Brugg

So kommt eine Stradivari von King George in die Hände eines Aargauers

Eine Stradivari spielen ist das Grösste für einen Geiger: Der Umiker Sebastian Bohren spielt sie im Stradivari Quartett. Sie gehörte einst dem englischen King George III.

Elisabeth Feller
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Das Stradivari Quartett mit Sebastian Bohren (2. von l.): Er hält die Violine King George in Händen.ZVG

Das Stradivari Quartett mit Sebastian Bohren (2. von l.): Er hält die Violine King George in Händen.ZVG

Morgens um 9 Uhr schläft King George III. noch. In seinem Futteral. Ganz im Gegensatz zu seinem Besitzer, Sebastian Bohren, der seine Ideen im Campus-Café wie bergfrisches Quellwasser sprudeln lässt. Stopp. Seit wann ist ein König im Besitze eines 26-jährigen Geigers, der einst von Umiken auszog, um die Musikwelt zu erobern?

In Bohrens Augen blitzt es belustigt auf. Liebend gerne erzählt er die Geschichte seiner Violine, die gar nicht die Seinige ist. Der Reihe nach: Der englische King George III. war einst Eigentürmer einer Stradivari, die er einem schottischen Offizier schenkte. Dieser fiel 1813 als Kavallerist unter Wellington in der Schlacht von Waterloo. Seine Geige überlebte unversehrt: Man fand sie in der Satteltasche seines Pferdes.

Die weiteren Wege der King George sind verschlungen. Eines Tages fiel sie dem St. Galler Textilfabrikanten und Hobby-Cellisten Rolf Habisreutinger in die Hände, der kostbare «Strads» sammelte. Heute stellt die Stradivari-Stiftung Habisreutinger die Preziosen des italienischen Geigenbaumeisters Musikern leihweise zur Verfügung. Etwa dem Stradivari Quartett, dem Sebastian Bohren seit 2013 angehört.

Nimmt Sache selbst in die Hand

Den Klang der aus dem Jahr 1710 stammenden King George schildert Bohren als «golden und tief – ein Traum». Der Besuch des englischen Königs war in Brugg bereits 2013 angekündigt worden. Doch die Violine musste nach Japan reisen, weil dort ihre Präsenz beim Stradivari Summit gefragt war – ein Gipfeltreffen, das die edelsten «Strads» alle zwei Jahre für kurze Zeit vereint. Deswegen griff Bohren für sein letztjähriges Brugger Konzert mit Vivaldis «Vier Jahreszeiten» auf ein zeitgenössisches Instrument des Badener Geigenbauers Michael Rhonheimer zurück.

Diesen Samstag schlägt nun die Stunde von King George in der reformierten Stadtkirche. Bohren, zweiter Geiger im Stradivari Quartett, stemmt erneut ein Konzert in Eigenregie. Das hat er schon oft getan, weil er sich stets sagte: «Ich warte nicht erst darauf, bis ich engagiert werde. Ich nehme die Sache selbst in die Hand.» Das funktioniert vorzüglich – gerade in Brugg und Windisch, wo Bohren in verschiedenen Besetzungen oft gespielt hat.

Mittlerweile wirkt der Geiger aber nicht nur im Stradivari Quartett, sondern auch bei den Chaarts (Chamber Artists) mit – etwa beim Boswiler Sommer 2014. Bohren spielt dort im Ensemble sowie als Solist. Mit der King George? «Was denken Sie denn? Selbstverständlich», sagt der junge Musiker lachend und kommt richtig in Fahrt.

Vom lettischen Komponisten Peteris Vasks und dessen Violinkonzert «Vox Amoris» schwärmt er: «Es ist fantastisch, dass ich es spielen kann», aber auch von einer bevorstehenden China-Tournee mit dem Stradivari Quartett. Ein prickelndes Vorhaben, das ebenfalls den Primarius Xiaoming Wang freut: Er ist Chinese. «Wir vier», so Bohren weiter, «sind für einmal Stimmführer im Shanghai Philharmonic Orchestra, aber wir geben auch noch Konzerte mit dem Quartett.»

Die Freude steht dem jungen Mann im Gesicht geschrieben. Nicht nur, weil er China in bester Erinnerung hat, sondern weil er, der erklärte Einzelkämpfer, «wahnsinnig gerne zweiter Geiger ist». Weshalb? «Ich liebe die Mittelstimmen; ich geniesse es, neben dem Bratscher zu sitzen. Spiele ich im Quartett, denke ich nur an die Musik.»

Daran denkt er doch auch als Solist? Klar. Aber die Intensität im Quartett, so Bohren, sei eben unvergleichlich. Das Gespräch gleicht einem Pingpong. Ein Stichwort folgt aufs andere. Eines sticht heraus: Solistendiplom. Sebastian Bohren spielt am 2. Juli im KKL Luzern mit dem Luzerner Sinfonieorchester Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 – seine Reifeprüfung. Wiederum ein Grund zum Strahlen.