Brugg

Ohne Internet und Fernseher gehts auch

Die ehemalige Rettungssanitäterin verbringt jeweils einige Tage mit einer Gruppe in der Toskana und erntet Oliven.

Timea Hunkeler
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Gertrud Maurer machte mit der Gruppe dieses Jahr aus der Ernte über 200 Liter Öl.ZVG

Gertrud Maurer machte mit der Gruppe dieses Jahr aus der Ernte über 200 Liter Öl.ZVG

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«Ich bin mir vorgekommen wie Lady Diana, nur das Publikum hat noch gefehlt», sagt Gertrud Maurer über die Allee, die zum Haus in der Toskana führt. Die 73-Jährige verbringt seit zehn Jahren einmal im Jahr 10 bis 14 Tage mit einer Gruppe dort und erntet Oliven. Angefangen habe alles damit, dass ein Bekannter in der Toskana ein Ferienhaus mit zirka 10 Betten kaufte, zu dem ein grosses Landstück gehört. Auf diesem pflanzte er rund 200 Olivenbäume an. Vor 10 Jahren suchte er in seinem Bekanntenkreis nach Leuten, die in der Zeit von Ende Oktober bis Anfang November helfen, die Ernte einzubringen. Als Gegenleistung dürfen diese kostenlos im Feriendomizil logieren. Maurer und ihr Mann Willi nahmen das Angebot sofort an. «Wir wollten einfach mal etwas Neues erleben», sagt sie.

Gertrud Maurers Augen strahlen, als sie die Fotos vom diesjährigen Olivenernten zeigt. Sie sitzt im Kaffee des Pflegezentrums Brugg. Während sie zu jedem Bild die passende Geschichte erzählt, muss sie immer wieder unterbrechen, denn viele Leute kennen sie und winken oder rufen ihr etwas zu. «Ich bin hier jahrelang ein- und ausgegangen», sagt Maurer. Die
73-Jährige ist seit acht Jahren pensioniert. Zuvor hat sie 30 Jahre als Rettungssanitäterin gearbeitet.

Besonders gute Ernte dieses Jahr

Jeweils acht Stunden, inklusive dreier Pausen, dauert die Fahrt zum Haus «La Brandana» in der Toskana. Die Gruppe fährt mit zwei bis drei Autos. «Dieses Mal waren wir nur zu fünft. Wir mussten uns tüchtig ins Zeug legen, hatten aber eine wunderbare Zeit zusammen», sagt Maurer. Es habe auch schon Jahre gegeben, da seien sie zu acht in die Toskana gefahren, um Oliven zu ernten. Die Gruppe bestehe immer wieder aus anderen Personen und somit lerne man schnell neue Leute kennen. «Wir sind dort total in der Pampa draussen. Wir haben kein Internet, kein Radio und keinen Fernseher – wir haben nur uns», sagt sie vergnügt.

Täglich verbringen sie zirka sechs bis sieben Stunden mit dem Ernten. Da über Nacht Tau fällt und das Gras jeweils sehr nass ist, kann manchmal erst gegen 10 Uhr morgens damit begonnen werden. Damit die Oliven beim Ernten nicht ins Gras fallen, werden zuerst grosse Netze unter die Bäume gelegt. Mit kleinen Kunststoffrechen werden die Früchte dann von den Ästen gekämmt. Die Oliven fallen von den Bäumen direkt auf die ausgelegten Netze. Sind die Bäume leer, werden die vollen Netze zusammengenommen und die Oliven in Kisten umgeschüttet. «Am Abend fahren wir dann mit unserer Ernte in die Verarbeitungsmühle. Dort werden die Oliven zu Öl gepresst», erklärt Maurer. Wiegt die Lieferung mindestens 500 Kilogramm, bekommt man sogar das Öl der eigenen Oliven. Dieses Jahr seien die Ernte und vor allem die Qualität des Olivenöls besonders gut. «Es hat über 200 Liter Öl gegeben», sagt Maurer stolz. Da die Ernte in der Toskana bei allen so gut ausgefallen war, hätte man für Oliven oder auch für das Öl nur wenig Geld bekommen. «Wir nehmen es heim, und machen Weihnachtsgeschenke», sagt Maurer.

«Man hat sich immer etwas zu erzählen», fährt sie fort. Natürlich wird in diesen 10 bis 14 Tagen nicht nur gearbeitet, sondern auch Ausflüge unternommen. «Ich bin einfach furchtbar gerne draussen», sagt Maurer. Sie schätze es, dank dem Olivenernten den Sommer ein wenig verlängern zu können. «Es ist immer zwischen 21 und 25 Grad warm. Das Schöne dieser Tage in der Toskana sind jeweils das gesellige Beisammensein sowie die herrlich farbigen Sonnenuntergänge und das wunderschöne Sternenzelt in der Nacht», schwärmt Maurer. Trotz der körperlichen Herausforderungen herrsche immer Ferienstimmung. «Ich bezeichne es als Aktivferien», sagt sie und lacht.

Eine Bäuerin mit sechs Kindern

Das eigene Olivenöl aus der Toskana brauche sie für fast alles. Natürlich gebe es in der Schweiz auch gutes Olivenöl zu kaufen. «Aber es ist einfach nicht das Eigene», sagt Maurer. Neben der Olivenernte sind der Garten zu Hause und die Tätigkeit im Samariterverein ihr Hobby.

«Ich habe keinen Bezirksschulabschluss. Ich kam direkt mit dem Lehrvertrag nach Hause», sagt Maurer und schmunzelt. Die gelernte Gärtnerin betreute damals bereits den Samariterposten in der Gärtnerei. So kam sie über den Samariterverein ins Rettungswesen. Als Kind habe sie sich ihr Leben jedoch immer anders vorgestellt. «Ich bin ein echtes Landei. Daher kommt die Liebe zur Natur und den Tieren. Ich dachte immer, ich werde einmal eine Bäuerin mit sechs Kindern», sagt Maurer vergnügt. Heute ist die 73-Jährige seit fünfzig Jahren glücklich verheiratet, lebt in Brugg und ist zweifache Grossmutter. Sie sei rückblickend zufrieden damit, wie ihr Leben verlaufen ist und bezeichnet sich selbst als absoluten Glückspilz. «In meinem Leben gab es immer einen Haken, der mich wieder aus dem Sumpf zog.»