Rudolfstetten
Von Taxifahrern und dem Klimawandel: Paar reist für drei Jahre nach Nicaragua

Marta Ostertag und Matthias Leuenberger haben drei Jahre in Nicaragua gelebt und gearbeitet

Timea Hunkeler
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Marta Ostertag (Mitte) kam als Ethnologin bei Workshops und der Erwachsenenbildung zum Einsatz.

Marta Ostertag (Mitte) kam als Ethnologin bei Workshops und der Erwachsenenbildung zum Einsatz.

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Einmal über den Tellerrand hinausblicken, einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen, dem Gewohnten den Rücken kehren. Das wollten Matthias Leuenberger und Marta Ostertag aus Rudolfstetten. Gemeinsam liessen sie sich auf ein dreijähriges Abenteuer in Nicaragua ein. «Wir wollten einfach drei Jahre ins Ausland. Die beiden Stellenausschreibungen bei Comundo, der Vermittlerorganisation, haben perfekt gepasst», erklärt Leuenberger. Der Ethnologe und Umweltwissenschaftler war bereits als Menschenrechtsbeobachter in Mexiko und hatte eine gewisse Vorstellung vom Grossraum Mittelamerika. «Sich für das Abenteuer Nicaragua vorzubereiten, war dennoch schwierig. Wir hatten zwar ein 20-seitiges Dokument zum Projekt, aber wir wussten nicht viel über das Land.» Spanisch konnten die beiden, einzig den nicaraguanischen «Slang» lernten sie dort.

In Nicaragua arbeitete Leuenberger mit den Organisationen vor Ort. «Von der Zentrale aus recherchierte ich Möglichkeiten für erneuerbare Energien, leitete Workshops oder arbeitete an Pilotprojekten.» Seine Partnerin kam als Ethnologin bei Workshops, Projekten und der Erwachsenenbildung zum Einsatz. «Obwohl die Leute sehr offen sind, waren sie anfangs kritisch. Das finde ich toll», sagt Leuenberger. Umso erfreulicher sei es, dass sie ein Projekt, bei dem der Umweltwissenschaftler mitwirkte, weiterführen: «Häufig kochen die Leute an offenen Feuerstellen. Das ist gesundheitsgefährdend, weil Frauen und Kinder den ganzen Tag im Rauch stehen. Wir haben mit ihnen Kochherde mit einem Kamin entwickelt, die besser für die Gesundheit sind und ausserdem nur noch die Hälfte Holz benötigen.»

Anderer Humor als die Schweizer

In den drei Jahren durchlebte das Paar, das in der Stadt Matagalpa gelebt hat, viele emotionale Höhen und Tiefen. «Es gab Momente, in denen wir uns gefragt haben: Was machen wir hier?», sagt Leuenberger. «Das Land ist etwa dreimal grösser als die Schweiz und kaum vergleichbar. Nicaragua ist tropisch, flach und agrarisch geprägt.» Auch die Menschen unterscheiden sich: «Die Nicaraguaner haben einen ganz anderen Humor und sind sehr offen. Auf dem Heimweg mussten wir immer mehr Zeit einrechnen, weil die Leute auf der Strasse noch reden wollten», lacht Leuenberger. «Und sie freuen sich über Regen.» Vor allem habe ihn das hohe Bewusstsein über den Klimawandel beeindruckt. «Sogar Taxifahrer reden darüber.»

«Dieses bunte Chaos fehlt uns»

«Während zwei Jahren gab es eine Dürreperiode. Das bereitete den Bauern grosse Probleme. Die Menschen dort sind diesen Auswirkungen ausgeliefert, denn sie besitzen die Mittel nicht, um etwas dagegen zu tun. Wir sahen auch Nutztiere, die am Strassenrand verendeten. Das ist uns enorm eingefahren», berichtet Leuenberger. Die guten Erinnerungen überwiegen jedoch. «Am meisten vermissen wir das Chaos und das bunte Leben. Das fängt bereits bei den Häusern an. Die Fassaden sind in allen Farben gestrichen. Zudem sind die Menschen viel lebensfroher, und man hat das Gefühl, in Nicaragua haben alle mehr Zeit. Es war sehr schön, das erleben zu können. Es ist etwas, das mich wohl immer wieder zum Schmunzeln bringen wird», sagt Leuenberger, der nun schon seit einem Monat wieder in der Schweiz ist. «Dieses bunte Chaos fehlt uns ein wenig im Alltag hier. Die Schweiz kommt mir im Vergleich dazu vor wie eine grosse Parklandschaft, so geordnet.»

Nun will das Paar wieder in der Schweiz Fuss fassen. Im Moment sei jedoch noch vieles offen. «Wir müssen uns zuerst wieder einleben.» Im Moment sei ihre Reiselust gestillt. «Einen weiteren Einsatz im Ausland schliessen wir aber nicht aus.»