«Darf ich denn nicht mitfahren?»

Das Coronavirus hat die Arbeit der Rettungssanitäter grundlegend verändert. Auch für Patienten und Angehörige ist nichts mehr wie gewohnt.

Stefania Telesca (Text und Bilder)
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Nach dem Transport eines Covid-Patienten wird die Ambulanz desinfiziert. Die Reinigung dauert jeweils 30 Minuten. Lukas Frey arbeitet seit 16 Jahren als Rettungssanitäter. Wir haben ihn einen Morgen lang begleitet.
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Nach dem Transport eines Covid-Patienten wird die Ambulanz desinfiziert. Die Reinigung dauert jeweils 30 Minuten. Lukas Frey arbeitet seit 16 Jahren als Rettungssanitäter. Wir haben ihn einen Morgen lang begleitet.

Nach dem Transport eines Covid-Patienten wird die Ambulanz desinfiziert. Die Reinigung dauert jeweils 30 Minuten. Lukas Frey arbeitet seit 16 Jahren als Rettungssanitäter. Wir haben ihn einen Morgen lang begleitet.

Jeder Zentimeter des Inneren der Ambulanz wird sorgfältig desinfiziert. Es ist kurz nach neun Uhr morgens und die Rettungssanitäter des Kantonsspitals Baden (KSB) haben bereits den ersten coronapositiven Patienten abgeholt. Zwischen fünf und zehn Verdachtsfälle sind es pro 24 Stunden. Die penible Reinigung der Ambulanz dauert bis zu 30 Minuten.

«Wir achten darauf, dass wir das gesamte Material, das wir während des Transports nicht brauchen, in der Führerkabine verstauen», sagt Lukas Frey, stellvertretender Leiter Rettungsdienst am KSB. Das Coronavirus hat auch die Arbeit der Rettungssanitäter grundlegend verändert.

Frey hat seine Schicht um 7Uhr begonnen. Sie wird bis um 19Uhr dauern. Zwölf Stunden, in denen alles passieren kann, wie der Morgen zeigen wird.

Seit 2004 ist Frey als Rettungssanitäter tätig. Heute ist er, der zusätzlich zur dreijährigen Ausbildung als Rettungssanitäter auch eine Ausbildung in der Anästhesiepflege hat (siehe Box), alleine im Noteinsatzfahrzeug unterwegs. Zusätzlich zur Ambulanz wird er dann aufgeboten, wenn der Verdacht auf eine lebensbedrohliche Situation besteht. Sprich: Bei einem cerebralen Ereignis, Atemnot, Bewusstlosigkeit oder einem Herzinfarkt. Frey hat durch die Expertise in der Anästhesie die zusätzliche Kompetenz, spezielle Medikamente zu verabreichen, und erweiterte Massnahmen durchzuführen, sollten diese nötig sein.

iPad zeigt an, ob ein Patient Coronasymptome hat

Bereits kurz nach Dienstbeginn summt Lukas Freys Pager. Ein Blick auf das iPad in seinem Fahrzeug zeigt ihm die wichtigsten Eckdaten für den bevorstehenden Einsatz. Adresse des Notfalls, Jahrgang des Patienten, Zustand und seit Ausbruch der Pandemie: Coronasymptome oder nicht. Frey schaltet das Blaulicht ein und folgt seinen Kollegen in der Ambulanz an den Einsatzort. Der Patient liegt in seiner Wohnung und kann nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen. Er hat Corona.

Vor dem Wohnhaus ziehen Lukas Frey und seine Kollegen Schutzkittel, Mundschutz, Handschuhe und Schutzbrille an. Rund 50 Franken an Schutzmaterial macht ein solcher Einsatz aus. Die Wohnung wird vorerst nur von einem von ihnen betreten, um die Kontakte zu Infizierten möglichst gering zu halten. «Es ist schwierig, zu sagen, ob der Mann wegen Corona zusammengebrochen ist. Oftmals holen wir Menschen ab, bei denen das Virus eine Nebenerkrankung ist», erklärt Frey.

Auch während der Pandemie stürzten die Menschen weiterhin Treppen hinunter, ergänzt er. Die Pandemie macht jeden Einsatz aufwendiger und intensiver.

Bald wird klar, dass es sich doch nicht um eine lebensbedrohliche Situation handelt. Trotzdem hilft Lukas Frey mit, den Mann in einem Tuch hinunterzutragen. Der Patient wird ins KSB gebracht, in einen abgetrennten Bereich der Notaufnahme. Dort tragen die Fachkräfte, die sich um den Patienten kümmern, die volle Schutz- montur, wie ein kurzer Blick von aussen erahnen lässt.

Dass die Rettungssanitäter einen Patienten aufgrund der aktuell hohen Anzahl an belegten Betten gar nicht erst ins KSB bringen können, sei noch nicht vorgekommen: «Wir haben die Möglichkeit, alle Patienten auf die Notfallstation zu bringen und erst nachher wird von ärztlicher Seite her entschieden, ob sie allenfalls in ein anderes Spital gebracht werden.»

Mimik und Gestik kommen durch Masken zu kurz

Ein Weihnachtsbaum, der vor dem abgetrennten Bereich der Notaufnahme steht, ist mit hellblauen Engeln geschmückt. Engel, die aus Schutzmasken gebastelt wurden. «Die Reinigung und das Anziehen der Schutzausrüstung sind zwar mühsam», sagt Lukas Frey, als er durch die Glaswand zum vorhin eingelieferten Patienten schaut. Was ihm aber am meisten leidtut: «Die ganze Mimik und Gestik kommt durch die Schutzmassnahmen zu kurz. Oft haben ältere Personen, Menschen mit Behinderungen oder auch Kinder Mühe, uns zu verstehen.»

Traurig mache ihn auch, wenn man jemanden in der Ambulanz mitnimmt und die Angehörigen zurücklassen muss, weil diese aufgrund der Pandemie nicht mit ins Spital dürfen. «Besonders, wenn die Patienten schwer krank sind und du weisst, dass sie einander vielleicht zum letzten Mal sehen.»

50 Personen arbeiten im Rettungsdienst des Kantonsspitals Baden. Seit Ausbruch der Pandemie im Frühling sind erst neun von ihnen an Covid-19 erkrankt. Dies, obwohl sie täglich mit Infizierten in Kontakt sind. «Das gibt mir grosses Vertrauen, dass die Schutzmassnahmen, die wir umsetzen, wirksam sind.» Ausserdem muss sich jeder, der auch nur ansatzweise Symptome hat, testen lassen.

«Jetzt müssen wir los», sagt Frey bestimmt, als sein Pager erneut losgeht. Eine Patientin im hohen Alter hat die Kraft in einer Körperhälfte verloren. Frey schaltet das Blaulicht ein und folgt der Ambulanz an den Einsatzort. Ob ihn das nicht mehr nervös mache, möchte ich von ihm wissen. «Es gibt Einsatzmeldungen, die einen nervöser machen als andere. Wenn es zum Beispiel um Kinder geht.»

Den Lead haben auch bei diesem Einsatz die Kollegen der Ambulanz. Im Wohnhaus macht sich Lukas Frey rasch ein Bild von der Situation. Er ist die Ruhe in Person. Rücksichtsvoll fragt er die Angehörige, ob sie wisse, ob die Patientin lebenserhaltende Massnahmen wünsche, sollte es im Spital so weit kommen. «Darf ich denn nicht mitfahren?», fragt die Frau. Auch in solchen Fällen hat Corona alles verändert.

Manchmal enden die Einsätze mit dem Tod

Der Pager vibriert erneut, Lukas Frey wird woanders gebraucht. Ihm genügte der kurze Blick auf die Nachricht, um zu verstehen, wie schnell es gehen muss. «Wir werden wahrscheinlich vor der Ambulanz vor Ort sein und bis zu deren Eintreffen überbrücken», sagt er. Das Blaulicht ist eingeschaltet. Sein Tonfall ist noch immer freundlich, aber sehr ernst. Eine Person im Seniorenalter hat das Bewusstsein verloren.

Er wird zehn Minuten nach Eingang des Notrufs am Einsatzort eintreffen, kurz vor seinen Kollegen der Ambulanz. In der ganzen Hektik strahlt der grosse Mann eine unglaubliche Ruhe und Sicherheit aus. Er erkennt sofort, dass es nicht gut steht. Trotz Herzmassage, Adrenalin und Elektroschocks beginnt das Herz der Person nicht mehr von alleine zu schlagen. Ein Einsatz, der mit dem Tod endet. Er hat erst fünf der zwölf Stunden seiner heutigen Schicht hinter sich.

Auch das gehöre dazu, sagt Lukas Frey, als wir ins KSB zurückfahren. Trotz der 16 Jahre Erfahrung beschäftigten ihn solche Einsätze nach wie vor. Ohne ihn aber in seiner Arbeit zu blockieren. «Es lässt mich nicht kalt», sagt er. «Wenn es einmal so weit sein sollte, muss ich den Beruf wechseln.»

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