Fricktal

Diese Denkmäler strahlten über die Region hinaus

Wer wichtig ist, wird verewigt. Eine Spurensuche im Fricktal nach Denkmälern und denkmalverdächtigen Personen.

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
Agnes von Rheinfelden sitzt seit 2015 auf der Brücke in Rheinfelden. Sie ist die Stammmutter der Zähringer. Henri Leuzinger
4 Bilder
Fricktaler Denkmäler mit Ausstrahlung über Region hinaus
Ein Gedenkstein erinnert daran, dass Sebastian Fahrländer am 22. September 1798 das Bürgerrecht von Münchwilen erhielt.
Vandalen haben Nepomuk bereits mehrmals den Sternenkranz vom Haupt gerissen.

Agnes von Rheinfelden sitzt seit 2015 auf der Brücke in Rheinfelden. Sie ist die Stammmutter der Zähringer. Henri Leuzinger

Henri Leuzinger

Was wäre, wenn Martin Luther, der Reformator, dessen Thesenanschlag an die Kirche zu Wittenberg sich in diesem Jahr zum 500. Mal jährt, ein Fricktaler gewesen wäre? Die Tourismusbranche würde, tausend Engeln gleich, frohlocken, das Gewerbe zum Dauer-Halleluja ansetzen und an jeder Ecke stünde so ein Luther. In Bronze, in Holz, in Marmor, in Stein. Luther-Bibeln, Luther-Playmobilfiguren, Luther-Schnäpse, Luther-Socken – alles gäbe es zu kaufen, alles natürlich garantiert echt.

Doch wir haben keinen Luther. Und auch sonst kaum Figuren, mit denen sich ein derartiger Denkmal-Hype inszenieren liesse. «Die Denkmaldichte im Fricktal ist eher dürftig», erstickt Historiker Linus Hüsser die Hype-Hoffnungen im Keim. «Es gab nur wenige Figuren, die über die Region hinaus ausgestrahlt haben und denen dann auch ein Denkmal gesetzt wurde.»

Es gab keinen Johann Heinrich Pestalozzi, es gab auch keinen Heinrich Zschokke. Immerhin, dies als kleiner Trost: Zschokke hatte das Ueker Bürgerrecht. «In Ueken selber war er nie. Die Ueker haben es ihm einfach verliehen», sagt Hüsser.

Wir geben nicht auf, graben tiefer und noch tiefer in der Geschichte – und werden fündig, sowohl auf der Zeit- wie auf der Lokalachse. «Es gab durchaus Personen, die in den eigenen Ortschaften eine Bedeutung hatten», sagt Hüsser und nennt als Beispiel Karl Borromäus Häseli, Pfarrer von Herznach, «Freund der Armen».

Auf der Zeitachse finden sich dann doch auch einige berühmte Fricktaler, denen ein Denkmal gesetzt wurde oder doch zumindest eine Gedenktafel. Immerhin. Allen voran natürlich die Gebrüder Sebastian und Karl Fahrländer, denen es das Fricktal zu verdanken hat, dass es einst ein eigener Kanton war – wenn auch nur für wenige Monate. Ein Stein beim Gemeindehaus erinnert in Münchwilen an Sebastian Fahrländer, der sich 1798 im Dorf einbürgern liess. «Ihm ist es zu verdanken, dass das Fricktal eine Einheit blieb», so Hüsser.

Die ersten Regierungsräte

Ebenfalls als «Persönlichkeiten mit einer Ausstrahlung über die Region» bezeichnet Hüsser Johann Karl Fetzer und Franz Josef Friedrich. Die beiden sassen als erste Fricktaler ab 1803 im Regierungsrat – dann also, als der Traum vom eigenen Kanton geplatzt war.

Ein Denkmal bekam auch Karl Fricker, einer der grossen Förderer des Vereinsturnens. Zu dumm nur: Den Wittnauer zog es alsbald nach Aarau – und so steht auch seine Büste in der Kantonshauptstadt. Frick widmete seinem berühmtesten Sohn, Sir Arnold Theiler, immerhin einen Weg. Theiler wanderte 1891 nach Südafrika aus und machte sich dort unter anderem im Kampf gegen die Pocken verdient. Er wurde 1914 vom britischen König Georg V. zum Ritter geschlagen.

Womit wir in einer Zeit angelangt sind, der Ritterzeit, in denen es doch einige bedeutende «Fricktaler» gab. Den Einwand von Hüsser, dies seien weniger Denkmäler denn (Verherrlichungs-)Statuen, überhören wir geflissentlich. Allen voran ragt hier natürlich Rudolf von Rheinfelden aus der Reihe der Fricktaler Ahnen; Rudolf brachte es bis zum König, wenn auch nur für drei Jahre. Dann verlor er in einem Kampf das Leben und vorab seine Schwurhand: Sie wurde ihm abgehackt. Harte Sitten. «Das Fricktaler Museum ist seit rund drei Jahren im Besitz eines Replikats der abgeschlagenen Schwurhand», sagt Stadtschreiber Roger Erdin. Die mumifizierte Original-Hand liegt im Dom von Merseburg. In der Kapuzinerkapelle ist zudem ein Abguss von Rudolfs Grabplatte ausgestellt. «Der Abguss der Grabplatte wurde auf abenteuerliche Weise aus der Stadt Merseburg in der damaligen DDR in die Schweiz geschmuggelt», weiss Erdin.

Rudolfs Tochter Agnes, der «wichtigsten Frau Rheinfeldens» (Erdin), hat die Stadt vor knapp zwei Jahren ein lebensgrosses Denkmal gesetzt. Sie gilt als die Stammmutter des Zähringergeschlechts, was durchaus seine Schattenseite hatte: Agnes wurde im Alter von nur zwölf Jahren aus besagten dynastischen Gründen mit Berthold II von Zähringen verheiratet. Sie gebar mindestens sieben Kinder und sicherte so den Fortbestand des Geschlechts.

Das Denkmal steht auf der Rheinbrücke, dort also, wo die Städte ihre Heiligen gerne hinzustellen pflegen. In Stein wacht der Heilige Fridolin auf der Holzbrücke, in Laufenburg ist es Johannes Nepomuk, ein böhmischer Priester und Märtyrer, der 1729 vom Papst heiliggesprochen wurde.

Von der Brücke gestürzt

Nepomuk wurde 1393 in Prag von der Karlsbrücke in die Moldau gestossen und ertränkt. Fünf Flammen sollen die im Wasser treibende Leiche umringt haben. Deshalb wird Nepomuk gerne mit fünf Sternen dargestellt, was in Laufenburg schon das eine oder andere «Sternefoifi!» hervorgerufen hat. Denn Vandalen haben Nepomuk den Sternenkranz schon mehrmals vom Haupt gerissen, was dann jedes Mal den Kaister Künstler Daniel Waldner auf den Plan ruft. Ihm obliegt es jeweils, den Kranz wieder zu befestigen, letztmals vor wenigen Wochen.

«Früher stellte man Heiligenstatuten auf, um ihnen nachzueifern», sagt Hüsser, womit, auch dies sei vermerkt, nicht das Ertränken gemeint ist. «Heute dagegen setzt man verdienten Persönlichkeiten ein Denkmal.» Ihnen nachzueifern, macht nicht in allen Fällen Sinn.

Nepomuk beweist noch etwas: Nicht alle Denkmäler und Statuen haben einen erfreulichen Hintergrund. Besonders tragisch ist jener der Gedenkstätte auf dem Friedhof in Wegenstetten. Er erinnert an ein Drama in Hellikon. 1875, an Weihnachten, stürzte hier das Treppenhaus ein, just dann, als mehr als hundert Personen, darunter viele Kinder, zur Weihnachtsfeier wollten. 76 Personen, vorab Kinder, kamen dabei ums Leben. Die Untersuchung des Unglücks brachte ans Licht, dass die Treppe wegen schwerwiegender Konstruktionsmängel eingestürzt war. Das Bauunternehmen hatte diese aus Kostengründen in Kauf genommen.

Summa summarum kommt doch einiges an Denkwürdigem im Fricktal zusammen. Bleibt eine Frage: Wer unter den Lebenden hätte ein Denkmal verdient? Hüsser lacht. «Lebenden Personen setzt man kein Denkmal», sagt er. «Verdient hätten es allerdings schon ein paar.» Wer? Die Antwort überlassen wir gerne Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Schreiben Sie uns Ihren Vorschlag mit einer kurzen Begründung.

Schreiben Sie uns

Wer verdient ein Denkmal? Mailen Sie Ihren Vorschlag an fricktal(ad)aargauerzeitung.ch