Wohlen
«Früher war der Umgang menschlicher»: SP-Einwohnerrat Sepp Muff blickt auf seine 31 Jahre im Wohler Parlament zurück

Mit 78 Jahren zieht SP-Einwohnerrat Sepp Muff einen Schlussstrich und tritt von seinem letzten Amt zurück. Er war, mit Unterbrüchen, während 31 Jahren im Wohler Rat aktiv. Daneben war er Grossrat, amtete als Friedens- und Arbeitsrichter, war im Wahlbüro aktiv und setzte sich als Gewerkschafter für die Anliegen der Arbeiterschaft ein.

Nathalie Wolgensinger
Drucken
Sein Büro räumt Sepp Muff, er schliesst ab mit einer unglaublich langen politischen Karriere.

Sein Büro räumt Sepp Muff, er schliesst ab mit einer unglaublich langen politischen Karriere.

Nathalie Wolgensinger

Sepp Muff ist ein Sozialist von echtem Schrot und Korn. Die Sorgen und Nöte der Arbeiterinnen und Arbeiter sind ihm nicht nur vertraut, sie begleiteten den 78-Jährigen ein Berufsleben lang. Doch darob ist er weder verbittert noch wurde er zum Zyniker. Seine Voten im Wohler Einwohnerrat waren stets wohlüberlegt. Er trug sie in aller Ruhe vor und zielte nie mit galligen Spitzen gegen seine Ratskollegen.

Damit hob er sich besonders in den letzten Jahren wohltuend vom schnelllebigen und zusehends gehässiger werdenden Ratsgeschehen ab. Wer ist dieser Mann, der sein ganzes Leben in den Dienst der Politik und der Allgemeinheit stellte?

Lehrjahre sind keine Herrenjahre: Für Sepp Muff mehr als ein Sprichwort

Sepp Muff, geboren 1943, wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern in Muri, Fahrwangen und Wohlen auf. Er erzählt: «Nach der Schule wurde nicht lange Federlesens gemacht, wir mussten arbeiten gehen, meine Eltern konnten uns keine Ausbildung finanzieren.»

Mit diesem Bild kandidierte Sepp Muff für die Wahlen in den Einwohnerrat im Jahr 2017.

Mit diesem Bild kandidierte Sepp Muff für die Wahlen in den Einwohnerrat im Jahr 2017.

zvg

Seine Berufslaufbahn startete der damals 16-Jährige als Laufbursche in der Schuhfabrik Bally in Dottikon. Während der ersten Berufsjahre lernte er einzustecken. Er zeigt auf seinen etwas hervorstehenden Schneidezahn und sagt: «Ein älterer Arbeitskollege stiess mich voller Wucht gegen ein Regal. Dabei habe ich mir die beiden Zähne ausgeschlagen.» Das interessierte damals weder seine Vorgesetzten noch die Mitarbeiter. Er kommentiert:

«Das war halt einfach so, das waren andere Zeiten.»

Den jungen Sepp Muff hat es geformt. Er liess sich nicht mehr alles gefallen. Als der Meister ihn einmal mehr tadelte, sagte der junge Mann keck: «Wenn es euch nicht passt, dann kündige ich.»

«Ich war frech und liess mir nicht alles gefallen»

Er habe sich aufs Velo geschwungen, sei nach Wohlen zum Mittagessen geradelt und hätte dann in der Cellpack nach Arbeit nachgefragt, erzählt er schmunzelnd. Als ungelernter Arbeiter fand er damals sofort eine Stelle. Fortan war er als Hilfselektriker, als Angestellter auf dem Bremgarter Waffenplatz, bei der Kleiner AG und bei der heutigen Swisscom, damals noch PTT, angestellt. Er erzählt:

«Ich arbeitete nie länger als zwei, drei Jahre an einem Ort. Ich war frech und liess mir nicht alles gefallen.»

Ein Cellpack-Arbeitskollege war es, der ihn 1970 mit zu den Treffen der Naturfreunde nahm. Von da war der Sprung in die SP nicht mehr weit. Muff erzählt: «Viele Naturfreunde waren in der Partei, da lag es nahe, dass ich auch beitrete.»

Ein Blick ins Archiv zeigt einen etwas jüngeren Sepp Muff, der für seine Kandidatur wirbt.

Ein Blick ins Archiv zeigt einen etwas jüngeren Sepp Muff, der für seine Kandidatur wirbt.

Nathalie Wolgensinger

Zur selben Zeit kam auch seine berufliche Wende. Er wurde auf die Arbeiterschule in der Innerschweiz aufmerksam, wo damals die Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär möglich war. Sepp Muff tat dies und konnte wenig später seine erste Stelle in Lenzburg antreten. Hier hatte er seine Aufgabe gefunden. Er erzählt nicht ohne Stolz:

«Ich hatte unter anderem auch mit Kaspar Villiger zu tun, der damals noch die Stumpenfabrik führte.»

Das Verhandeln mit Arbeitgeber um möglichst gute Arbeitsbedingungen und entsprechende Entlohnung, das liebte er an seiner Arbeit.

Immer vorwärts, nie zurück

1979 begann die politische Karriere des zweifachen Vaters, die vergangene Woche erst ihr Ende nahm. Während 30 Jahren, mit einem Unterbruch von elf Jahren, sass er für die SP im Wohler Einwohnerrat, im Grossrat war er von 1985 bis 1993 und von 1995 bis 2001 aktiv.

Auf zwei A4-Seiten listet der begeisterte Bergsteiger sämtliche Kommissionen auf, in denen er während dieser langen Jahre mitarbeitete, sie zeigt seinen enormen Einsatz im Dienste der Allgemeinheit auf.

Woher nahm er die Motivation zu dieser Leistung? Er habe die Verantwortung geschätzt, die man als Einwohner- und Grossrat übernahm, erklärt er. Und auch die Herausforderung, immer wieder Neues zu lernen und aktiv zum Gemeinwohl beizutragen, seien seine Triebfedern gewesen. Als begeisterter Bergsteiger habe er stets nach dem Motto gehandelt: «Immer vorwärts, nie zurück.»

Die Politik, so zieht er etwas nachdenklich Bilanz, sei eine Lebensschule gewesen, die ihm Neues lernten. Er überlegt lange und fügt dann an:

«Mich ärgert es, dass im Einwohnerrat ein harscher Ton herrscht, keiner mag dem anderen etwas gönnen.»

Corona hat ihm den Entscheid leicht gemacht

Immer wieder kommt er auf den rauen Umgang im Wohler Rat zu sprechen. Er hadert damit. Früher, so stellt er fest, sei die Art und Weise, wie die Einwohnerräte miteinander diskutierten, menschlicher gewesen.

Sepp Muff hat vieles gesehen und gehört in seiner langen politischen Laufbahn. Am meisten geprägt habe ihn aber die Arbeit als Friedensrichter von 2003 bis 2013. Er erzählt: «Da hatte ich Zeit, mich mit den Menschen zu befassen und den Dingen auf den Grund zu gehen.» Auch als Arbeitsrichter war der Gewerkschaftssekretär aktiv, nämlich von 1985 bis 1997.

Einer seiner Leitsprüche, die ihn durch die Jahre begleitet haben.

Einer seiner Leitsprüche, die ihn durch die Jahre begleitet haben.

Nathalie Wolgensinger

Im Verlauf der letzten Jahre hat sich Muff von allen seinen Ämtern getrennt. Zuletzt nun noch von seinem Sitz im Einwohnerrat. Die Zeit sei reif dazu und Corona habe ihm den Entscheid zusätzlich erleichtert. Der 78-Jährige will fortan die Zeit mit seiner Lebenspartnerin geniessen.

Er blättert nachdenklich durch einen Ordner, in dem er Grossratsunterlagen abgelegt hat, und kommentiert: «Ich glaube, ich habe in den letzten Jahren genug geleistet.»

Aktuelle Nachrichten