Brugg-Windisch

Wolf Biermann: «Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier»

Als Regimekritiker der DDR wurde der Liedermacher und Poet Wolf Biermann berühmt. Eine tiefe Freundschaft verbindet ihn mit Franz Hohler. An der Fachhochschule hat er nun Einblick in sein Leben gegeben.

Claudia Meier
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«Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier», singt der 82-jährige Wolf Biermann in der Aula an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier», singt der 82-jährige Wolf Biermann in der Aula an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Wir wollen uns nur die Zeit vertreiben», sagte Wolf Biermann, als er bereits vor Veranstaltungsbeginn zur Gitarre griff. Das Lied, das der 82-Jährige zum Besten gab, drehte sich ums Dableiben oder Weggehen. Er hatte es im Jahr 1976 kurz vor seiner Ausbürgerung aus der DDR geschrieben.

Der bekannte Liedermacher war am Mittwochabend im Rahmen der öffentlichen Reihe CampusGlobal zu Gast in der gut besetzten Aula der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch. Moderator Andreas Petersen, Dozent für Zeitgeschichte an der Hochschule für Wirtschaft, hatte die anspruchsvolle Pflicht, den gesprächigen Biermann jeweils wieder auf das Kernthema zurückzuholen.

Aus der über 570 Seiten umfassenden Autobiografie mit dem Titel «Warte nicht auf bessre Zeiten!» hatte Petersen drei Passagen ausgewählt, die Biermann hätte vorlesen sollen. Er sei von seiner Frau zum Schreiben dieses Buches gedrängt worden, einfach sei ihm dieser Schritt allerdings nicht gefallen, erzählte Biermann, der ansonsten vor allem Lieder und Gedichte schreibt.

Auftritts- und Publikationsverbot

Und diese Werke waren es, die dem gebürtigen Hamburger, der 1953 freiwillig in die DDR übergesiedelt war, später zum Verhängnis wurden. «Meine Mutter wollte, dass ich die Menschheit rette und den Kommunismus aufbaue», erzählte Biermann. In der DDR fühlte sich der Sohn von Kommunisten willkommen. Sein jüdischer Vater war im Konzentrationslager in Auschwitz umgebracht worden.

Nach einem abgebrochenen Wirtschaftsstudium studierte Wolf Biermann Philosophie und Mathematik. Er gründete ein Theater und schrieb ein Stück über die Berliner Mauer. «Ich war für die Mauer, das Stück wurde aber trotzdem verboten», so der Poet. «Das ist Dialektik.» Gegen den scharfen Kritiker der DDR wurde 1965 ein Auftritts- und Publikationsverbot verhängt. «Junge Leute, die in der DDR meine Lieder gesungen hatten, mussten drei Jahre in den Knast gehen», fuhr Biermann fort und nannte seine Gitarre «mein Holzschwert mit sechs Saiten». Als Promi habe man ihn hingegen nicht gut wegsperren können.

200 Spitzel beschäftigt

Er sei ein sturer Dableiber gewesen. «Euer geliebter Spassvogel Franz Hohler kam immer mit seinem Cello zum Tränenpalast und ertrug dort auf stoische Weise die Grenzkontrollen der falschen Volkspolizisten, die in der Tat hohe Stasi-Offiziere waren», erzählte Biermann, der heute noch mit Hohler gut befreundet ist. Lange habe er gedacht, dass die Stasi etwa 70 Spitzel auf ihn angesetzt hatte, später erfuhr er, dass es 200 gewesen waren. «Es gab allerdings auch Spitzel, die waren keine Schweinehunde», so Biermann. Überhaupt sei die Wahrheit viel interessanter, als man zuerst annehme.

1976 wurde Biermann zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen. Nach dem ersten Konzert in Köln bürgerte ihn die DDR aus. «Das muss unter uns bleiben», sagte Biermann in der Aula in Brugg-Windisch immer wieder. Von den drei vorbereiteten Buchpassagen trug er nur eine vor, den Rest kann man selber nachlesen.