Wohlen
Was fehlt den Jungen in Wohlen? Vier Fragen an die jüngsten Kandidaten der Einwohnerratswahlen

Die AZ Freiamt stellt die jeweils jüngsten Einwohnerratskandidaten der Wohler Parteien und politischen Vereinigungen vor. Die Jungpolitiker beziehen Stellung und geben mit ihren Antworten Einblick in ihre politischen Ansichten. Einer der insgesamt acht angefragten Kandidaten verzichtete auf die Teilnahme an der Umfrage.

Nathalie Wolgensinger
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Was treibt die jungen Leute in die Wohler Politik? Was wünschen sie sich für die Gemeinde? Die Antworten sind vielfältig und überraschend.

Philipp Bürgi, 21, Student Rechtswissenschaften und Mitarbeiter einer Kanzlei – GLP

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Philipp Bürgi, Einwohnerratskandidat GLP.

Philipp Bürgi, Einwohnerratskandidat GLP.

zvg

Philipp Bürgi: Ich bin in einer Lehrerfamilie aufgewachsen, so ist es verständlich, dass mich das Thema Schule und Bildung schon von klein auf begleitet. Heute studiere ich Rechtswissenschaften und mir wurde immer wieder – auf meinem ganzen schulischen Weg – von neuem bewusst, wie wichtig ein gutes Bildungssystem ist. Natürlich sind es KMU, die das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Aber ohne innovative, junge Frauen und Männer läuft irgendwann gar nichts mehr. Die Politik macht Bildung und deshalb mache ich mit.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Ich bin seit gut zwei Jahren ein aktives Mitglied bei den Grünliberalen. Die GLP ist eine junge Partei, das merkt man. Die internen Strukturen sind noch nicht festgefahren und die Mitglieder haben die Möglichkeit, auch mal eine andere Meinung zu vertreten als die Partei. Es geht bei der GLP weniger darum, provokante Slogans auf ein Wahlplakat zu drucken, sondern vielmehr, pragmatische und ideologiefreie Lösungen zu finden. Das führt dazu, dass die GLP zwar keine laute Partei ist, aber eine, – und das sieht man auch an unserer diesjährigen Liste – in der sich nicht Politiker, sondern Menschen treffen.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Wohlen hat ein Finanzproblem und das ist jedem bewusst, der mal eine Einwohnerratssitzung besucht hat. Dass dies den Mitgliedern des momentanen Einwohnerrats nicht gefällt, ist offensichtlich. Es sind aber nicht die Einwohnerrätinnen und Einwohnerräte, die davon am stärksten betroffen sein werden, sondern all die jungen Menschen, die in Wohlen die Schule besuchen oder eine Lehre machen. In gewissen Bereichen darf nicht gespart werden, weil sie zwar kurzfristige finanzielle Verschnaufpausen bringen, aber langfristig noch viel höhere Kosten verursachen (Stichwort: Halde). Andererseits muss man in gewissen Bereichen – angesichts der finanziellen Lage von Wohlen – den Gürtel künftig enger schnallen (Stichwort: Bahnhofsfest).

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Vor einigen Jahren hat man in Wohlen in einer berühmt-berüchtigten Abstimmung entschieden: «Wohlen ist und bleibt ein Dorf!» Das Ergebnis mag einem gefallen oder nicht. Unabhängig davon versteckt sich in diesem Resultat implizit: «Wir wollen keine graue Stadt werden!» Wir wollen keine Gemeinde sein, die langsam in der Anonymität versinkt und von grossen, klotzigen Gebäuden übersäht wird. Diesem «Bedürfnis des Volkes» wurde meiner Meinung nach noch zu wenig Rechnung getragen. Der Einwohnerrat kann die massgeblichen Weichen stellen, dass man wieder stolz sein kann zu sagen: «Ich bin ein Wohler und ich bleibe hier!»

Christian Gugenberger, 38, Salesmanager – Dorfteil Anglikon

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Christian Gugenberger, Einwohnerratskandidat Dorfteil Anglikon.

Christian Gugenberger, Einwohnerratskandidat Dorfteil Anglikon.

zvg

Christian Gugenberger: Nein, aber als junger Familienvater mit zwei Kindern befasst man sich automatisch vermehrt mit der Politik. Denn unsere heutigen Entscheidungen betreffen die kommenden Generationen und damit vor allem unsere Kinder. Gerade die Kinder sind die Zukunft und das Kapital unserer Gesellschaft. Ich möchte die anstehenden Veränderungen in unserer Gemeinde nicht nur kritisieren, sondern positiv aktiv mitgestalten. Konkret geht es dabei vor allem um Kindergarten, Schulen, Weiterbildungen, Vereine und die Infrastruktur des immer grösseren Verkehrsaufkommens.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Ich und meine Frau sind seit mehreren Jahren im Dorfverein Anglikon dabei. Wir wohnen bereits in Anglikon und unsere Kinder gehen hier zur Schule, es war naheliegend, dass wir dem Verein beigetreten sind. Der jeweilige Einwohnerrat des Dorfteils Anglikon betreibt eine sachliche, ehrliche und konstruktive Politik. Wir sind neutral und verfolgen deshalb auch keine politischen Partei-Programme. Unsere Verpflichtung gilt ausschliesslich Anglikon und der Gemeinde Wohlen. Unsere Wahlen zeigen immer wieder, dass wir für alle Parteien wählbar sind.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Die Zukunft wird nicht beginnen, die Zukunft hat bereits begonnen. In den letzten Jahren hat sich Wohlen sehr schnell entwickelt, diese Entwicklung ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Wichtige Zukunftsprojekte stehen an, daran möchte ich aktiv mitwirken. Wir müssen das Machbare vom Wünschenswerten trennen. Mir liegt neben Schulen, Kinderkarten, Weiterbildungen, Vereinen auch der Finanzhaushalt am Herzen, denn bis heute ging die Verschuldung nur nach oben. Hier will ich anpacken und meinen Beitrag leisten, mir schwebt die Ansiedelung von Arbeitsplätzen und die Förderung von attraktiven Wohnquartieren vor. Unternehmerisches Denken ist wichtiger denn je. Wohlen kann sich nicht alles leisten, das muss die Politik noch lernen.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Was Wohlen bereits heute zu bieten hat, ist grossartig und lässt fast keine Wünsche offen. Wir haben alles, was das Herz begehrt. Ich spreche von den sensationellen Infrastrukturen wie Eishalle, Minigolfanlage, Schwimmbad, Bibliothek, Schulen bis hin zu Fussball- und Tennisplätzen. Natürlich haben auch wir Hausaufgaben, wir müssen uns stetig verbessern. Ein Anliegen ist mir die Integration der Gesellschaft, speziell in die Vereine, denn genau diese Vereine leisten einen hohen Beitrag an die Lebensqualität und Atmosphäre, die Wohlen so spannend machen.

Aline Knoblauch, 24, Sachbearbeiterin Sozialwesen – Die Mitte

Aline Knoblauch, Einwohnerratskandidatin Die Mitte.

Aline Knoblauch, Einwohnerratskandidatin Die Mitte.

zvg

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Nein, nicht per se ein Erlebnis oder eine besondere Abstimmung. Es ist einfach wertvoll, dass wir in der Schweiz mitbestimmen und mitentscheiden können. Dabei würde ich gerne mitwirken.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Motiviert durch Freunde und Bekannte trat ich vor vier Jahren der Ortspartei Die Mitte Wohlen bei. Die Sachpolitik der Mitte entspricht meinen Wertvorstellungen.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Voll und ganz stehe ich hinter den Parteizielen (Verkehr verlagern, Gesundheitsvorsorge, Tagesschulen, moderne Infrastruktur). Weiter liegt mir die Sicherheit um das neue Bahnhofareal am Herzen.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Im Grossen und Ganzen vermisse ich nichts. Viel wichtiger erscheint mir, das Wertvolle (Sportanlagen, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, vielfältige Vereinsangebote) zu pflegen, zu erhalten und die Finanzierung sicherzustellen.

Francine Koch, 21, Bankberaterin – FDP

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Francine Koch, Einwohnerratskandidatin FDP.

Francine Koch, Einwohnerratskandidatin FDP.

zvg

Francine Koch: Die 99%-Initiative war eine der neusten Volksinitiativen, die mich politisiert haben. Die Initiative wurde mit 64,88% abgelehnt. Für mich zeigte sich dabei jedoch wieder, dass eine Stimmbeteiligung von knapp 52% zu tief ist und dass wir uns nur selbst schaden mit solchen Initiativen. Ich wünsche mir vom Stimmvolk eine höhere Beteiligung – Politik betrifft uns alle. Deshalb habe ich mich entschieden, für den Einwohnerrat zu kandidieren.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Offiziell bin ich neues Mitglied. Ich verfolge die Partei und deren Kampagnen schon seit einiger Zeit. Für die Partei entschieden habe ich mich aus diversen Gründen. Einerseits war mein Vater jahrelang selbst Unternehmer und Kassier bei der FDP in Wohlen. Das hat mich sicherlich geprägt. Ein weiterer Grund ist die Identifikation mit den Werten der Partei: Freiheit, Gemeinsinn, Fortschritt. Ich befürworte eine Politik, in der Selbstverantwortung im Mittelpunkt steht.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Mein Hauptanliegen ist eine effizientere Finanzpolitik. Ich möchte mich einsetzen, dass mit dem vorhandenen Kapital besser gewirtschaftet wird. Als Gewerbekundenberaterin bin ich tagtäglich mit KMU in Kontakt, deshalb ist es mir wichtig, mich für unsere Unternehmerinnen und Unternehmer starkzumachen. Sie sind entscheidend für ein wachsendes Wohlen. Auch der Umweltschutz ist mir ein Anliegen. Ich unterstütze einen wirtschaftlichen Umweltschutz und pragmatische Lösungen.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Dynamik, neue Ideen, frischer Wind. Aus meiner Sicht sollte in der Politik, wie in einem Gefäss des Einwohnerrates, unsere Bevölkerung in Wohlen realitätsgetreu vertreten sein. Dazu gehört für mich auch die junge Bevölkerung. Das Erfolgsrezept für eine funktionierende und zufriedenstellende Politik besteht für mich aus einem guten Mix der Vertreter, sodass möglichst viele verschiedene Meinungen vertreten und angehört werden.

Noel Walser, 20, Fachmann Gesundheit EFZ, in Ausbildung – SVP

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Noel Walser, Einwohnerratskandidat SVP.

Noel Walser, Einwohnerratskandidat SVP.

zvg

Es gab eine Abstimmung, bei der ich sagte: Doch, ich will in die Politik und mich für die Schweiz und deren Souveränität einsetzen. Dies war die Selbstbestimmungsinitiative. Denn ich bin der Meinung, dass die Schweiz an erster Stelle stehen soll und nicht von aussen her kontrolliert bzw. eingeschränkt werden darf. Denn für mich stehen die Schweiz und unsere Gesetze an erster Stelle und diese sollten wir in der Schweiz auch vertreten. Diese Abstimmung hat mich politisiert.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Bei der SVP Wohlen bin ich seit dem Frühsommer dieses Jahres Mitglied und wurde im Juni auch in den Vorstand der Partei gewählt. Ich habe mich für die SVP entschieden, weil sie die Normen und Werte der Schweiz vertritt und sich auch für diese einsetzt. Ausserdem verfolgt die SVP ihren Kurs klar und weicht nicht von deren Spur ab. Die SVP vertritt auch klar den Mittelstand und die ärmeren Schichten in diesem Land und setzt sich für diese ein. Auch wahrt die SVP die Souveränität der Schweiz.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Ich würde mich für eine starke Jugend engagieren. Ebenfalls wichtig ist mir eine starke Sicherheitspolitik. Auch ein Anliegen für mich ist, dass es keine Steuererhöhungen gibt. Auch sollten Strom, Gas, Wasserpreise nicht erhöht werden. Ich würde mich sehr für eine gute Gesundheitspolitik einsetzen. Ausserdem muss man das Zentrum Wohlen in seiner Verkehrslage entlasten. Denn momentan herrscht in Wohlen ein grosses Verkehrschaos, unter dem das ganze Dorf leidet.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Mir fehlt, dass Wohlen bezüglich öffentlichen Bahnverkehrs nicht so stark vernetzt ist. Denn es gibt nur Morgen- und Abendzüge, welche direkt nach Zürich gehen. Man könnte dieses Angebot ausbauen, und dies könnte Wohlen auch attraktiver machen. Was mir persönlich auch fehlt, ist der ehemalige Sitz der Kantonspolizei Aargau hier. Denn Wohlen ist eine der grössten Gemeinden im Aargau und sollte daher auch einen Kapo-Sitz haben, welcher damit auch die Sicherheitsstandards erhöhen würde.

Barbara Wüthrich, 26, Sozialarbeiterin FH – Grüne

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Barbara Wüthrich, Einwohnerratskandidatin Grüne.

Barbara Wüthrich, Einwohnerratskandidatin Grüne.

zvg

Während meines Studiums in Bern habe ich mich durch die Teilnahme an Demonstrationen nochmals mehr für die eigene Mitwirkung im politischen System begeistern können. Ich habe an diversen Klimademos teilgenommen und mich gegen soziale Ungerechtigkeit eingesetzt. Besonders beeindruckt hat mich der Frauenstreik 2019. So viel positive Energie und Solidarität, vereint und gebündelt, war ein unglaublich schönes Erlebnis.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben Sie sich für diese Partei entschieden?

Seit ich wählen darf, habe ich die Grünen gewählt. Als ich mich entschieden habe, dass ich in Wohlen aktiv in der Politik werden möchte, war für mich sofort klar, dass dies bei den Grünen sein soll. Die Grünen in Wohlen vertreten meine Anliegen und Werte. Sie setzen sich für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen ein, sodass ein Leben in Wohlen auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten für uns und auch die nachfolgenden Generationen lebenswert ist.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Ich setze mich für eine nachhaltige Politik mit Weitsicht ein. Wir müssen jetzt etwas gegen den Klimawandel tun, damit noch Chancen bestehen, das Schlimmste abzuwenden. Es ist wichtig, dass auf internationaler Ebene etwas getan wird gegen den Klimawandel. Es ist aber auch unverzichtbar, dass jede und jeder seinen eigenen Beitrag dazu leistet. Darum muss bereits auf lokalpolitischer Ebene der Grundstein für eine nachhaltige Zukunft gelegt werden. Ein zweites Thema, welches mir am Herzen liegt, ist die Gleichstellung, dafür kann und muss noch viel getan werden.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Wohlen braucht Grünflächen, unversiegelte Böden und einen Plan, wie mit den Veränderungen, welche durch den Klimawandel kommen werden, umgegangen werden soll. Dazu gehört auch eine hitzeangepasste Siedlungsplanung. Wohlen soll attraktiv sein und bleiben. Dies funktioniert nicht, wenn wir alle offenen Flächen zubauen und eine Betonwüste entstehen lassen. Dies ist weder für die Menschen noch für die Natur ein Gewinn.

Vera Zimmermann, 20, Klavierbauerin in Ausbildung – EVP

Gibt es ein Erlebnis oder eine Abstimmung, die Sie politisiert hat?

Vera Zimmermann, Einwohnerratskandidatin EVP.

Vera Zimmermann, Einwohnerratskandidatin EVP.

zvg

Bei uns zu Hause wurde ich schon früh in Gespräche über die Politik miteinbezogen und fand es immer spannend. Nun würde ich gerne selber aktiver werden.

Seit wann sind Sie Parteimitglied und weshalb haben sie sich für diese Partei entschieden?

Ich bin noch nicht Parteimitglied. Die EVP politisiert auf der Basis der christlichen Grundwerte, die mir wichtig sind. Schon seit meiner Kindheit bin ich in der reformierten Kirche aktiv und darum spricht mich diese Partei besonders an.

Falls Sie gewählt werden, welche Anliegen vertreten Sie?

Zum einen möchte ich meinem Wahlslogan treu bleiben: «Der Jugend eine Stimme geben». Auch möchte ich mich für nachhaltige Lösungen einsetzen. Mir ist ausserdem Chancengleichheit in der Bildung ein wichtiges Anliegen.

Was fehlt Ihnen in Wohlen?

Meiner Meinung nach hat Wohlen bereits fast alle wichtigen Einrichtungen und Angebote. Eine attraktive Fussgängerzone mit schönen Geschäften und Orten zum Verweilen, beispielsweise ein Café und Sitzmöglichkeiten im Grünen, würde unser Dorf aufwerten.

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