mehr und auch kein Centurio aus Kapernaum mehr – die von den Juden am meisten gehassten Vertreter der römischen Besatzungsmacht. Die Taufe steht für einen neu geborenen Menschen, ohne Sünde; Vergebung bedeutet denn auch klar «wieder dazu gehören dürfen». Das Christentum lehnt die «Gesten des Ausschliessens», als die das Tabu oft fungiert, ausdrücklich ab. «Abendländisch heisst», schloss Peter Winiger, dass «alle dazu gehören dürfen.» Welche Bedeutung hätte ein Begriff der Menschenwürde sonst?

Nächstes Referat: Mo, 15. Mai, 17.15 Uhr. FHNW Brugg-Windisch, Aula. Urs Winzenried, Ex-Chef Kriminalpolizei Aargau: «Polizei und Tabu. Fiktion oder Realität?»