Bözberg

Tiefenlager: Gegner befürchten einseitige Propaganda

An der Infoveranstaltung zum Tiefenlagerstandort darf kein kritischer Referent auftreten, das hat der Gemeinderat so beschlossen. Das passt den Gegnern des Tiefenlagers, allen voran der «Kaib» («Kein Atommüll im Bözberg»), gar nicht.

Claudia Meier
Drucken
Teilen
Die Kaib fordert, dass kritische Stimmen auftreten dürfen.

Die Kaib fordert, dass kritische Stimmen auftreten dürfen.

Sandra Ardizzone

Geht es nach der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) kommen in der Schweiz für den Bau eines geologischen Tiefenlagers für Atommüll nur noch die beiden Standortgebiete Jura Ost und Zürich Nordost infrage. Das Sachplanverfahren unter der Leitung des Bundesamts für Energie (BFE) ist hochkomplex und dauert mehrere Jahrzehnte.

Erst am 7. März veranstaltete das BFE auf dem Bözberg einen «Treffpunkt Tiefenlager» mit Kurzreferaten und Info-Marktständen für die interessierte Bevölkerung aus der Umgebung. Rund 150 Personen nahmen daran teil. Gut drei Wochen später organisierte die Gemeinde Riniken eine Infoveranstaltung mit zwei Nagra- und einem BFE-Vertreter für die eigene Bevölkerung. Am Mittwoch, 20. Mai, findet eine ähnliche Veranstaltung für die Bözberger statt. Das genaue Programm ist noch nicht bekannt. Nur so viel: Einen kritischen Referenten wird es an diesem Abend nicht geben. Der Gemeinderat will das nicht.

Die Frage nach einem kritischen Referenten kam von einem Mitglied der Bürgerbewegung «Kein Atommüll im Bözberg» (Kaib), das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Der Gemeindeammann Peter Plüss wurde am Rande einer anderen Veranstaltung mündlich aufgefordert, im Sinne einer ausgewogenen Meinungsbildung eine kritische Fachperson zur Infoveranstaltung vom 20. Mai einzuladen», sagt Sacha Schenker vom Bözberg, selber Kaib-Vorstandsmitglied. Als ausgewiesene Experten auf dem Gebiet hätte man sich beispielsweise Marcos Buser oder Walter Wildi als Referenten vorstellen können.

Gemeinderat hält an Programm fest

Plüss antwortete einige Tage später per Mail. Der Gemeinderat wolle am Programm festhalten und an einem ersten Abend die Bevölkerung durch BFE/Nagra informieren, da nicht alle Leute auf dem gleichen Wissensstand wie die Mitglieder der Regionalkonferenz seien, lautete die Antwort.

An einem zweiten Abend, nachdem das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) den aktuellen 2x2-Vorschlag geprüft haben wird, solle dann eine Podiumsdiskussion mit Einbezug kritischer Geologen durchgeführt werden. Die drei Bözberger Kaib-Vorstandsmitglieder – Geri Wyttenbach, Sandra Fehlmann und Sacha Schenker – bedauern den Entscheid des Gemeinderats. «In den Augen des Gemeinderats sind also Nagra/BFE die einzigen Befähigten, um über das Thema ‹Atommülllager› zu informieren – wie zynisch!», sagt Schenker. Die Leute müssten aber schon jetzt ausgewogen über die Situation aufgeklärt werden, nicht erst in ein bis zwei Jahren, so Schenker weiter.

Widerspruch zu offizieller Haltung

Zudem sehen die Kaib-Vorstandsmitglieder das Verhalten des Gemeinderats im Widerspruch zu seiner offiziellen Haltung gegen ein Atommülllager im Bözberg: «Wenn man gegen etwas ist, legt man kritischen Stimmen keine Steine in den Weg.» Sie befürchten nun, dass «Nagra/BFE unter dem Deckmantel der ‹Information› die Gelegenheit nutzen werden, um einmal mehr ihre einseitige Propaganda zu veranstalten und die Bevölkerung einzulullen».

Gemeindeammann Peter Plüss sagt, dass sich Nagra und BFE anerboten haben, die Bözberger direkt zu informieren. Es handle sich nicht um eine Podiumsdiskussion. «Ich erwarte, dass die Gäste zuhören und danach Fragen stellen», so Plüss. Denn in der Bevölkerung gebe es viele Unsicherheiten – etwa zum Verfahren oder zu den geplanten Bohrungen. Es gehe darum, fachkundige Antworten zu bekommen und nicht einfach Meinungen zu deponieren. Denn der befürchtete Imageschaden könne unter Umständen schnell eintreffen. «Am meisten Respekt habe ich davor, dass sich die Bevölkerung auf dem Bözberg teilt, wie das beim Wellenberg geschehen ist», sagt der Ammann, der am Infoanlass mindestens 100 Bözberger erwartet.

«In Riniken folgten knapp 60 Interessierte der Einladung», sagt Gemeindeammann Ueli Müller. Anfragen für einen kritischen Referenten habe es nicht gegeben. Nach der Veranstaltung habe auch niemand gesagt, dass es nicht ausgewogen war. «Möglicherweise bekamen aber nicht alle die Antworten, die sie gerne gehört hätten», fasst Müller die rund 40 minütige Diskussion im Anschluss an die drei Referate zusammen.