Wohlen

Sanierung oder Abriss? Beim Ringen um den «Chappelehof» gibt es eine Pattsituation

Die Kirchgemeindeversammlung diskutierte am Dienstagabend in Wohlen über die Gesamtsanierung oder den Abriss des «Chappelehofs» – das Ergebnis bleibt offen.

Christian Breitschmid
Drucken
Teilen
Die Mehrheit der Kirchgemeindemitglieder ist für die Sanierung des Chappelehofs, doch es fehlen die Mittel.

Die Mehrheit der Kirchgemeindemitglieder ist für die Sanierung des Chappelehofs, doch es fehlen die Mittel.

Christian Breitschmid

Kirchgemeindeversammlungen leiden heutzutage genauso unter Besucherschwund wie Gottesdienste. Die Römisch-katholische Kirchgemeinde von Wohlen hat sich diesem Trend am Dienstagabend deutlich entgegengesetzt. Nur wenige Stühle vorne links blieben frei, als sich die Stimmberechtigten im Chappelehof zusammenfanden, um über das weitere Geschick des Versammlungsortes zu diskutieren.

Das Traktandum Nummer fünf, «Diskussion über die Zukunft des Wohler ‹Chappelehofs› in seiner bestehenden Form», war sicher der Grund für das grosse Interesse. Die vorangehenden Traktanden wurden auch dementsprechend schnell abgehandelt und einstimmig angenommen: Protokoll vom Vorjahr, Jahresrechnung 2016, Budget 2018 mit Kirchensteuerfuss von 17 % und Genehmigung des Dienstbarkeitsvertrags betreffend vier Parkplätze auf dem Kirchenplatz.

Mit Abriss droht Konkurs

Kirchenpflegepräsident Josef Brunner wusste um die Brisanz des Chappelehoftraktandums. Darum erläuterte er zuerst die Spielregeln. Dann fasste er die Geschichte des Hauses und die Fakten zu dessen Gesamtsanierung kurz zusammen (siehe nachfolgende Box). Anschliessend bekam Harry Lütolf, als Stellvertreter der 40 Kirchgemeindemitglieder, die das Gesuch um diese Diskussion gestellt hatten, die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Für die Diskussion erbat sich Brunner grundsätzlich nicht mehr als eine Wortmeldung pro Versammlungsteilnehmer, diese gerne sachlich argumentierend oder als Frage gestellt und nicht länger als fünf Minuten.

Geschichte: Sanierung für 14 Millionen

Der Chappelehof gehört dem Verein St. Leonhard. Mit der Katholischen Kirchgemeinde ist eine Kostenbeteiligung vertraglich geregelt. Jetzt muss das vor 50 Jahren gebaute Zentrum für 14 Mio. Franken saniert werden. Der Verein kann das Projekt nicht alleine stemmen, die Kirchgemeinde soll für die Hälfte der Kosten aufkommen. Im Sommer hat die Kirchenpflege aber erklärt, sie erachte einen Neubau als sinnvoller und plädierte für den Abriss. Seither wird diskutiert. Eine Gruppe von engagierten Chappelehofbefürwortern hat als Erstes erreicht, dass an der Kirchgemeindeversammlung ausführlich diskutiert werden musste. (to)

Paul Huwiler, Präsident des Vereins St. Leonhard, ergriff vor der öffentlichen Diskussion das Wort, denn ihm war es wichtig, einige Aussagen der Kirchenpflege richtigzustellen. So sei, trotz finanzieller Beteiligung der Kirchgemeinde, allein der Verein St. Leonhard als Besitzer des Chappelehofs für das Haus zuständig. Im Weiteren prangerte Huwiler die Zahlen an, mit denen die Kirchenpflege argumentiere. Zahlen, so Huwiler, «die die Kirchenpflege im Rahmen ihres statutarischen Einsitzes im Vorstand des Vereins St. Leonhard bekommen hat und die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren». Wenn die Kirchenpflege sich aus Kostengründen nicht an einer Gesamtsanierung beteiligen wolle und einen Neubau vorschlage, so treibe sie den Verein St. Leonhard in den Konkurs und bleibe durch den vertraglich geregelten Heimfall auf Schulden und einem Haus sitzen, das sie dann noch für teures Geld abreissen müsse.

Während einer satten Stunde gaben sich die Versammlungsteilnehmer das Mikrofon weiter und betonten dabei immer wieder, dass der Chappelehof seiner Bestimmung als gemeinnütziger Ort des Zusammenlebens von Jung und Alt nach wie vor gerecht werde. «Das Haus ist in sehr gutem Zustand», beteuerte Chappelehofverwalter Andy Bächer und bestätigte, dass die kirchlichen Institutionen nach wie vor Räume im Chappelehof benützten, auch wenn die Kirchenpflege etwas anderes behaupte. Die kirchlichen Aktivitäten könnten gut in anderen Gebäuden der Kirchgemeinde stattfinden, wiederholte Brunner und ergänzte, dass es letztlich ein finanzielles Problem für die Kirchgemeinde werde, denn die voraussichtlich sieben Millionen, welche sie an die Gesamtsanierung beisteuern müsste, könne sie nicht aufbringen.

Gelungene, flexible Architektur

Architekt Urs Müller erinnerte sich, wie die meisten Votanten, an schöne Erlebnisse im Chappelehof. Das Haus sei aber mehr als ein Ort der Erinnerungen, es sei ein Stück mutiger und gelungener Architektur, das sehr flexibel nutzbar sei. Er verglich den Bau sogar mit Sainte-Marie de la Tourette von Le Corbusier. «Wenn das Geld für die Sanierung nicht da ist, dann reicht es auch nicht für einen Neubau», mahnte Müller. Er forderte die Kirchenpflege und den Verein St. Leonhard dazu auf, sich mit Sachverständigen an einen Tisch zu setzen und die Möglichkeiten einer Sanierung neu zu besprechen.

Immobilienspezialist Peter Feldmann betonte: «Ihr braucht keine Investoren, sondern Stifter.» Bevor sie aber Geldgeber suchen können, müssen die Vertragspartner nun erst einmal seriös die Bedürfnisse und Kosten abklären. Wenn dann alle notwendigen Erkenntnisse auf dem Tisch liegen, kann die Kirchgemeindeversammlung vielleicht im November 2018 über einen konkreten Antrag abstimmen.