Bezirksgericht Muri
Hat er vor oder nach der Fahrt getrunken? Betrunkener Autofahrer gesteht, widerruft und wird freigesprochen

Mit 1,35 Promille im Blut soll der Angeklagte vom Kanton Zug aus bis nach Rottenschwil gefahren sein. Dort wird er von der Polizei schlafend auf einem Parkplatz aufgegriffen. Sein anfängliches Geständnis widerruft er schon bei der Blutentnahme.

Pascal Bruhin
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Betrunken soll der Angeklagte vom Kanton Zug nach Rottenschwil gefahren sein. (Symbolbild)

Betrunken soll der Angeklagte vom Kanton Zug nach Rottenschwil gefahren sein. (Symbolbild)

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Mindestens 1,35 Promille Alkohol hatte der Beschuldigte intus. So viel steht fest. Was Gerichtspräsident Markus Koch Anfang dieser Woche jedoch am Bezirksgericht Muri herausfinden musste, war, ob der 59-Jährige mit diesem Alkoholspiegel auch Auto gefahren ist.

Gefunden wurde der Beschuldigte nämlich im April 2019 auf einem Parkplatz an der Kantonsstrasse in Rottenschwil. Schlafend wurde er von zwei Polizeibeamten überrascht. Eine Passantin hatte den Notruf gewählt, nachdem der Angeklagte nach drei Stunden noch immer auf dem Parkplatz stand und sie ein medizinisches Problem vermutete.

Zwei Kantonspolizisten weckten den Betrunkenen auf

Alkoholgeruch wehte den beiden Beamten entgegen, als sie die Autotür des BMWs mit Zuger Kennzeichen öffneten, um den Schlafenden zu wecken. Die Details zum Fall sind dem Polizeibeamten, der vor Gericht als Zeuge geladen wurde, nach über zwei Jahren nicht mehr präsent. Er habe sich den Fall erst wieder in Erinnerung rufen müssen, indem er den Polizeirapport von damals las.

Der Beschuldigte habe Krach mit seiner Ehefrau gehabt, hätte er damals gesagt. Er sei deshalb zu seiner Firma im Kanton Zug gefahren und habe dort eine Flasche Wein getrunken. Dann habe er sich zurück auf den Heimweg in Richtung Mutschellen gemacht. Unterwegs legte er auf dem Parkplatz in Rottenschwil eine Pause ein und schlief ein.

Während der Blutentnahme widerrief er sein Geständnis

Nachdem der erste Atemtest positiv ausfiel, begleiteten die beiden Kantonspolizisten den Mann zur Blutentnahme ins Spital Muri. Im Polizeiwagen wurde dem Angetrunkenen offenbar bewusst, in welcher Lage er steckte. Er habe den Polizeibeamten gefragt:

«Wie komme ich aus dieser Sache bloss wieder raus?»

Noch während der Blutentnahme widerrief der Beschuldigte dann kurzerhand seine Aussage. Er habe nicht vor der Fahrt getrunken, sondern erst auf dem Parkplatz in Rottenschwil angefangen Whiskey zu trinken.

Das glaubte ihm die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten nicht und stellte ihm einen Strafbefehl aus. Wegen «Führen eines Motorfahrzeuges mit qualifizierter Atemalkohol- oder Blutalkoholkonzentration» verurteilte sie ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 160 Franken (total 6400 Franken) und einer Busse von 1200 Franken. Gegen diesen Strafbefehl erhob der Beschuldigte Einsprache, weshalb der Fall vor Gericht landete.

Die Eingangstür zum Bezirksgericht im Klostergebäude in Muri.

Die Eingangstür zum Bezirksgericht im Klostergebäude in Muri.

Marc Ribolla

«Können Sie sich an jenen Tag im April 2019 erinnern?», fragte Gerichtspräsident Koch den Beschuldigten. Er habe an diesem Tag tatsächlich Probleme mit seiner Ehefrau gehabt, bestätigte der Unternehmer mit leiser Stimme. Er sei am Morgen ins Büro gefahren und habe dann um die Mittagszeit eine Flasche Whiskey gekauft, bevor er sich auf den Nachhauseweg machte.

Erst auf dem Parkplatz habe er angefangen zu trinken

«Irgendwann habe ich dummerweise angefangen zu trinken», meinte er kleinlaut. Dies allerdings nicht wie angeklagt vor seiner Abfahrt, sondern erst auf besagtem Parkplatz in Rottenschwil.«Nach einer gewissen Zeit sagte ich mir: ‹Was machst du hier eigentlich für einen Seich?›» Daraufhin habe er den Rest des Whiskeys ausgeleert und die Flasche im Abfallkübel am Parkplatz entsorgt. Dann sei er im Auto eingeschlafen.

«Warum sagten Sie den Polizeibeamten, Sie hätten vor der Fahrt eine Flasche Wein getrunken, wenn dem gar nicht so war?», fragte Gerichtspräsident Koch den Beschuldigten. «Ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe», erwiderte dieser. Und weiter:

«Ich habe nur gesagt, ich hätte zum Mittagessen ein Glas Wein getrunken, mehr nicht. Ich wollte erklären, warum es nach Alkohol roch.»

Für seinen Verteidiger stand fest, dass die Aussagen seines Mandanten glaubwürdig waren. Um die Polizei abzuwimmeln, habe er die Schutzbehauptung erstellt, er hätte ein Glas Wein getrunken gehabt. Danach habe er seine Aussagen «auf Anraten des Polizisten» widerrufen. Bis auf seine erste «Falschaussage» gäbe es zudem keine Beweise, dass der Beschuldigte sein Fahrzeug seit Trinkbeginn bewegt habe. Er sei deshalb «in dubio pro reo» freizusprechen.

Er hat vor der Fahrt getrunken, aber nicht zu viel

«Niemand sagt, er habe vorher getrunken, wenn es nicht stimmt», resümierte dann Gerichtspräsident Koch in der Urteilsverkündung. Koch war überzeugt, dass der Beschuldigte den halben Liter Wein vor seiner Abfahrt im Kanton Zug getrunken hatte. Er fügte aber an:

«Auch wenn man zu Ihren Ungunsten ausgeht, lässt sich nicht nachweisen, dass Sie betrunken gefahren sind.»

Denn bei seinem Gewicht käme er laut Berechnung bei fünf Deziliter Wein eine halbe Stunde vor der Fahrt auf einen Alkoholspiegel von 0,52 Promille, was knapp noch als Übertretung durchgehe. Dass der Beschuldigte danach auf dem Parkplatz weiter getrunken habe, stehe ausser Frage, zumal die leere Whiskeyflasche tatsächlich im Abfalleimer gefunden wurde. Doch das ist nicht strafbar, solange man nicht fährt. Von Schuld und Strafe sprach Koch den Angeklagten entsprechend frei.