Kinder sollen bereits in der Spielgruppe Deutsch lernen

Die Gemeinde Muri setzt sich mit einem Pilotprojekt für die Frühförderung von Kindern ein.

Eddy Schambron
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Ihr Konzept könnte auch andernorts Schule machen: Schulsozialarbeiter Martin Schneider, Arzt Cornel Stöckli und Gemeinderat Daniel Räber von der Integrationskommission Muri (von links).

Ihr Konzept könnte auch andernorts Schule machen: Schulsozialarbeiter Martin Schneider, Arzt Cornel Stöckli und Gemeinderat Daniel Räber von der Integrationskommission Muri (von links).

Bild: Eddy Schambron

Chancengleichheit in der Schule und später in der beruflichen Ausbildung fängt schon in der Spielgruppe an. Mit einem Pilotprojekt fördert deshalb die Gemeinde Muri den Zugang zu Spielgruppen und will so mithelfen, dass möglichst wenige Kinder mit sprachlichen Mühen oder Verhaltensauffälligkeiten in den Kindergarten eintreten. «Massnahmen in der frühen Kindheit sind nicht nur besonders wirksam, sondern auch finanziell günstiger als spätere Unterstützungen», unterstreichen Gemeinderat Daniel Räber, Schulsozialarbeiter Martin Schneider und Arzt Cornel Stöckli, alle auch Mitglieder der Integrationskommission. Für das dreijährige Pilotprojekt rechnet die Gemeinde mit Kosten von gegen 25000 Franken; gegenwärtig bieten in Muri vier Spielgruppen insgesamt 120 Plätze an.

Spielgruppen erhalten das ihr zustehende Gewicht

Der Ansatz ist einfach und pragmatisch, wie Räber ausführt: Die Gemeinde Muri richtet ab August 2020 Betreuungsbeiträge für Spielgruppenbesuche in der Höhe von 10, 20 oder 30 Prozent an Erziehungsberechtigte in bescheidenen Verhältnissen aus. Bei einer sozialen Indikation werden sogar 75 Prozent übernommen. Dabei ist die Bezugsberechtigung klar geregelt, damit kein Missbrauch entstehen kann. Die Kosten pro Spielgruppenmorgen und Kind betragen 20 Franken. «Die Spielgruppenleiterin erfährt auch nicht, wer diese Beiträge bezieht.» Auch andere Gemeinden sind mit dem Thema befasst, andernorts ist die Frühförderung sogar obligatorisch, etwa im Kanton Basel-Stadt. Noch nicht so weit ist der Kanton Aargau. «Wir wollten nicht länger darauf warten und haben einen Weg für unsere Gemeinde gesucht.» Schliesslich steht die Integration und die Frühförderung von Kinder auch im Leitbild der Gemeinde. Nach drei Jahren wird Bilanz gezogen. Ist dem Projekt Erfolg beschieden, wird die Einwohnergemeindeversammlung über einen entsprechenden dauerhaften Betrag abstimmen können.

Eine Sprache lernt sich leichter über das Spiel und das Lustprinzip. Cornel Stöckli, Arzt und Mitglied der Integrationskommission, weiss, dass für Chancengleichheit grundsätzlich Sprachkompetenz unabdingbar ist. «Schon im Alter bis vier Jahre lernen die Kinder sehr viel, nicht nur Sprache, sondern auch Sozialverhalten.» Vielen Eltern sei das zu wenig bewusst, gerade in bildungsfernen Familien. Entsprechend wichtig seien Spielgruppen, die offiziell noch nicht zur Schulbildung gehören. «In der Spielgruppe erworbene Sprachkompetenz kommt im Kindergarten zum Tragen.» Das unterstreicht Schulsozialarbeiter Martin Schneider: «Genauso wichtig wie die Betreuungsbeiträge ist die Wertschätzung der Spielgruppen durch das Pilotprojekt.» Sie seien ein wichtiger Bestandteil der Bildungskette.

Schlüsselpersonen weisen den Weg

Flyer in sechs verschiedenen Sprachen sollen die Erziehungsberechtigten auf die finanzielle Unterstützung beim Spielgruppenbesuch durch die Gemeinde aufmerksam machen. Noch wichtiger in diesem Pilotprojekt sind allerdings Schlüsselpersonen, sie sich dafür stark machen: Haus- und Kinderärzte beispielsweise, die Betreuerinnen der Mütter- und Väterberatung, die Jugend-, Ehe- und Familienberatung, einfach alle, die mit Eltern von kleinen Kindern in Kontakt kommen. «Da müssen wir noch Klinken putzen gehen», meint Räber.