Rheinfelden

Der GI und der spezielle Puppenwunsch von Annemarie Pieper

Die 75-jährige Philosophin Annemarie Pieper erklärt, wie ihre Erinnerungen an das Ende des Krieges mit ihrer Puppe Tom zusammenhängen.

Thomas Wehrli
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«Meine Mutter überliess mir das Guetslibacken noch so gerne»: Annemarie Pieper blättert in alten Erinnerungen. zvg

«Meine Mutter überliess mir das Guetslibacken noch so gerne»: Annemarie Pieper blättert in alten Erinnerungen. zvg

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Weihnachten 1952. Annemarie Pieper, 11, kann es nicht fassen. Seit sieben Jahren, seit sie vier war, hat sie sich eine ganz spezielle Puppe Jahr für Jahr zu Weihnachten gewünscht. Unter dem Baum lag stets anderes. Und nun sitzt er da, Tom, wie sie die Puppe spontan tauft, und starrt sie mit seinen pechschwarzen Augen an. «Ich war zwar mit elf schon aus dem PuppenSpiel-Alter heraus», erzählt die heute 75-jährige Philosophin. «Doch ich freute mich riesig über Tom.»

Tom war schwarz.

Der Wunsch nach einer Puppe mit dunklem Teint geht auf eine Begegnung am Kriegsende zurück. Auf Anordnung des Regimes verlässt die Familie – Annemarie, ihre Mutter, die Tante und deren Kinder – Düsseldorf, fährt nach Berlin und bekommt da Wohnraum im vierten Stock eines Hauses zugeteilt. Jedes Mal, wenn der Bombenalarm losdröhnt, eilen alle in den Keller; «das war oft mehrmals am Tag». Noch heute, so erzählt Pieper am Salontisch in Rheinfelden, noch heute zucke sie jedes Mal zusammen, wenn irgendwo eine Sirene losgehe.

Die Mutter will zurück nach Düsseldorf, zurück in ihre Wohnung. Den Mann hat sie im Russlandfeldzug, 1942, bereits verloren; sie will nicht noch mehr verlieren. Sie überlegt nicht lange, packt Annemarie unter den Arm und nimmt die 550 Kilometer auf sich. Am 15. April 1945 kommt sie in Düsseldorf an. Zwei Tage später ziehen die amerikanischen Truppen ein. Der Krieg ist zu Ende – zumindest in Düsseldorf. Die Stadt liegt nach fast 250 Bombenangriffen in Schutt und Asche, die amerikanischen Soldaten durchstreifen die Quartiere.

Augen blitzten auf

Und da steht er vor ihr, der Soldat, dessen Namen sie nicht kennt. Riesig ist er, «zumindest aus meiner Kinderperspektive», und pechschwarz. Er strahlt sie an, seine Augen blitzen. Sie steht mit offenem Mund da, geht auf ihn zu, berührt ihn, «um zu sehen, ob die Farbe echt ist». Gesehen hatte sie bis dahin noch nie einen Menschen mit anderer Hautfarbe.

Der GI lächelt, holt Schokolade hervor und verteilt sie. Man verständigt sich mit Händen und Füssen, denn niemand spricht Englisch. «Ich futterte darauf los», erzählt Pieper. «Denn ich dachte: Wenn ich nur genügend Schokolade esse, dann werde ich auch so eine Hautfarbe bekommen.»

Es sollte nicht klappen – dafür klappte es, sieben Jahre später, mit der Puppe, die fortan Lotta und Teddy (siehe kleines Bild) Gesellschaft leistete. Der Name sei ihr spontan eingefallen, erzählt sie, wohl wegen des Romans «Onkel Toms Hütte».

Ihren Tom liebt Annemarie Pieper heiss und er ist auch dabei, als sie aus der elterlichen «Hütte» auszieht, ist beim Studium in Saarbrücken dabei, bei der Habilitation in München ebenso. Er hat einen Ehrenplatz auf ihrem Pult. Sie lacht. «Hier kaufte ich ihm bayrische Lederhosen und ein Hütchen mit Gamsfeder.»

Irgendwann ging Tom verloren. Geblieben ist Pieper, die seit 1988 in Rheinfelden lebt, bis heute die Faszination für aussgergewöhnliche Gesichter. «Und die Sucht nach Schokolade», fügt sie schmunzelnd an.

Weihnachten, das ist für sie bis heute das Fest der Lichter («sie bringen Wärme in eine Zeit, in der die Sonne fehlt») und der Gerüche. Für viele dieser Duftmarken war sie als Kind selber zuständig: Sie war die Bäckerin in der Familie, stand liebend gerne in der Küche und zauberte allerlei Sorten Guetsli aus dem Ofen. «Meine Mutter überliess mir das Guetslibacken noch so gerne», erinnert sie sich. «Sie sagte einmal zu mir: Da ist das Gen deines Vaters auf dich rübergesprungen.» Denn ihr Vater, der in den Krieg ziehen musste, kaum war sie auf der Welt, und der nie mehr nach Hause kam, der eine riesige Lücke hinterliess, hatte in der Erstausbildung eine Konditorlehre gemacht.

Heute zieht es Annemarie Pieper über die Festtage oft nach Sylt, wo sie eine Ein-Zimmer-Wohnung hat. Es sei ihr wohl da, sagt sie. Sie ist da eins mit sich, den Menschen, die sie seit langem kennt («viele sind es nicht mehr»), und dem Meer. Oft spaziert sie dem Meer entlang, spricht mit ihm, lässt Dinge, die längst vergangen sind, wieder aufleben. Zum Beispiel Tom.