Rudolfstetten/Zürich

Marathonläufer streitet mit Ingo Malm um teuren Eisbeutel

Ingo Malm sieht sich mit weiteren Vorwürfen konfrontiert: Ein Marathonläufer gibt an, dass der Arzt ihm Ende des letzten Jahres für einen Kühlbeutel 129 Franken verrechnete. Ingo Malm kontert.

Fabian Hägler
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Heinz Heer übertrat sich am Zürcher Silvesterlauf den Fuss und erhielt völlig unerwartet eine Arztrechnung von Ingo Malm. zvg

Heinz Heer übertrat sich am Zürcher Silvesterlauf den Fuss und erhielt völlig unerwartet eine Arztrechnung von Ingo Malm. zvg

Heinz Heer ist empört: «Dass Herr Malm mir 129 Franken für einen Kühlbeutel verrechnet, den ich fünf Minuten lang auf meinen geschwollenen Fuss drückte, ist reine Abzockerei», sagt der passionierte Läufer. Am letzten Zürcher Silvesterlauf, am 11. Dezember, verletzte er sich. «Ich wurde von einem Mitläufer so angestossen, dass ich mir bei einem Dolendeckel den Fuss übertrat», erinnert sich Heer.

Helfer begleiteten ihn in Richtung Ziel, wo Heer an einem Sanitätswagen vorbeikam. «Es ist im Sport bekannt, dass das Kühlen eines geschwollenen Fusses einen schnellen Heilungsverlauf fördert», sagt Heer. Deshalb fragte er nach einem Kühlbeutel, den er auch bekam.

Völlig unerwartete Rechnung

«Rund einen Monat später erhielt ich von der Familienpraxis Mutschellen-Bremgarten eine Rechnung von einem mir völlig unbekannten Arzt, der mir für einen sogenannten ‹Notfall› 129 Franken verrechnete», sagt Heer. Er rief in der Praxis von Ingo Malm an, «weil ich der festen Überzeugung war, dass es sich bei dieser Rechnung um ein Missverständnis handeln muss». Das Kühlen überlasteter Gelenke ist laut Heer «eine kostenlose Standard-Versorgung an jeder Sportveranstaltung». Er ergänzt: «Herr Malm hat sich bei mir nicht als kostenpflichtiger Arzt vorgestellt und war nicht von anderen Sanitätern zu unterscheiden».

Ingo Malm

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Heer betont, er habe auch bei der Firma Curabill, welche die Rechnungen für die Praxis von Ingo Malm ausstellt, «mehrmals darauf hingewiesen, dass der Rechnungsbetrag niemals richtig sein kann». Trotzdem erhielt ervon Curabill eine Rech-nung über 129 Franken, verbunden mit der Androhung, dass bei Nichtbezahlung dieses Betrages der Rechtsweg beschritten würde.

Malm verlangte Entschuldigung

Am 11. Mai meldete sich Ingo Malm schriftlich bei Heer. Der Arzt erklärte, Heers Unfallversicherung habe die Rechnung bezahlt, da «der Betrag korrekt ist und auch die Leistung korrekt erbracht wurde». Weil Heer aber den Organisator des Silvesterlaufs, den Krankenkassenverband Santésuisse, den Aargauer Ärzteverband, den Hausärzteverein Bremgarten und die Medien über den Fall orientiert hatte, verlangte Malm eine Entschuldigung. «Um ohne weitere rechtliche Auseinandersetzungen undgegebenenfalls Strafanträge die Sache abschliessen zu können, schlage ich vor, dass Sie an den gleichen Verteiler, den Sie verwendet haben, ihre Anschuldigungen einfach zurückziehen», forderte Ingo Malm.

Heer sieht aber keinen Grund, dieser Forderung nachzukommen. «Es war mir weder über die Praxis von Herrn Malm noch über Curabill möglich, eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, weshalb fünf Minuten Eisbeutel mit 129 Franken verrechnet wurden.» Heer ist der Ansicht, dass in seinem Fall der Notfalltarif nicht anwendbar sei. Dabei wird er unterstützt von Andreas Weisshaar, dem Präsidenten des Hausärztevereins Bremgarten. Er schrieb Heer, aus seiner Sicht hätten höchstens 18 Franken verrechnet werden dürfen.

Eisbeutel nicht separat verrechnet

Ingo Malm stellt die Vorgänge völlig anders dar. «Der leitende Rettungssanitäter hat mir Herrn Heer zur Untersuchung zugeteilt», hält er fest. Ob ein Patient einem Arzt oder einem Sanitäter vorgestellt werde, entscheide einzig der leitende Rettungssanitäter. «Wie üblich habe ich mich Herrn Heer als diensthabender Notarzt vorgestellt», erklärt Malm. Zudem sei er anhand der Rückenaufschrift «Notarzt» leicht von Sanitätern zu unterscheiden. Über die kostenpflichtige ärztliche Behandlung sei Heer informiert worden.

Der Arzt führt aus: «Ich habe den geschwollenen Knöchel von Herrn Heer eingehend untersucht.» Da eine Aussenknöchelfraktur bzw. ein Bänderriss nicht ausgeschlossen werden konnte, entschied er sich, Heer für eine radiologische Kontrolle ans Universitätsspital Zürich zu überweisen. «Die verrechnete Leistung bestand in der ärztlichen Untersuchung und der Kontaktaufnahme und Anmeldung des Patienten beim Universitätsspital Zürich», sagt Malm. Und: «Das Auflegen des Kühlbeutels auf einen verletzten, geschwollenen Knöchel ist in der Behandlung eingeschlossen, wird aber nicht separat verrechnet.»

Rechnung nach Tarmed erstellt

Malm hält fest, er habe seine Leistung exakt nach dem medizinischen Einheitstarif «Tarmed» abgerechnet. Er ergänzt: «Die Unfallversicherung von Herrn Heer hat meine Rechnung von 129 Franken ohne Beanstandungen beglichen.» Ein zu hoher Betrag wäre der Versicherung laut Malm aufgefallen und nie bezahlt worden. Malm hält fest: «Im Übrigen habe ich Herrn Heer mehrmals schriftlich erklärt, wie sich der Rechnungsbetrag zusammensetzt und wie die Tarmed-Abrechnung funktioniert.»

Die Aussage von Andreas Weisshaar, dass die Behandlung höchstens 18 Franken kosten dürfte, hat für Ingo Malm «überhaupt keine Aussagekraft». Er argumentiert: «Herr Weisshaar hat von diesem Fall keine Kenntnis, er war nicht vor Ort und kann deshalb die Behandlung und Abrechnung gar nicht einschätzen.»

Veranstalter entschuldigt sich

Bruno Lafranchi, OK-Präsident des Silvesterlaufs, hat sich per E-Mail bei Heer entschuldigt. Der Veranstalter werde «alles unternehmen, damit solche Vorfälle nicht mehr vorkommen», schrieb Lafranchi. Er könne aber nicht beurteilen, «wo die Grenze liegt zwischen einer normalen Hilfeleistung durch einen Sanitäter und einem Einsatz durch einen Arzt, der kostenpflichtig ist.» Lafranchi betont, dass der Rettungsdienst dem Patienten den nötigen Einsatz eines Arztes klar kommunizieren und ihn auf die Kosten aufmerksam machen müsse.

Auch der Aargauer Ärzteverband hat sich eingeschaltet. Geschäftsführerin Yolanda Peterhans informierte Heer, dass sein Fall in ein verbands-internes Verfahren aufgenommen wird, das gegen Ingo Malm läuft.